Gefühlt täglich ist von Stellenabbau und Standortschließungen die Rede. Gleichzeitig suchen Unternehmen in Baden-Württemberg weiterhin händeringend nach Fachkräften, insbesondere im Pflege- und Gesundheitsbereich. Nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit könnte sich dieser Fachkräftemangel in den kommenden Jahren weiter verschärfen - auch, weil der Wanderungssaldo seit 2022 deutlich zurückgeht.
Abwanderung und Fachkräftemangel in Baden-Württemberg
Fest steht: Der Wanderungssaldo, also die Differenz zwischen Ein- und Auswanderungen, ist für Baden-Württemberg zwar auch 2025 noch positiv, sinkt aber seit 2022 kontinuierlich. Die Bundesagentur für Arbeit befürchtet Folgen für den regionalen Arbeitsmarkt und eine abwanderungsbedingte Verschärfung des Fachkräftemangels.
Marina Musati, Leiterin der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit, verweist auf die Bedeutung ausländischer Beschäftigter: "Von der einen Million Beschäftigten in Baden-Württemberg mit ausländischem Pass kommen drei Viertel aus der Europäischen Union. Und hier haben wir bereits einen negativen Wanderungssaldo", sagt sie. "Da ist natürlich die Annahme sehr wahrscheinlich, dass es sich hier auch um gut qualifizierte und qualifizierte Beschäftigte handelt, die zurückgehen."
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Westeuropa, neue EU-Mitglieder und deutsche Fachkräfte
Auffällig ist vor allem die Entwicklung bei Personen mit westeuropäischer Staatsangehörigkeit: Für Baden-Württemberg ist der Wanderungssaldo in den Jahren 2024 und 2025 negativ, während er für Deutschland insgesamt in allen fünf betrachteten Jahren positiv bleibt. Das Land verliert damit - entgegen dem Bundestrend - Personen aus Westeuropa.
Die Abwanderung von Menschen aus den neuen EU-Mitgliedsländern sowie von Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit entspricht hingegen dem Bundestrend. Die reinen Wanderungsbewegungen lassen zwar keine direkten Rückschlüsse auf die Qualifikation der Ausgewanderten zu. Aus anderen Studien ist jedoch bekannt, dass Fachkräfte und Hochqualifizierte besonders mobil sind, auch weil Migration mit relativ hohen Kosten verbunden ist und ein entsprechend hohes Lohnniveau voraussetzt.
Vor diesem Hintergrund liegt es nahe, dass die beobachteten Bewegungen einen Beitrag zur Verschärfung des Fachkräftemangels in Baden-Württemberg leisten. Diese Entwicklung bereitet der Bundesagentur für Arbeit Sorge.
Lebenshaltungskosten, Rezession und fehlende Willkommenskultur
Musati sieht mehrere Gründe für die zunehmende Abwanderung. "Da ist zum einen die Wohnsituation, die hohen Lebenshaltungskosten und die Rezession, in der Deutschland sich befindet", sagt sie. Hinzu komme "die unter ausgeprägte Willkommens- und Bleibekultur". Gleichzeitig böten andere Staaten mittlerweile "bessere Beschäftigungsmöglichkeiten, auch für junge Menschen".
Während Baden-Württemberg also qualifizierte Kräfte aus EU-Staaten verliert, ist die Wanderung aus klassischen Asylherkunftsländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak positiv. Häufig handelt es sich dabei jedoch um Personen ohne Schulabschluss, ohne abgeschlossene Berufsausbildung oder mit geringerer Qualifikation. Diese Gruppen können die Abwanderung von Fachkräften und Hochqualifizierten aus der EU und aus Deutschland nicht ausgleichen.
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Azubis aus Drittstaaten als Hoffnungsträger
Eine gegenläufige, positive Entwicklung zeigt sich im Bereich der beruflichen Ausbildung. Baden-Württemberg rekrutiert überdurchschnittlich viele Auszubildende aus Drittstaaten außerhalb der EU. 2024 haben bundesweit 650 junge Menschen aus Drittstaaten eine Ausbildung in Deutschland aufgenommen, davon 177 in Baden-Württemberg - ein Anteil von 27 Prozent. 2025 stieg die Zahl bundesweit auf 923, in Baden-Württemberg auf 226 Azubis, entsprechend 25 Prozent.
Das Land scheint damit für junge Nachwuchskräfte aus Drittstaaten besonders attraktiv zu sein. "Die Azubis von heute sind die Fachkräfte von morgen" - dieser Grundsatz spielt in der Fachkräftestrategie eine zentrale Rolle. Hauptsächlich entscheiden sich die internationalen Auszubildenden für Pflegeberufe, mit deutlichem Abstand folgen Hotel- und Gastronomieberufe, pädagogische Berufe sowie handwerkliche und gewerblich-technische Berufe. In all diesen Bereichen besteht in Baden-Württemberg ein ausgeprägter Fachkräftemangel.