Seit einem Jahr läuft in Baden-Württemberg die Einführung des neuen neunjährigen Gymnasiums. Doch für "G9 neu" und dessen Änderungen, etwa die geplante Stärkung der naturwissenschaftlichen Fächer, hat es zum Start im abgelaufenen Schuljahr 2025/2026 noch gar keine Lehrpläne gegeben. Inzwischen ist das Land weiter - zumindest teilweise. Zum 1. August sind Bildungspläne für zahlreiche Fächer in Kraft getreten. Bei anderen Fächern läuft der Prozess noch bis 2027. Von Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern gibt es trotzdem Kritik an der Einführung von G9.
Bildungspläne für neues G9 fehlen noch teilweise
Der Zeitplan des Kultusministeriums sah vor, im ersten Jahr der Umsetzung für die fünften und sechsten Klassen mit Lesehilfen zu arbeiten, wenn der Bildungsplan im jeweiligen Fach geändert werden sollte. Sie sollten die Lehrkräfte bei einem guten Übergang in die neuen Pläne unterstützen. Wenn bei Fächern lediglich die Inhalte und Kompetenzen neu auf die neun Jahre verteilt werden sollten, war das Inkraftreten am 1. August 2026 geplant. Wie das Ministerium erklärte, seien sie am 1. Juni den Schulen zugänglich gemacht worden und am 22. Juli auf der Internetseite "bildungsplaene-bw.de" veröffentlicht worden.
Bei den anderen Fächern ist das für 2027 geplant. "Nach einer Anhörung im ersten Halbjahr 2026/2027 werden die Bildungspläne den Schulen rechtzeitig zur Verfügung gestellt", teilte eine Sprecherin dem SWR mit. Das betrifft die Fächer Informatik und Medienbildung, Gemeinschaftskunde, Wirtschaft, Berufs- und Studienorientierung (WBS) sowie Naturwissenschaft, Informatik und Technik. Um den Übergang zu gewährleisten, sei den Lehrkräften im Fach Informatik und Medienbildung eine neue Lesehilfe für das kommende Schuljahr übermittelt worden. Dabei hätten bereits Ergebnisse der Bildungsplanarbeiten berücksichtigt werden können. "Informations- und Fortbildungsangebote des Zentrums für Schulqualität und Lehrerbildung (ZSL) bieten den Lehrkräften eine zusätzliche Unterstützung", erklärte die Sprecherin weiter.
Lehrkräfte fühlen sich beim Übergang zum neuen G9 alleingelassen
Viele Lehrerinnen und Lehrer fühlen sich beim Übergang zum neuen G9 trotzdem alleine gelassen. "Die Lesehilfen sind nur bedingt hilfreich", erklärte eine Sprecherin des Philologenverbands Baden-Württemberg auf SWR-Anfrage. "Die Kolleginnen und Kollegen geben vor Ort ihr Bestes bei diesen Fächern (deren Bildungspläne noch in Arbeit sind, Anmerkung der Redaktion)", so die Sprecherin weiter. Bereits existierende neue Lehrbücher ersetzten dabei die Bildungspläne. Denn viele Schulbücher seien bereits gedruckt. "Für die Verlage war schon lange klar, was in den Schuljahren unterrichtet wird", kritisierte die Sprecherin.
Der Verband forderte weitere Hilfe für die Lehrkräfte: "Eine Unterstützung wären konkrete und kompakte Beispielcurricula vom ZSL, damit die Fachschaften nicht noch mehr Zeit mit Absprachen verbringen müssen."
Lehrkräften fehlt Vorbereitungszeit
Der Philologenverband hält auch den Zeitpunkt der bereits fertigen Bildungspläne für ungünstig. "Das Timing ist relativ knapp bemessen", erklärte die Sprecherin. Nach dem 1. Juni seien die Schulen mit dem Abitur und dem Abschluss des Schuljahres wie etwa der Organisation von Projektwochen, Studienfahrten und Konferenzen beschäftigt. Es sei nicht ausreichend Zeit gewesen, sich in allen Details innerhalb der Fachkonferenzen abzustimmen.
Die Lehrkräfte bereiten sich laut Verband in den Ferien auf das neue Schuljahr vor. Für neu eingestellte Referendarinnen und Referendare sowie andere Lehrkräfte, die während der Sommerferien keinen Arbeitsvertrag haben, bedeute das unbezahlte Arbeit.
"Die Bildungspolitik hat ihre Hausaufgaben bei G9 nicht gemacht"
Von Seiten der Schülerinnen und Schüler gibt es Kritik. "So eine Reform sollte geplant sein - und die Bildungspläne gehören einfach dazu", teilte der Landesschülerbeirat auf SWR-Anfrage mit. "Die Bildungspolitik hat ihre Hausaufgaben bei G9 nicht gemacht", urteilte Sprecherin Jenna Fink.