Anna, die ihren richtigen Namen nicht bekannt geben möchte, lebt seit vielen Jahren in Mainz. Sie hat viele Therapien gemacht, um das zu verarbeiten, was sie in ihrer Kindheit mit ihrer alkoholabhängigen Mutter erlebt hat. Und sie trifft sich auch heute noch regelmäßig mit einer Gruppe von Angehörigen.
Anna: "Meine Mutter hatte vier Promille"
Annas Mutter hat schon mit dem Trinken angefangen, als Anna drei Jahre alt war. Aber das habe sie erst als erwachsene Frau erfahren, erzählt die 36-jährige Mainzerin. In der Familie war das Thema lange tabu. Die Sucht kam eigentlich eher zufällig ans Licht. Als ihre Mutter wegen starken Nasenblutens in ein Krankenhaus kam, so Anna: "Ich kann mich noch dunkel erinnern, dass dann der Arzt kam zu meinem Vater und gesagt hat: 'Ja, ihre Frau hat ganz schön viel Promille im Blut'." Vier Promille seien es damals gewesen.
Ab diesem Zeitpunkt hätten ihr älterer Bruder und sie das mehr mitbekommen. Ihre Mutter sei manchmal tagelang nicht richtig ansprechbar gewesen. "Das Schlimmste war mal, als ich von der Schule nach Hause gekommen bin und meine Mutter lag vor dem Bett in ihrer Kotze." Sie sei völlig in Panik geraten. Der Vater war arbeiten, der Bruder noch in der Schule. Schließlich habe sie einen Krankenwagen gerufen, erzählt Anna "und dann bin ich aber abgehauen, weil ich ein bisschen Angst hatte, dass die jetzt sagen, ich muss hier weg." Da war Anna etwa zwölf Jahre alt.
"Papa, hat die Mama wieder getrunken?"
Anna hat das Thema Alkohol immer wieder angesprochen und gefragt: "Papa, hat die Mama wieder getrunken?" Zuhause habe es dann oft viel Geschrei und Beschimpfungen gegeben. Mit anderen habe Anna nicht darüber reden dürfen, dass die Mutter trinkt. Aber als die Noten in der Schule immer schlechter wurden, sprach eine Lehrerin sie an. Und dann war es raus.
Es folgten Jahre mit vielen Aufs und Abs. Die Mutter machte immer wieder einen Entzug und dann kam immer wieder der Rückfall. Einmal war sie über ein halbes Jahr lang weg in einer Langzeittherapie, erinnert sich Anna: "Das war für mich dann auch krass. Dann ist dann halt der Part der Mutter komplett weg." Da sei sie 13 Jahre alt gewesen.
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"Ich habe mich immer sehr einsam gefühlt"
Obwohl selten darüber gesprochen wurde, habe sich alles immer irgendwie um die Sucht und um die Probleme ihrer Eltern gedreht, sagt Anna. An Geld fehlte es nicht, aber "ich habe sehr viel geweint. Ich habe viel geschrien. Ich war sehr wütend. Und ich habe mich sehr einsam gefühlt, weil im Fokus waren immer Papa und Mama". Aber sie habe auch früh gelernt, sich Hilfe zu suchen.
Wie groß die Verletzungen waren, wie sehr sie durch den Alkoholismus ihrer Mutter gelitten hat, weiß Anna heute nach vielen jahrelangen Therapiesitzungen. Ein Schlüsselerlebnis sei gewesen, als ein Therapeut ihr vor einigen Jahren sagte, sie solle beim Weinen die Hände vom Gesicht wegnehmen. Sie habe sich nämlich immer furchtbar geschämt, aber schließlich habe sie es geschafft: "Der Therapeut meinte: 'Sie sind so tief in dem Schmerz gewesen. Sie haben es so offenbart. Jetzt sind sie dabei, zu heilen'."
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Kontakt zu betrunkener Mutter: "Gelernt, Grenzen zu ziehen"
Heute steht die 36-Jährige im Leben, hat einen Studienabschluss, einen Job, einen Partner und gute Freundinnen. Aber: Ihre Mutter hat nach dem Tod des Vaters 2022 wieder mit dem Trinken angefangen. Nachdem sie fünf Jahre lang trocken war. Das habe Vieles wieder hochgespült, sagt Anna. Obwohl sie gelernt habe, Grenzen zu ziehen. Etwa wenn sie mit ihrer betrunkenen Mutter telefoniere. Dann sage sie: "Mama, du weißt, an wen du dich wenden kannst. Ich möchte gerne mit Dir telefonieren, wenn du wieder klar und nüchtern bist."
Angehörigengruppe der Diakonie RLP hilft
Dennoch: Immer wieder komme das schlechte Gewissen hoch, weil sie ihrer Mutter nicht helfe, nicht bei ihr sei. Und immer wieder reiße es ihr den Boden unter den Füßen weg, wenn ihre Mutter so teilnahmslos sei und keine Hilfe annehme, sagt Anna: "Das ist das, was, glaube ich, jeden Angehörigen zerfrisst, weil man will dem Angehörigen helfen. Und der will das nicht, warum auch immer."
In der Suchtberatung "DigiSucht" der Diakonie Rheinland-Pfalz findet Anna viel Unterstützung: "Zu wissen, man ist mit all den Gedanken nicht alleine und wenn man da andere Betroffene hat, die verstehen das noch mal ganz anders als etwa Freunde, die das nicht erlebt haben." Seit mehr als zwei Jahren sei sie nun bei den Online-Treffen der Angehörigengruppe dabei.
Appell an Angehörige von Alkoholikern
Allen Kindern von Alkoholikern will Anna mit ihrer Geschichte Mut machen, offen über die Sucht zu sprechen: "Öffnet euch! Lasst die Masken fallen, weil es bringt nichts, sich zu verstecken. Weil es sind da draußen Leute da, die euch anhören."
Anna selbst trinkt keinen Schluck Alkohol. Von der Gesellschaft wünscht sie sich dafür mehr Akzeptanz. Es nerve, dass man ständig aufgefordert werde, zu trinken, wenn man ausgehe, sagt sie. Und dass man als Spielverderber gelte, wenn man ablehne: "Ich weiß auch nicht, warum das Trinken so verankert ist bei uns. Also das ist wirklich erschreckend."