Es gibt einen ziemlich sicheren Weg, Museumskuratoren bei einer Ausstellungseröffnung zu verärgern: ihnen ausgerechnet an diesem Abend die Werke anderer Künstler ans Herz zu legen. Genau das passierte Saskia Dams, der Leiterin des Museums im Kleihues-Bau in Kornwestheim, vor einigen Jahren. Ein Gast drückte ihr eine Mappe in die Hand.
Eigentlich hatte sie gerade Wichtigeres zu tun, erinnert sie sich. Doch die Unterlagen weckten ihre Neugier und sie schlug die Mappe auf. Ihr erster Gedanke damals? „So etwas habe ich noch nie gesehen.“
Zwischen Futurismus und Pop-Art
Was Saskia Dams unter die Augen bekam, waren Werke des 1985 verstorbenen Reiner Michelfelder. Geometrische Kompositionen aus Ellipsen, Kreisen und Strichen. Ein Look irgendwo zwischen Futurismus und Pop-Art.
Das Museum im Kleihues-Bau präsentiert nun die erste umfassende Michelfelder-Retrospektive und es zeigt sich: Die Mischung aus Bewunderung und Rätselraten hält bis heute an.
Im Jahr 1970 strömten an einem einzigen Wochenende 5000 Besucher zu einer Ausstellung dieser Bilder, berichtet Reiner Michelfelders Sohn Jörg. Er erinnert sich vor allem an die Einträge in ein Gästebuch. Unter anderem soll damals dort gestanden haben: „Ich kann damit eigentlich gar nichts anfangen, aber es gefällt mir.“
Was sie zeigen oder darstellen, bleibt unerklärt, denn ihr Schöpfer hat sie nur mit Codes aus Ziffern und Buchstaben betitelt. Weil der Inhalt also offenbar die Form ist, stellt sich die Frage nach der Machart – Jahrzehnte bevor Computergrafik Ähnliches ermöglichte.
Küchengeräte im Kunst-Einsatz
Reiner Michelfelder war ein handwerklich hoch begabter Tüftler, der im Fotolabor mit Spiegeln, Linsen, Projektionen und Verzerrungen experimentierte, erinnert sich sein Sohn Jörg Michelfelder, der schon als Kind zuschauen durfte. Es seien oft Küchengeräte zum Einsatz gekommen, die dann seiner Mutter gefehlt hätten, sagt er und lacht. Sie soll immer wieder gefragt haben: „Reiner, wo ist mein Küchensieb?“ Vielleicht ein Erklärungsansatz.
Wir hatten keine anderen Geräte und das Küchengerät war gerade richtig dafür.
Direkt nach dem Krieg starteten die Eheleute Michelfelder in größter Flüchtlingsarmut eine kunsthandwerkliche Produktion, Möbel, Vasen und Bilder entstanden. Seine Dunkelkammer-Arbeiten nannte Reiner Michelfelder „Dynografien“, um die Dynamik der Linienführung zu betonen.
Zudem freundete er sich mit einem jungen Fotografen an, dessen abstrakte Experimente die Dynografien sichtlich beeinflussten: Peter Keetman, heute berühmt als Exponent der sogenannten Subjektiven Fotografie. „Sie waren wie Brüder, super Freunde“, erinnert sich Jörg Michelfelder an das Verhältnis.
Inzwischen ist aus der Kunst ein ganzes Generationenprojekt geworden. Denn Jörg Michelfelder lebt seit 50 Jahren in den USA. Um den Nachlass kümmert sich deshalb inzwischen ein Enkel des Künstlers: Jens Burkert, der als Grafiker in Ulm eine Werbeagentur leitet.
Und auch dessen Sohn mischt inzwischen mit. Reiner Michelfelders Urenkel programmierte etwa eine entsprechende Webseite und lässt dort auf der Basis der alten Werke neue Formen auf der Homepage entstehen. Für Sohn und Enkel schließt sich so ein Kreis.
„Das Schöne ist, dass auch in der vierten Generation Ars Dynografia noch am Leben ist und lebendig bleiben wird.
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