Ein Schiff aus Stein hat Neumagen-Dhron im Jahr 1877 schlagartig berühmt gemacht. Damals haben die Archäologen in dem Moselort nach einem römischen Kastell gegraben und eine überraschende Entdeckung gemacht: im Fundament der Mauern lagen mehrere riesige Monumente.
Darunter war das Grabmal eines römischen Weinhändlers, das heute als Neumagener Weinschiff bekannt ist. Es zeigt ein Schiff mit Ruderern und Weinfässern an Bord und gilt als Beleg dafür, dass schon die Römer hier Reben angebaut haben. "Das hat für Schlagzeilen gesorgt. Das war eine richtige Sensation", sagt Pia Theis von der Tourist-Information in Neumagen-Dhron.
Ein Weinschiff als Wahrzeichen
Rund 150 Jahre später ist das Schiff noch immer das Wahrzeichen des Dorfes und seine größte Touristenattraktion, sagt Ortsbürgermeister Dieter Heintz: "Es begründet unsere Identität als ältestes Weindorf Deutschland. Darauf fußt unsere ganze Geschichte."
2027 will die Gemeinde diesen Fund deshalb nochmal feiern. Dabei ist es gar nicht hundertprozentig sicher, dass das Schiff wirklich aus Neumagen-Dhron stammt. Auch wenn es eine Menge über das Dorf, die Antike und die römische Baukultur verrät.
Römischer Dichter erwähnt Dorf zum ersten Mal
Im Jahr 368 nach Christus hat der römische Dichter Decimus Magnus Ausonius die Siedlung in seinem Reisebericht "Mosella" zum ersten Mal erwähnt. Er war von Mainz nach Trier unterwegs, als er das Moseltal sah, den "Kranz von Villen" an den Uferhängen, die "leise schmeichelnden Gesänge" des Flusses und das "berühmte Lagerkastell", das damals"Noviomagus Treverorum" hieß.
Neumagen-Dhron lag damals etwa einen Tagesritt von der Kaiserstadt Trier entfernt. Es war für Soldaten und Händler ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Bingen. Weil die Karawanen jedoch immer wieder überfallen wurden, haben die Römer zu ihrem Schutz die Festung gebaut, die die Archäologen 1877 ausgegraben haben.
Ganzer Saal mit Funden aus Neumagen in Trierer Museum
Das Rheinische Landesmuseum in Trier hat den Funden von damals eine ganze Ausstellungshalle gewidmet. Der Saal ist voll von Grabmalen, Altären und Skulpturen, die Teil des Kastells waren. "Die Monumente waren für die Römer ein Steinbruch", sagt Pia Theis von der Tourist-Information. Beim Bau der Wehranlagen haben sie nämlich Recycling betrieben.
Sie nutzten die alten Grabsteine aus dem 2. und 3. Jahrhundert, zerlegten sie zu Blöcken und setzten damit Mauern und Türme. Und dabei gingen sie nicht gerade zimperlich vor. Manchen Gottheiten schlugen sie kurzerhand die Köpfe ab.
Recycling war bei Römern üblich
"Das war üblich in der Spätantike", sagt der Historiker Lukas Clemens von der Universität Trier. Denn mit dem Aufstieg des Christentums veränderte sich die Bestattungskultur im Römischen Reich. Tote wurden nicht mehr verbrannt, sondern auf Friedhöfen beerdigt.
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Es gab somit keine Verwendung mehr für die großen Grabdenkmäler an den Straßen. So hat man sie abgerissen und das Material wiederverwertet. "Aus heutiger Sicht ist das eine Katastrophe", meint Pia Theis. "Doch damals erschien das pragmatisch."
Neumagener Grabmäler könnten aus Trier stammen
Auch die Stadtmauer des antiken Mainz enthielt solche Grabmäler. Wissenschaftler untersuchen sie derzeit mit moderner Technik, um herauszufinden, wo sie herkommen.
Woher die Neumagener Grabmäler stammen, ist unter Fachleuten umstritten. Der Trierer Historiker Lukas Clemens vermutet, dass sie an den Straßen nördlich und südlich von Trier standen. Für den Kastellbau seien sie wahrscheinlich über die Mosel nach Neumagen gebracht worden: "Die reichen Verzierungen passen eher zu einer Metropole als zu einer kleinen Siedlung."
Pia Theis von der Tourist-Information geht hingegen davon aus, dass die Denkmäler aus dem Umfeld des Dorfes stammen: "Sie zeigen, welchen Stellenwert Neumagen-Dhron in der Antike hatte."
Schiff lockt Tausende Touristen an
Besonders bitter wäre es für die Gemeinde, wenn selbst ihr berühmtes Weinschiff eigentlich aus Trier stammen würde. Denn über die Jahre hat es sich zu einem Touristenmagneten entwickelt.
2007 haben Archäologen das Weinschiff mit den Augen am Bug und dem Drachenkopf originalgetreu nachbauen lassen. Seitdem gehen jedes Jahr zwischen 5.000 und 8.000 Passagiere an Bord der "Stella Noviomagi", was auf Deutsch "Der Stern Neumagens" heißt.
Bevor das Schiff im Mai aus dem Trockendock ausläuft, steht noch viel ehrenamtliche Arbeit an, sagt Jürgen Nilles vom Förderverein: "Wir müssen immer wieder das Holz abschleifen, kleine Risse und Lecks ausbessern und den Lack neu auftragen."
Gemeinde will Entdeckung der Funde feiern
Auch im Ortskern will die Gemeinde das römische Erbe sichtbarer machen. Der archäologische Rundweg sei in die Jahre gekommen, sagt Ortsbürgermeister Dieter Heintz: "Wir würden ihn gerne aufhübschen lassen". Eine andere Beleuchtung und neue Informationstafeln sind im Gespräch.
Spätestens 2027 soll alles fertig sein. Dann jährt sich die Entdeckung der römischen Funde zum 150. Mal. Die Gemeinde plant ein großes Jubiläum – ein Weinfest und kleine Veranstaltungen mit Winzern und Künstlern. Bis Anfang Januar soll das Konzept stehen.
Pia Theis hofft, dass die römische Geschichte dadurch stärker ins Bewusstsein rückt: "Das ist ein Teil unserer Kultur und unserer Vergangenheit. Und hier noch so greifbar wie an wenigen anderen Orten an der Mosel."