Klärwasser, Parasiten und Schadstoffe im Neckar

Schlechte Wasserqualität des Neckars: Wie riskant ist der Triathlon in Tübingen?

Obwohl die Wasserqualität des Neckars getestet wird, gab es in der Vergangenheit gesundheitliche Beschwerden nach dem Tübinger Triathlon. Welche Gefahr birgt das Wasser?

Teilen

Stand

Von Autor/in Lea Pflüger, Sonja Legisa

In den vergangenen Wochen meldeten sich immer wieder Menschen, die nach einem Bad im Neckar mit Magen-Darm-Problemen oder Ausschlägen zu kämpfen hatten. Nun hat ein Experte Zerkarien, die parasitären Larven des Saugwurms, im Neckar nachgewiesen. Trotzdem sollen auch in diesem Jahr über 1.750 Sportlerinnen und Sportler beim Tübinger Triathlon im Neckar schwimmen. Wie groß ist das tatsächliche Risiko - und ist ein Triathlon mitten im belasteten Fluss überhaupt vertretbar?

Schwimmer im Neckar beim Triathlon in Tübingen 2024. Nach dem Tübinger Mey-Generalbau-Triathlon kam es immer wieder zu gesundheitlichen Beschwerden.
Nach dem Tübinger Mey-Generalbau-Triathlon kam es immer wieder zu gesundheitlichen Beschwerden. IMAGO / Ulmer/Teamfoto

Betroffene Athletin: Mehr als sechs Monate krank

Über die Jahre gab es immer wieder gesundheitliche Beschwerden nach dem Triathlon. Eine Sportlerin, die anonym bleiben will, berichtet dem SWR, sie habe nach der Teilnahme vor zwei Jahren massive Magen-Darm-Beschwerden gehabt. Kurz vorher hatte es stark geregnet, die Wasserproben des Veranstalters sollen trotzdem "gute" Qualität ergeben haben. Es sei zwar nicht endgültig abgeklärt worden, ob das Neckarwasser für ihre Krankheit verantwortlich war. Naheliegend sei es aber, so die Athletin.

Etwa Fünf Tage lang sei sie krank gewesen, dann habe sich eine Lungenentzündung entwickelt. Sie habe mehrere Monate mit gesundheitlichen Langzeitfolgen zu kämpfen gehabt. Laut der Sportlerin vermuteten ihre Ärzte einen Zusammenhang mit Fäkalkeimen im Neckarwasser.

Es hat über ein halbes Jahr gedauert, bis ich wieder ich selbst war. Ich werde nie wieder im Neckar schwimmen.

Auch Gerold Knisel, Vorsitzender des Post-Sportvereins Tübingen, der viele Teilnehmende des Triathlons stellt, kann mehrere dieser Vorfälle bestätigen. Für die meisten Sportler sei die Freude am Sport aber größer, als die Gefahr, so Knisel. Das Landesgesundheitsamt erklärt auf Nachfrage, dass das Schwimmen im Neckar nicht gesundheitsschädlich sein müsse, aber zu Erkrankungen führen könne. Es sei ratsam, beim Aufenthalt auf dem oder im Neckar möglichst kein Wasser zu schlucken. Man rate von Schwimmwettkämpfen im Neckar ab, so die Pressestelle.

Zwei Wasservögel durchqueren den Teppich aus Blaualgen  in einem See.
Symbolbild: Die toxischen Blaualgen (eigentlich Bakterien) bilden blau-grüne Schlieren im Wasser, die bei Hautkontakt oder Verschlucken gefährlich werden können. picture alliance/dpa | Soeren Stache

Klärwasser, Mikroorganismen, Chemikalien: Diese Gefahren lauern im Neckar

Flüsse wie der Neckar tragen Abwasserlasten aus Klärwerken, die je nach Wetterlage große Mengen Fäkalkeime enthalten. Gerade in den trockenen Sommermonaten kommt laut Statistischem Landesamt fast die Hälfte des Wassers im Neckar aus Kläranlagen. Neben Bakterien wie E. coli und Enterokokken tummeln sich auch krankmachende Darmviren wie Noro- oder Rotaviren im Klärwasser.

Nach Starkregen können laut Landesgesundheitsamt auch ungeklärtes Abwasser und schädliche Chemikalien in den Neckar geraten. Giftige Blaualgen können ebenfalls allergische Reaktionen, Hautreizungen und Magen-Darm-Probleme verursachen. Auch Ausscheidungen von Tieren sind gesundheitlich relevant: Nach dem Heidelberg Triathlon im Jahre 2006 waren mehrere Teilnehmer an Leptospirose erkrankt, eine schwere bakterielle Infektionskrankheit, die von Ratten übertragen wird.

Zerkarien erstmals im Neckar bestätigt

In Bereichen, in denen der Neckar gestaut ist - wie im Kreis Tübingen - können Probleme auftreten, die sonst eher in Seen vorkommen. Zerkarien, parasitäre Larven des Saugwurms, stehen im Verdacht, bei Neckarbadenden in Tübingen für juckende, schmerzhafte Ausschläge gesorgt zu haben. Schon vorab waren Triathleten beim Training im Neckar davon betroffen. Parasitologe Alfons Renz und Entomologe Abebual Yilak Belete von der Universität Tübingen konnten am Donnerstag vor dem Triathlon erstmals Zerkarien im Neckar nachweisen. Blaualgen würden aktuell in unbedenklichen Mengen vorkommen, so Renz.

Zerkarien im Neckar festgestellt
Mit einem Kescher sucht Alfons Renz im Tübinger Neckar nach Wasserschnecken. Diese können die Zerkarien von Wasservögeln auf den Menschen übertragen.

Auf Höhe der Herrmann-Kurz-Straße, nahe der Schwimmstrecke des Triathlons, waren Wasserschnecken im Uferbereich des Neckars von Zerkarien befallen. Wer sich lange in Ufernähe aufhalte, könne von den Parasiten befallen werden, so Alfons Renz. Die Gefahr sei geringer, wenn man schnell ins offene Wasser schwimme.

Tübingen

Berichte häufen sich in Tübingen Ausschlag nach dem Baden im Neckar? Diese Parasiten könnten dahinter stecken

Ein Bad im Neckar bei Tübingen? Keine gute Idee. Mini-Parasiten, sogenannte Zerkarien, können juckenden Hautausschlag auslösen - und sind nicht das einzige Problem im Wasser.

Veranstalter beproben Wasser auf Fäkalbakterien

Der Veranstalter des Triathlons, die Deutsche Triathlon Union, betont, dass die Teilnehmenden darauf hingewiesen werden, dass der Neckar kein offizielles Badegewässer ist. Trotzdem sei ihnen die Gesundheit der Teilnehmenden wichtig, so Pressesprecher Oliver Kraus. In den Tagen vor dem Wettkampf, zuletzt am Freitag, würden Wasserproben an drei Punkten genommen. Diese prüfe ein beauftragtes Labor nach den Vorgaben des Weltverbands World Triathlon auf den pH-Wert, E. coli und Enterokokken - nach EU‑Badegewässerrichtlinie, so Kraus.

Andere Risikofaktoren wie Darmviren, Zerkarien oder Leptospirose werden dabei nicht untersucht. Anhand der Messungen werde entschieden, ob im Neckar geschwommen werden darf, oder der Triathlon zu einem Duathlon ohne Schwimmen umgebaut werden muss. Dadurch solle das Gesundheitsrisiko möglichst klein gehalten werden, erklärt Kraus. Man würde auf die Einschätzung der Gesundheitsbehörden hören und das Schwimmen absagen oder anpassen, wenn die Behörden dazu raten.

Wir wollen Menschen in Bewegung bringen, nicht krank machen.

Gesundheitsämter: Neckar-Proben nur begrenzt aussagekräftig

Das Landesgesundheitsamt kritisiert das Vorgehen der Veranstalter scharf. Die stichprobenartigen Untersuchungen seien nicht geeignet, um die Wasserqualität des Neckars einstufen zu können. Man bräuchte dafür regelmäßige und über Jahre verteilte Untersuchungen. Diese Untersuchungen würden aber nicht gemacht werden, weil sich der Neckar ohnehin nicht als Badegewässer eigne, so ein Pressesprecher.

Auch das Landratsamt Tübingen hält die Beprobungen des Neckars für problematisch. Da der Neckar ein Fließgewässer ist, seien die Ergebnisse nur eine Momentaufnahme und könnten nur eine unsichere Orientierung geben, so die Behörde. Die Messungsmethoden und Grenzwerte seien auf Badeseen ausgelegt und nicht direkt auf Flüsse übertragbar.

Schwimmen im Neckar auf eigene Verantwortung

Dem Landratsamt seien die Fälle bekannt, in denen Teilnehmer des Triathlons im Anschluss an einer Magen-Darminfektion erkrankten. Obwohl die Ursache der Krankheit nicht gesichert sei, erfolge die Nutzung des Neckars auf eigene Verantwortung. Die EU-Badegewässerrichtlinien stehen auch generell in der Kritik: die französische Umweltorganisation Surfrider Foundation Europe hält sie für veraltet, zu eng gefasst und gesundheitlich nicht mehr ausreichend.

Ob der Neckar für den Tübinger Triathlon ein vertretbarer Wettkampfort ist, bleibt eine Risikoabwägung. Sicher ist nur eines: Wer darin schwimmt, hat keine offizielle Garantie, dass das Wasser unbedenklich ist- und nimmt das Risiko in Kauf, das sich mit einzelnen Messwerten nicht ausschließen lässt.

Tübingen

Berichte häufen sich in Tübingen Ausschlag nach dem Baden im Neckar? Diese Parasiten könnten dahinter stecken

Ein Bad im Neckar bei Tübingen? Keine gute Idee. Mini-Parasiten, sogenannte Zerkarien, können juckenden Hautausschlag auslösen - und sind nicht das einzige Problem im Wasser.

Baden-Württemberg

In trockenen Sommermonaten Geklärtes Abwasser im Neckar: Im Sommer fast die Hälfte des Wassers aus Kläranlagen

Im Sommer besteht ein großer Teil des Neckar-Wassers aus geklärtem Abwasser, berichtet das Statistische Landesamt. Das Wasser wird von kommunalen Kläranlagen zugeführt.

Bad Wimpfen

Solvay in Bad Wimpfen leitet Ewigkeits-Chemikalie in Neckar ein Experte zu TFA: "Es ist falsch und dumm, so etwas freizusetzen"

In der Diskussion um die Gefahren der Ewigkeits-Chemikalie TFA ist das Solvay-Werk in Bad Wimpfen wieder in den Fokus gerückt. Die Chemiefirma leitet dort TFA in den Neckar ein.

SWR4 BW am Samstagmorgen SWR4 Baden-Württemberg

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Lea Pflüger
Sonja Legisa
Sonja Legisa ist Reporterin für Hörfunk, Online und Fernsehen beim SWR im Studio Tübingen.

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!