Archäologische Sensation von 1877

Wie die Römer einen Moselort bis heute prägen

Vor rund 150 Jahren haben Archäologen in Neumagen-Dhron große Grabmale entdeckt, die viel über die Antike erzählen. Und über römisches Recycling.

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Stand

Von Autor/in Christian Altmayer

Ein Schiff aus Stein hat Neumagen-Dhron im Jahr 1877 schlagartig berühmt gemacht. Damals haben die Archäologen in dem Moselort nach einem römischen Kastell gegraben und eine überraschende Entdeckung gemacht: im Fundament der Mauern lagen mehrere riesige Monumente.

Darunter war das Grabmal eines römischen Weinhändlers, das heute als Neumagener Weinschiff bekannt ist. Es zeigt ein Schiff mit Ruderern und Weinfässern an Bord und gilt als Beleg dafür, dass schon die Römer hier Reben angebaut haben. "Das hat für Schlagzeilen gesorgt. Das war eine richtige Sensation", sagt Pia Theis von der Tourist-Information in Neumagen-Dhron.

Ein Weinschiff als Wahrzeichen

Rund 150 Jahre später ist das Schiff noch immer das Wahrzeichen des Dorfes und seine größte Touristenattraktion, sagt Ortsbürgermeister Dieter Heintz: "Es begründet unsere Identität als ältestes Weindorf Deutschland. Darauf fußt unsere ganze Geschichte."

Eine Nachbildung des Weinschiffes steht im Neumagener Ortskern. Für Ortsbürgermeister Dieter Heintz ist es der wichtigste Fund aus seiner Gemeinde.
Eine Nachbildung des Weinschiffes steht im Neumagener Ortskern. Für Ortsbürgermeister Dieter Heintz ist es der wichtigste Fund aus seiner Gemeinde. Christian Altmayer

2027 will die Gemeinde diesen Fund deshalb nochmal feiern. Dabei ist es gar nicht hundertprozentig sicher, dass das Schiff wirklich aus Neumagen-Dhron stammt. Auch wenn es eine Menge über das Dorf, die Antike und die römische Baukultur verrät.

Römischer Dichter erwähnt Dorf zum ersten Mal

Im Jahr 368 nach Christus hat der römische Dichter Decimus Magnus Ausonius die Siedlung in seinem Reisebericht "Mosella" zum ersten Mal erwähnt. Er war von Mainz nach Trier unterwegs, als er das Moseltal sah, den "Kranz von Villen" an den Uferhängen, die "leise schmeichelnden Gesänge" des Flusses und das "berühmte Lagerkastell", das damals"Noviomagus Treverorum" hieß.

Eine Acht aus Reben: Manche der Reliefs, die in Neumagen-Dhron gefunden wurden, haben auch Bezüge zum Weinbau an der Mosel.
Eine Acht aus Reben: Manche der Reliefs, die in Neumagen-Dhron gefunden wurden, haben auch Bezüge zum Weinbau an der Mosel. Christian Altmayer

Neumagen-Dhron lag damals etwa einen Tagesritt von der Kaiserstadt Trier entfernt. Es war für Soldaten und Händler ein Zwischenstopp auf dem Weg nach Bingen. Weil die Karawanen jedoch immer wieder überfallen wurden, haben die Römer zu ihrem Schutz die Festung gebaut, die die Archäologen 1877 ausgegraben haben.

Ganzer Saal mit Funden aus Neumagen in Trierer Museum

Das Rheinische Landesmuseum in Trier hat den Funden von damals eine ganze Ausstellungshalle gewidmet. Der Saal ist voll von Grabmalen, Altären und Skulpturen, die Teil des Kastells waren. "Die Monumente waren für die Römer ein Steinbruch", sagt Pia Theis von der Tourist-Information. Beim Bau der Wehranlagen haben sie nämlich Recycling betrieben.

Die meisten Monumente in diesem Saal des Rheinischen Landesmuseums in Trier stammen aus Neumagen-Dhron.
Die meisten Monumente in diesem Saal des Rheinischen Landesmuseums in Trier stammen aus Neumagen-Dhron. Christian Altmayer

Sie nutzten die alten Grabsteine aus dem 2. und 3. Jahrhundert, zerlegten sie zu Blöcken und setzten damit Mauern und Türme. Und dabei gingen sie nicht gerade zimperlich vor. Manchen Gottheiten schlugen sie kurzerhand die Köpfe ab.

Recycling war bei Römern üblich

"Das war üblich in der Spätantike", sagt der Historiker Lukas Clemens von der Universität Trier. Denn mit dem Aufstieg des Christentums veränderte sich die Bestattungskultur im Römischen Reich. Tote wurden nicht mehr verbrannt, sondern auf Friedhöfen beerdigt.

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Es gab somit keine Verwendung mehr für die großen Grabdenkmäler an den Straßen. So hat man sie abgerissen und das Material wiederverwertet. "Aus heutiger Sicht ist das eine Katastrophe", meint Pia Theis. "Doch damals erschien das pragmatisch."

Neumagener Grabmäler könnten aus Trier stammen

Auch die Stadtmauer des antiken Mainz enthielt solche Grabmäler. Wissenschaftler untersuchen sie derzeit mit moderner Technik, um herauszufinden, wo sie herkommen.

Woher die Neumagener Grabmäler stammen, ist unter Fachleuten umstritten. Der Trierer Historiker Lukas Clemens vermutet, dass sie an den Straßen nördlich und südlich von Trier standen. Für den Kastellbau seien sie wahrscheinlich über die Mosel nach Neumagen gebracht worden: "Die reichen Verzierungen passen eher zu einer Metropole als zu einer kleinen Siedlung."

Pia Theis von der Tourist-Information geht hingegen davon aus, dass die Denkmäler aus dem Umfeld des Dorfes stammen: "Sie zeigen, welchen Stellenwert Neumagen-Dhron in der Antike hatte."

Schiff lockt Tausende Touristen an

Besonders bitter wäre es für die Gemeinde, wenn selbst ihr berühmtes Weinschiff eigentlich aus Trier stammen würde. Denn über die Jahre hat es sich zu einem Touristenmagneten entwickelt.

2007 haben Archäologen das Weinschiff mit den Augen am Bug und dem Drachenkopf originalgetreu nachbauen lassen. Seitdem gehen jedes Jahr zwischen 5.000 und 8.000 Passagiere an Bord der "Stella Noviomagi", was auf Deutsch "Der Stern Neumagens" heißt.

Die "Stella Noviomagi" wird derzeit im Trockendock auf Vordermann gebracht, damit sie im Mai wieder über die Mosel schippern kann.
Die "Stella Noviomagi" wird derzeit im Trockendock auf Vordermann gebracht, damit sie im Mai wieder über die Mosel schippern kann. Christian Altmayer

Bevor das Schiff im Mai aus dem Trockendock ausläuft, steht noch viel ehrenamtliche Arbeit an, sagt Jürgen Nilles vom Förderverein: "Wir müssen immer wieder das Holz abschleifen, kleine Risse und Lecks ausbessern und den Lack neu auftragen."

Jürgen Nilles sorgt mit seinen Kollegen vom Förderverein dafür, dass das Neumagener Weinschiff erhalten bleibt.
Jürgen Nilles sorgt mit seinen Kollegen vom Förderverein dafür, dass das Neumagener Weinschiff erhalten bleibt. Christian Altmayer

Gemeinde will Entdeckung der Funde feiern

Auch im Ortskern will die Gemeinde das römische Erbe sichtbarer machen. Der archäologische Rundweg sei in die Jahre gekommen, sagt Ortsbürgermeister Dieter Heintz: "Wir würden ihn gerne aufhübschen lassen". Eine andere Beleuchtung und neue Informationstafeln sind im Gespräch.

Auf dem archäologischen Rundweg in Neumagen-Dhron können sich Besucher Replikate der Fundstücke aus dem Ort anschauen.
Auf dem archäologischen Rundweg in Neumagen-Dhron können sich Besucher Replikate der Fundstücke aus dem Ort anschauen. Christian Altmayer

Spätestens 2027 soll alles fertig sein. Dann jährt sich die Entdeckung der römischen Funde zum 150. Mal. Die Gemeinde plant ein großes Jubiläum – ein Weinfest und kleine Veranstaltungen mit Winzern und Künstlern. Bis Anfang Januar soll das Konzept stehen.

Pia Theis hofft, dass die römische Geschichte dadurch stärker ins Bewusstsein rückt: "Das ist ein Teil unserer Kultur und unserer Vergangenheit. Und hier noch so greifbar wie an wenigen anderen Orten an der Mosel."

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Christian Altmayer
Foto von Christian Altmayer, Redakteur bei SWR Aktuell im Studio Trier

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