Nordöstlich von Hasborn erstreckt sich ein riesiger Solarpark. Die Wiesen an der Landstraße Richtung Niederöfflingen sind voller blitzender Module. Doch mitten in der Anlage klafft eine Lücke, so groß wie mehrere Fußballfelder.
Meterhoch schießen Gras und Unkraut heraus. Was darunter verborgen liegt, ist allerdings mit dem bloßen Auge unsichtbar. Es braucht einen Magnet-Sensor, um tief in die Erde zu schauen und die ungewöhnlichen Strukturen zu erkennen: zwei Gräben, die offenbar Teil einer uralten Siedlung in der Eifel waren.
Archäologe: "Habe so etwas noch nie gesehen"
Die Anlage hat einen Durchmesser von rund 100 Metern und sie wurde von Menschen gebaut. Doch welches Geheimnis verbirgt sich dahinter? Diese Frage hat bei Lars Bloeck von der Landesarchäologie Trier für einiges Kopfzerbrechen gesorgt. Denn er hat eine solche Siedlung noch nie gesehen: "Ich kenne keine vergleichbare Anlage. Das ist einmalig."
Deshalb haben die Archäologen eine Art Mini-Ausgrabung organisiert. Mit einem Bagger haben sie Proben gezogen, ohne gleich die ganze Anlage freizulegen. Dabei sind sie auf verdächtige Löcher gestoßen, in denen vermutlich die Holzpfosten einer Palisade gesteckt haben.
Noch bedeutender für die Forschenden war aber der Fund einer Brennplatte aus Lehm mit Kohle- und Ascheresten. Ein Glücksfall für die Wissenschaftler, denn der Kohlenstoff ließ sich in einem Labor in Mannheim untersuchen. So hat das Team um Lars Bloeck erfahren, dass das Holz in der Zeit zwischen 664 und 796 verfeuert wurde.
Kaum Funde aus dem Frühmittelalter
Die Anlage stammt also aus dem Frühmittelalter. Und das macht die Entdeckung für die Wissenschaftler wirklich spannend. Denn über diese Epoche nach dem Untergang des Römischen Reiches ist nur wenig bekannt. Nicht umsonst sprechen Historiker von den "Dark Ages" – dem Dunklen Zeitalter.
Gerade rund um die ehemalige römische Kaiserstadt Trier konzentrierte sich die Forschung lange auf die Antike. Die Römer hinterließen Steinbauten, wie die Porta Nigra oder die Kaiserthermen, die die Jahrhunderte überdauert haben.
Diese römischen Gebäude wurden im frühen Mittelalter zwar weiter genutzt. Sonst wurde aber vor allem mit Holz gebaut, das irgendwann verfaulte oder verbrannte. "Da bleibt dann noch so eine schwarze Erdschicht übrig", erklärt Bloeck: "Die hat man früher nicht für wichtig gehalten und weggebaggert."
Energiewende bringt neue Funde ans Tageslicht
Gerade in den vergangenen Jahren hat die Forschung zum Frühmittelalter in der Region Trier aber wieder Fahrt aufgenommen. Vor allem in der Eifel haben die Landesarchäologen einige Entdeckungen gemacht, die mehr über die Epoche verraten. So etwa einen Bauernhof bei Schleid, ein uraltes Steinhaus nahe der Liebfrauenkirche in Bitburg und ein Gräberfeld in Welschbillig.
Lars Bloeck vermutet, dass noch mehr Funde im Eifelboden schlummern. Die Landesarchäologen graben aber nicht einfach drauflos. Sie werden meist zu Baustellen gerufen, um verborgene Denkmäler aufzuspüren und vor dem Bagger zu bewahren.
Auch die Energiewende führt zu immer neuen Funden. Immer wenn Windräder oder Photovoltaik-Anlagen gebaut werden sollen, suchen die Archäologen vorher die Flächen ab. In Hasborn hatten Bloeck und seine Kollegen sich umgesehen, weil der Bau des Solarparks anstand. Da es dort schon Hügelgräber gab, wollten sie genauer hinschauen. Mit einer frühmittelalterlichen Anlage hatten sie allerdings nicht gerechnet.
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Frühmittelalter war von Armut und Unsicherheit geprägt
Eine vergleichbare Siedlung hat auch Matthias Becher noch nie gesehen. Der Geschichtswissenschaftler ist ein Experte für das frühe Mittelalter, er hat zahlreiche Schriftstücke aus den Bibliotheken der Klöster studiert.
Doch selbst der Mittelalter-Fachmann will sich bei der Interpretation der Anlage nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. "Eine kreisrunde Anlage, mit einer Palisade bewehrt, könnte eine Zufluchtsstätte für Menschen in Notsituationen gewesen sein", vermutet der Professor. Um mehr zu erfahren, müssten die Archäologen die Anlage aber komplett ausgraben. Denn aus den Aufnahmen und ersten Untersuchungen ist nicht mehr zu erfahren.
Anlage in Hasborn wird nicht ausgegraben
Dass er mit der Forschung erstmal in einer Sackgasse gelandet ist, wurmt auch Lars Bloeck. Doch für ihn ist es ein altbekanntes Dilemma zwischen Denkmalschutz und Wissenschaft: "Daten bekomme ich nur bei einer großen Ausgrabung.
Aber eine große Ausgrabung bedeutet eine Zerstörung des Denkmals." Die runden Gräben bleiben also in der Hasborner Erde. Es könnte demnach sein, dass ihr Geheimnis nie gelüftet wird, sagt Bloeck: "Es ist für uns immer noch rätselhaft, was wir eigentlich da vor uns haben."