64 Prozent aller Nutzer, die in einer radikalen Facebook-Gruppe landen, sind vom hauseigenen Algorithmus dorthin geführt worden. Zu dieser schockierenden Erkenntnis kommt die junge Tech-Analystin Frances Haugen 2019.
Sie versucht, ihre Vorgesetzten bei Facebook zu alarmieren. Doch keiner will ihr zuhören. Im Gegenteil: ihre Abteilung, die an ethischen Leitlinien arbeitet, soll aufgelöst werden. Verzweifelt wendet sich Frances an den investigativen Reporter Jeff Horwitz vom Wall Street Journal. Dieser sitzt an einer Recherche zu Facebooks Einfluss auf Politik und Gesellschaft.
Wie die Geschäftspraktiken von Facebook enthüllt wurden
„The Social Reckoning“ erzählt die wahre Geschichte, wie Frances Haugen zur Whistleblowerin wird und Jeff Horwitz mit 20.000 Seiten interner Dokumente versorgt. Diese so genannten „Facebook Files“ enthüllen 2021 die skandalösen Geschäftspraktiken des Unternehmens: Zum Beispiel nimmt Instagram in Kauf, dass es die mentale Gesundheit vieler Mädchen ruiniert.
Facebook ist nicht nur zu einem Umschlagplatz für Drogen- und Menschenhandel geworden. Das Netzwerk, das doch eigentlich alle Menschen miteinander verbinden will, ändert seinen Algorithmus so, dass er das Teilen von Hass, Hetze und Falschinformationen fördert. Denn negative Emotionen bringen die meiste Aufmerksamkeit und damit den größten Profit.
Mark Zuckerberg nicht mehr der Nerd aus „The Social Network“
Der Film springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her: zwischen 2019, als die Recherche beginnt und 2021, als sich Zuckerberg für eine Anhörung vor dem US-Kongress vorbereitet. Dort soll er sich für die Missstände rechtfertigen.
Jeremy Strong spielt Mark Zuckerberg mit versteinertem Gesichtsausdruck als Mann, der sich ausschließlich für Macht und Geld interessiert. Aus dem nerdigen Facebook-Erfinder aus „The Social Network“ ist einer der mächtigsten Herrscher der Tech-Industrie geworden.
Hier wissen alle: Nein heißt Nein! Es gibt keine Diskussionen! Ich bin kein Anfänger aus dem Studentenwohnheim mehr!
Forum Schreibtischhelden und Schmierfinken – Wie das Kino unser Bild vom Journalismus prägt
Der neue Film "The Social Reckoning" erzählt die Geschichte einer journalistischen Enthüllung. So wie vor 50 Jahren "Die Unbestechlichen". Robert Redford und Dustin Hoffman setzten damit dem investigativen Journalismus ein Denkmal. Hat das Kino unseren Blick auf den Journalismus verändert?
Reporterfilm mit klassisch anmutendem Plot
Wirklich nah kommt der Film Zuckerberg allerdings nicht. Regisseur und Drehbuchautor Aaron Sorkin stellt stattdessen seine Gegenspieler ins Zentrum: Frances Haugen, gespielt von Mikey Madison und Jeff Horwitz, gespielt von Jeremy Allen White.
Deren Recherche erzählt Sorkin als klassischen, fast ein wenig anachronistisch anmutenden Reporterfilm: die integre Whistleblowerin und der auf Fakten insistierende Print-Journalist triumphieren, zumindest für den Moment, über den Fake-News-König der digitalen Medien.
Der Blick auf Social Media hat sich verfinstert
An die enorm unterhaltsame Rasanz und Raffinesse des von David Fincher inszenierten Vorgängers „The Social Network“ kommt „The Social Reckoning“ nicht heran. Aber natürlich ist die Frage der gesellschaftlichen Polarisierung, die der aktuelle Film verhandelt, auch deutlich schwerwiegender.
Der Blick auf die sozialen Medien hat sich im Vergleich zu 2010 verdüstert. Erst recht, seit sich US-Regierung und Tech-Business zu einer unheilvollen Allianz zusammengeschlossen haben. Um zu demonstrieren, wie verbale Hetze in den sozialen Medien in reale Gewalt umschlagen kann, lässt Sorkin den Film auf den Kapitol-Sturm am 6.Januar 2021 zulaufen. Zwar fällt der Name 'Trump' kein einziges Mal - dennoch denkt man den US-Präsidenten mit.
Sorkin bringt Licht in die Mechanismen hinter dem Algorithmus
Auch wenn die im Film verhandelten Erkenntnisse fünf Jahre nach ihrer Enthüllung nicht mehr neu sind, ist es doch wichtig, sie noch einmal öffentlichkeitswirksam aufzuarbeiten. Sorkin schafft es, die perfiden Mechanismen, nach denen der Algorithmus arbeitet, für Laien verständlich zu erklären. Ebenso wie die Folgen, die das für die Gesellschaft hat.
"The Social Reckoning" mag ziemlich idealistisch sein – aber der Film macht Mut, dass man auch gegen die übermächtige Tech-Branche Siege erringen kann.
„The Social Reckoning“, ab 8.10.2026 im Kino
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