Wie es dem Wald geht, kann man beim Laufen hören. Es knirscht unter den Sohlen, trockenes Gras raschelt, verdorrte Ästchen knacken. Wir sind mit Förster Clemens Erbacher und seinem Kollegen Markus Rudolph unterwegs im Hardtwald bei Hügelsheim (Kreis Rastatt).
Rudolph, Gemeindeförster von Hügelsheim, blickt mit dem Fernglas hoch zu den Kronen der Kiefern. "Das macht uns große Sorgen", sagt er. "Die Nadeln werden braun. Und schauen Sie mal, das Grüne. Das sind Misteln." Misteln sind Schmarotzer. Sie zapfen die Wasserleitungen der Bäume in den Kronen an, saugen den Saft. "Bei den Pappeln am Rhein sind die Misteln kein Problem, da gibt’s genug Wasser", sagt Erbacher. "Aber hier im Hardtwald sind sie für die Kiefern katastrophal. Sie vertrocknen."
Kiefern, Buchen, Birken, Douglasien: Sie sind an Trockenheit gewöhnt, aber das Ausmaß seit 2018 mit seinen Hitzerekordjahren hat ihnen schwer zugesetzt. Im Wald bei Hügelsheim verdorren die Bäume von der Krone abwärts. Sie werfen sogar grüne Äste ab. Forstbehörden im Hardtwald warnen Waldbesucher mit Schildern vor herabstürzenden Ästen nach der Sommerhitze.
Auch Maikäfer, Pilze und eingeschleppte Pflanzen zerstören den Wald
Hitze und Trockenheit sind nicht die einzigen Probleme. Im Boden zerfressen Maikäfer-Engerlinge die Wurzeln. Der Diplodia-Pilzkomplex zersetzt Kiefern. Reh- und Damwild frisst Triebe, die den Wald verjüngen könnten. Und überall sprießen schnell wachsende nicht heimische Pflanzen („Neophyten“) aus dem Boden. Besonders Kermesbeeren und Spätblühende Traubenkirschen machen den Förstern Sorgen. Sie wachsen schneller als die jungen Sämlinge und rauben ihnen Wasser, Licht und Nährstoffe.
Wir wollen der nachfolgenden Generation einen Wald hinterlassen, der mindestens gleichwertige Waldfunktionen hat, wie der, den wir angetroffen haben. Und man muss ehrlich sagen, das wird uns hier nicht gelingen.
In Zukunft ein Trockenwald wie am Mittelmeer?
Der Wald in 20 bis 40 Jahren werde ein anderer sein, sagt Erbacher. "Ich glaube, es geht in Richtung eines mediterranen Trockenwaldes. Das heißt, der Wald wird nicht mehr so dicht mit Bäumen bestückt sein. Und die Bäume werden nicht mehr so hoch werden, weil sie das Wasser nicht mehr so hoch transportieren müssen".
Hardtwälder bieten Naherholung und Trinkwasserschutz
Ob der Wald dann seine Funktionen wie bisher erfüllen kann, ist nicht abzusehen. In der dicht besiedelten Rheinebene sind die Hardtwälder zum einen Naherholungsgebiet für die Bevölkerung. Zum anderen schützen sie Trinkwassergebiete. Und sie liefern Holz zum Heizen und Bauen. Über Jahrhunderte waren die Wälder für ihre Besitzer eine Einnahmequelle. Jetzt bereiten sie ihnen hohe Kosten, um ihn am Leben zu erhalten.
Aufforstung unter natürlichen Bedingungen kaum möglich
Denn Wetterperioden wie die jüngste Trockenheit machen Aufforstung teuer und teils zunichte. Beobachten kann man das zwischen Iffezheim und Hügelsheim. Auf vier Hektar Brachland neben der Landstraße soll Wald wachsen, als sogenannte Ausgleichsmaßnahme. Heißt: Der neue Wald soll Waldflächen ersetzen, die anderswo verschwinden. In diesem Fall geht es um Kiesabbau. Ein Kieswerk hat der Gemeinde Iffezheim einen Pauschalbetrag gezahlt. Im Gegenzug hat sich die Gemeinde verpflichtet, vier Hektar Wald anzupflanzen. Es könnte für Iffezheim ein Minusgeschäft werden.
Hunderte junge Eichen vertrocknet
Denn seit 2018 versucht Gemeindeförster Norbert Kelm hier Wald aufzuforsten. Etwa die Hälfte des Geldes, ungefähr 100.000 Euro, sind schon weg. Aber neuen Wald gibt es noch nicht. Von hunderten Eichen, die 2018 hier gepflanzt wurden, ist fast nichts mehr übrig. Forstarbeiter haben schon hunderte Bäume nachgepflanzt. Sie beobachten, welche Baumarten überleben und welche nicht. Dann pflanzen sie wieder nach. Ein Experiment unter freiem Himmel.
"Die Trockenheit ist nur ein Faktor", sagt Kelm. Wir haben Maikäfer-Engerlinge, wir haben Wühlmäuse. Wir haben den Wind, der alles austrocknet." Aufgeben dürfen Kelm und seine Kollegen nicht. Die Ausgleichsfläche ist gesetzliche Pflicht.
Neue Arten verdrängen heimische
"Am besten sind die Robinien angewachsen", sagt Forstbezirksleiter Clemens Erbacher. „Aber die wollen wir nicht in großer Fläche ausbringen, weil sie nicht heimisch sind“. Die Robinie stammt aus Nordamerika. Deshalb pflanzt der Forst dazwischen auch Kirschen, Schwarznüsse, Ebereschen, Elsbeeren und Hainbuchen. Sie kommen besser mit der Sonne zurecht, als angestammte Rotbuchen. Wie lange die Setzlinge überleben? Keiner kann das sagen. Den Förstern bleibt nichts als jahrelanges Abwarten.
Um die Überlebenschancen der Jungpflanzen zu erhöhen, wurde in Iffezheim die Bewässerung eines benachbarten Bauernhofs angezapft. Entlang der Pflanzen zieht sich eine Art Gartenschlauch mit dünnen Löchern: Tröpfchenbewässerung. Zahlreiche Jungbäume sind trotzdem schon wieder vertrocknet. Bewässerung in großem Stil sei hier nicht möglich, sagt Erbacher. Zum einen wegen der PFAS-Chemikalien im Grundwasser und zum anderen wegen der Kosten.
Weingarten baut Tiefbrunnen und bewässert den Wald
40 Kilometer weiter nördlich hat die Gemeinde Weingarten (Kreis Karlsruhe) immense Kosten auf sich genommen, um ihren Wald zu retten. Sie hat seit 2024 sechs Brunnen im Wald geschlagen, je etwa 20 Meter tief. Kosten: etwa 20.000 Euro pro Brunnen.
Im Wald rattert ein Diesel-Aggregat mit Pumpe und bewässert junge aufgeforstete Bäumchen. Auf einer etwa ein Hektar großen Aufforstungsfläche wachsen junge Feldahorne neben, Schwarzkiefern, Wildapfel-Bäumchen, Hainbuchen und Stieleichen.
Elena Motschilnig, Weingartens Försterin, ist froh, dass es die Brunnen gibt. Die meisten jungen Bäume scheinen noch saftig grün. Die Brunnen seien eine sehr große Erleichterung, die Flächen ließen sich vergleichsweise schnell wieder aufforsten.
Ohne Bewässerung wären die Kulturen hier unten nicht mehr am Leben.
Ob die jungen Bäume langfristig auch ohne Bewässerung überleben können, wird sich erst in einigen Jahren zeigen.