"Dann wird der Werkboden an allen Standorten brennen", sagt die Gewerkschaft IG Metall: Diese Aussage beschreibt aktuell das Verhältnis zwischen ihr und der VW-Konzernspitze. Gerade diese Konzernspitze wurde laut Medienberichten bei einer Reihe von außerordentlichen Betriebsversammlungen Ende August von den eigenen Mitarbeitenden ausgepfiffen. Dabei wollte VW-Chef Blume in den Werken lediglich Akzeptanz und Unterstützung für seine Sparpläne finden.
Doch am Ende stand nicht nur die Kampfansage der Gewerkschaft, sondern auch des Betriebsrats von VW: "Mit einem CEO, der seinen Leuten nicht sagt, was ist, lässt sich nicht arbeiten", sagte VW-Betriebsratschefin Daniela Cavallo. Wie tief ist der Graben zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer? Und was bedeutet das für Audi in Neckarsulm (Kreis Heilbronn)?
Aufsichtsrat tagt bei VW: Sparpläne im Mittelpunkt
Das wird sich am Freitag zeigen, wenn auch hinter verschlossenen Türen. Der Konzern selbst will den Termin und die Tagesordnung auf Anfrage nicht kommentieren. Doch aus übereinstimmenden Berichten ist klar: Es geht in die nächste Runde für VW-Chef Blume, um für seine Sparpläne zu werben.
Der Vorstand wird wohl wieder mit dem Vorschlag über ein Produktionsende in vier Werken ins Rennen gehen. Die aktuellen Modellreihen sollen dann einfach auslaufen, ohne Nachfolgemodelle. Das wäre in Neckarsulm voraussichtlich Ende 2033 der Fall. Doch auch wenn es ein durchgesickertes Konzeptpapier des VW-Vorstands vermuten lässt, beteuern alle Seiten: Entschieden ist noch nichts.
Bei seinen Besuchen in den Werken betonte Blume, "Schließungen sind die teuerste Lösung". Wie aber die billigere Lösung aussieht, das hat er bislang noch nicht verraten. Und trägt damit nicht gerade zu einem guten Verhältnis zu den Betriebsräten bei.
Audi-Betriebsrat ist klar: Es muss sich was tun
Dabei gibt es bei den Betriebsrätinnen und -räten durchaus Verständnis dafür, dass sich was tun muss. Diesen Eindruck bestätigt auch der Betriebsrat des Neckarsulmer Audi-Werks. Er ist sich sicher, dass diese Transformation eine große Herausforderung ist.
Wenn man aus einem Heimathafen kommt, wo man sich wohl fühlt und wo man zu Hause ist, in einen neuen Hafen zu starten und Transformation effektiv zu leben, ist das nicht einfach. Trotzdem muss man es tun.
Wofür er dagegen kein Verständnis hat: Die Unklarheit, wie die Transformation aussehen soll. Bei den Betriebsversammlungen sprach Blume zwar von "belastbaren Perspektiven", die er für die Werke in den nächsten sechs bis zwölf Monaten entwickeln will. Doch geholfen hat das nicht.
Unverständnis, Angst, teilweise auch Wut - so fasst Betriebsratsvorsitzender Reinhart die Stimmung zusammen.
Ich habe kein Verständnis dafür, dass wieder leichtfertig mit den Ängsten der Belegschaft gespielt wird. Das belastet die Menschen, die schon seit Monaten mit der Unsicherheit leben müssen.
VW-Betriebsratschefin Cavallo sieht das Vertrauen in die Konzernspitze als beschädigt an. "Noch nicht irreparabel. Aber beschädigt".
IG Metall droht bereits mit Eskalation
Die IG Metall hat sich in Stellung gebracht: Kürzungen und Abbau seien der falsche Weg, "dann steht Volkswagen ein Konflikt bevor, der härter werden kann als zuvor", so der IG Metall-Bezirksleiter Thorsten Gröger für Niedersachsen und Sachsen-Anhalt. Bereits für den 21. September plant man bundesweit Aktionen und Proteste an deutschen Automobilstandorten - wohl auch in Neckarsulm. Streiks bleiben noch außen vor, denn bis Ende das Jahres herrscht weiterhin Friedenspflicht.
Die Gewerkschaft pocht vor allem auf die Abmachung von 2024: Damals einigten sich alle Seiten auf ein Sparprogramm, es ging um den sozialverträglichen Abbau zehntausender Stellen bis 2030. Damit sollten auch Werkschließungen verhindert werden. Sollte der Vorstand diese Vereinbarung in Frage stellen, werde man sich "mit aller Macht dagegen stellen".
VW-Aufsichtsratssitzung: Mehrere Pläne liegen wohl auf dem Tisch
Was ist jetzt vom 4. September zu erwarten? Möglicherweise nur eine Vertagung. Laut Insiderberichten liegen drei verschiedene Pläne auf dem Tisch des Aufsichtsrats: vom Vorstand, von der Arbeitnehmerseite und vom Land. Obwohl es seit Wochenbeginn Vermittlungsgespräche zwischen den Parteien geben soll. Doch von einer Einigung bisher keine Spur.
Spar-Vorschläge als Alternative zu den radikalen Plänen des Vorstands kursieren verschiedene. Beispielsweise mehr Arbeit bei gleichem Gehalt. Bei Mercedes gibt es die Diskussion bereits, Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) hat sie jüngst auch für VW ins Spiel gebracht. "Wir sind zu teuer", sagte Kretschmer im "Morgenmagazin". In Kretschmers Bundesland liegt das Werk Zwickau, eines der vier genannten, wenn es um ein mögliches Produktionsende geht.
Neue Geschäftsmodelle: Raketen statt Autos?
Niedersachsens Ministerpräsident Olaf Lies (SPD) und IG Metall-Chefin Christiane Brenner sprechen sich vor allem für mehr Auslastung aus. Zur Einordnung: Auch in Neckarsulm liegt die Auslastung mit rund 181.000 produzierten Autos 2025 unter der möglichen Marke von 225.000 Fahrzeugen. Offen ist hier vor allem die Frage nach den Nachfolgern, wenn die aktuellen Modelle auslaufen. Die hängt laut Insiderberichten auch davon ab, ob Audi ein Werk in den USA bauen kann oder nicht. Aktuell sieht es eher nicht danach aus.
Auch "neue Geschäftsmodelle für die Standorte" seien denkbar, heißt es von der IG Metall. Was damit gemeint sein könnte, zeigt sich aktuell im VW-Werk in Osnabrück (Niedersachsen): Dort soll demnächst eine Absichtserklärung mit dem israelischen Rüstungsunternehmen Rafael unterzeichnet werden. Dann könnten am Standort Teile für das Luftverteidigungssystem "Iron Dome" produziert werden.