Viele Motive erinnern an Andy Warhol
Das Auto sieht gar nicht gut aus. Es liegt auf dem Dach, ein zerfetzter Haufen Blech, grob und rasch gemalt fast im Maßstab 1:1; laut Bildtitel ein Alfa.
Diese kleine Prise Italianità im Katastrophengemälde ist ein kleiner Wink seines wenig bekannten Urhebers Mario Schifano – während das Motiv an jemanden sehr Berühmten und dessen ikonisches Werk erinnert: Ambulance Car Crash von Andy Warhol.
„Man findet in den Werken von Mario Schifano sehr viele Überschneidungen zu Andy Warhol in den Motiven, unter anderem dem Autocrash, und man darf sich fragen, wer wen dazu inspiriert hat“, sagt Svenja Frank, die Leiterin des Schauwerks Sindelfingen. Sie hat zwölf Jahre an dieser ersten Retrospektive Schifanos in einem deutschen Museum gearbeitet.
Reger Austausch mit Beat-Poet Frank O'Hara und Malerstar Jasper Jones
Dicht am Eingang hängt jetzt der gecrashte Alfa, gemalt 1965 in New York. Damals hatte Schifano ein Atelier nahe Warhols Factory in Manhattan, und das war nicht sein einziger Draht zur damaligen Avantgarde. Im Stockwerk unter seinem Atelier lebte der Beat-Poet Frank O'Hara, über ihm der Popart-Malerstar Jasper Johns.
„Es gab einen regen Austausch“, sagt Svenja Franke. Schilderungen zufolge sei Frank O'Hara jederzeit in Schifanos Wohnung oder Studio gestürmt, habe ihm etwas Neues, was er gerade geschrieben hatte, vorgetragen und sei wieder verschwunden.
Schifano muss ein Getriebener gewesen sein
Währenddessen habe Schifano unermüdlich Inspirationen aus der Metropole aufgesaugt und in seine Malerei integriert – Reklame, Slogans, Firmen-Logos. Schifano müsse ein Getriebener gewesen sein, schildert Svenja Frank:
„Er konnte nicht stillsitzen. Es gibt Interviews, bei denen er am Tisch sitzend gezeichnet hat, eine Zeichnung nach der anderen. Er war in einem ständigen kreativen Prozess mit sich selbst.“
Gastauftritte von Mick Jagger und Keith Richards in Schifanos Experimentalfilm
Auch Schifanos Privatleben ist nicht gerade eintönig. Mitte der 60er-Jahre lebt er mit Anita Pallenberg zusammen, bevor das Model eine Beziehung mit Keith Richards beginnt.
Dank Pallenberg werden Schifano, Richards und Mick Jagger so etwas wie Kumpel, und 1969 haben die beiden Stones Gastauftritte in Schifanos Experimentalfilm „Umano – non umano“. Allerdings lässt Jagger am Set so oft auf sich warten, dass Schifano eines Tages der Geduldsfaden reißt, erzählt Svenja Franke:
„Dann hat Mario Schifano ihn irgendwann mal angerufen und gesagt: Also Mick, entweder du kommst jetzt mal oder nicht. Und wenn du nicht dabei sein willst, interessiert das auch niemanden.“ Darauf erscheint Sir Mick in einem knallpinken Bühnenfummel und performt ein Playback von „Street Fighting Man“, eine zornige Hymne an die Revoluzzer von 1968.
Fernseher mussten Tag und Nacht laufen
Schifano malt Genossen mit Hammer und Sichel, später widmet Jagger ihm den Song „Monkey Man“, der ziemlich unverblümt auch die Drogensucht des Malers thematisiert. Der hat unterdessen das Fernsehen entdeckt und stattet seine Wohnung mit unzähligen Apparaten aus.
„Seine damalige Frau, Monika de Bay Schifano, erzählt, dass die Apparate Tag und Nacht liefen und sie es manchmal nicht ertragen konnte; aber da war nichts zu machen", sagt Svenja Franke. „Die Inspirationsquelle musste laufen.“
Am Ende verkauft Schifano im Fernsehen seine Bilder
Dem TV entnimmt Schifano zahllose Bildmotive, bevor er in den 90ern selbst in die Flimmerkiste schlüpft: Im italienischen Werbefernsehen verkauft er seine Bilder als Druckgrafiken in Massenauflagen. So kommt einer der Großen der Pop-Art am Ende seines Lebens ganz zu sich selbst – im populärsten Medium seiner Epoche.
„Mario Schifano hat sich selbst, vielleicht kann man das wirklich so sagen, als Medium empfunden, weil er unaufhörlich viele Bilder aufnimmt und sofort in seinem Inneren Bilder entstehen, die auch wieder raus wollen, auf die Leinwand gebracht werden wollen“, so Svenja Frank. „Und dies beschreibt diese Never-Ending-Tour: Es gibt keinen Anfang und kein Ende.“
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