Ringen um Wettbewerbsfähigkeit

40-Stunden-Woche bei gleichem Lohn: Was bringt die Forderung von Stihl, Mercedes und Co. der Industrie?

Fünf Stunden mehr Arbeit pro Woche, gleicher Lohn: Betriebe wie Stihl oder Mercedes-Benz wollen darüber wettbewerbsfähiger werden. Ökonomen ordnen die Erfolgsaussichten ein.

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Von Autor/in Max Schäfer

Die Industrie war lange ein Wachstumsmotor in Baden-Württemberg. Inzwischen müssen Unternehmen Tausende Stellen abbauen - immer mehr Industriearbeitsplätze gehen verloren. Angesichts der Krise forderte der Unternehmer Nikolas Stihl eine Debatte über eine höhere Wochenarbeitszeit in der Industrie. Statt der 35 Stunden solle diese auf 40 Stunden steigen - die Löhne sollten jedoch gleich bleiben.

Eine Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich würde die Arbeitskosten relativ schnell senken, sagte der Aufsichtsratschef des Motorsägenherstellers Stihl aus Waiblingen (Rems-Murr-Kreis) der Deutschen Presse-Agentur. Stihl steht mit dieser Forderung nicht alleine da. Zuvor hatte Martin Brudermüller, Aufsichtsratschef von Mercedes-Benz, die Arbeitszeiterhöhung im "Handelsblatt" angeregt.

DIW: 40 Stunden Woche kann Wettbewerbsfähigkeit stärken

Rechnerisch ist der Effekt klar: Wenn Beschäftigte fünf Stunden mehr pro Woche bei gleichem Lohn arbeiten, sinken die Arbeitskosten pro Stunde. Sie können mehr zum gleichen Preis produzieren. "Das erhöht die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen auf den Weltmärkten", erklärte Alexander Schiersch vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). "Das kann zur Beschäftigungssicherung beitragen." Im Idealfall könnte die Industrie in Baden-Württemberg, die bisher Tausende Stellen abbauen musste, damit also Arbeitsplätze sichern.

Doch dabei gibt es laut Schiersch die Bedingung, dass die zusätzlichen Produkte auch in vollem Umfang abgesetzt werden können. Wenn nicht, könnten die Firmen mit weniger Beschäftigten gleich viel produzieren. Dann droht doch ein Stellenabbau.

Mehr Arbeit bei gleichem Lohn kann kurzfristig helfen

Der DIW-Ökonom vermutet, dass Nikolas Stihl die preisliche Wettbewerbsfähigkeit so stark eingeschränkt sehe, dass nur die Optionen einer billigeren Produktion blieben, bei der ein Großteil der Beschäftigten gehalten werden könne. Oder die Wettbewerbsfähigkeit bleibe schlecht und Unternehmen müssten schließen. Dann sei ein Lohnverzicht und ein möglicher Verlust eines kleinen Teils von Beschäftigten die bessere Option.

Bei dieser Sichtweise blieben aber andere Maßnahmen unberücksichtigt, um die Produktivität zu steigern und die Lohnstückkosten zu senken", so Schiersch. "Man muss aber verstehen, dass die Arbeitszeit zumindest für die Kostensituation - weniger für die Produktivität - die Stellschraube ist, die kurzfristig wirksam werden kann", sagte der Ökonom. Investitionen in neue Technologien, Innovation oder Qualifizierung wirkten dagegen mittel- bis langfristig.

Dass eine 40-Stunden-Woche dabei tatsächlich hilft, ist laut Friedhelm Pfeiffer vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) nicht klar. "Ob eine Erhöhung der Arbeitszeit ohne Verdienstausgleich hilft, wird vor allem davon abhängen, ob die Produkte der Unternehmen in den nächsten Jahren in diesem Wettbewerb bestehen werden", sagte er auf SWR-Anfrage.

Nicht Arbeitszeit ist Problem: Ökonom sieht "Erneuerungskrise"

Daran hat Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) Zweifel. "Wir sind in einer Erneuerungskrise", sagte Weber. "Das Problem ist, dass uns unsere Geschäftsmodelle abhanden gekommen sind", sagte der IAB-Ökonom. "Die Cashcows, etwa der Verbrennungsmotor, ziehen nicht mehr." Die Reaktion könne nicht sein, die Löhne zu senken.

Deutschland müsse die Wettbewerbsfähigkeit für ein Hochlohnland stärken, nicht für ein Niedriglohnland, sagte Weber. Infrastruktur, wirtschaftliche Netzwerke, Innovationen, Märkte, mehr Gründungen, seien die Baustellen. "Abseits von Drohnen etwa wird in der Industrie so wenig gegründet wie noch nie", sagte Weber. "Wir brauchen hohe Produktivität und eine neue Industrialisierung. Löhne senken wäre dagegen eine Kapitulation." Dazu verwies Weber darauf, dass Deutschland bei den Lohnkosten im europäischen Vergleich seit Jahrzehnten auf der gleichen Stelle liege, während die osteuropäischen Länder und China teurer würden.

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Max Schäfer
Bild von SWR-Redakteur Max Schäfer.

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