Die Bilder, die Henrik Schmalz mit seiner Kamera aufgenommen hat, sind bestürzend. Sie zeigen das Ausmaß dessen, was die beiden extremen Erdbeben in der venezolanischen Stadt La Guaira angerichtet haben: Autos, die unter eingestürzten Häusern eingeklemmt sind. Menschen, die auf den Trümmern ihrer Wohnung herumlaufen. Bergungstruppen, die in Tiefgaragen nach verschütteten Menschen suchen.
Henrik Schmalz hat die beiden Erdbeben live miterlebt. Der Baden-Badener ist derzeit auf Weltreise, Venezuela ein Zwischenstopp. Zwei Monate lang hatte der 26-Jährige bei einer Gastfamilie in La Guaira gewohnt, die beim Beben nicht nur ihr Haus, sondern auch ein Familienmitglied verlor, wie er erzählt. Im Zimmer, in dem er selbst zwei Monate lang gelebt hatte, seien die Wände eingestürzt, beim Gebäude selbst auch das Dach.
Baden-Badener bei Erdbeben in der Hauptstadt Caracas
Am 24. Juni, als die beiden Beben kurz aufeinander folgten, war der Baden-Badener jedoch nicht in La Guaira, sondern in der venezolanischen Hauptstadt Caracas - im Viertel Santa Fe, um genau zu sein. Er sei gerade in eine Shopping Mall gegangen, als diese zu beben begonnen habe. "Ich habe es zuerst gar nicht verstanden, ich dachte nur, irgendwas ist komisch", sagt Schmalz. Also sei er stehen geblieben, während die Menschen um ihn herum in Panik geraten seien. Er selbst habe versucht, Ruhe zu bewahren. Das Gebäude habe zwar gewackelt, sei aber nicht eingestürzt.
Dass er am Tag des Erdbebens nicht in La Guaira, sondern in Caracas war, sei reiner Zufall gewesen, sagt Schmalz. "Eigentlich wäre ich zu der Zeit, als das Erdbeben passiert ist, in meinem Stammlokal gesessen", sagt er. Das Lokal habe seiner Gastfamilie gehört, dort die Videos seiner Weltreise zu schneiden, habe zur Routine gehört. Stattdessen sei er spontan nach Caracas gefahren, um einen Freund zu besuchen. "Nur dadurch bin ich verschont worden."
Ausmaß erst Stunden später deutlich
Welches Ausmaß das Beben in La Guaira gehabt habe, erfuhr Schmalz erst viele Stunden später - zunächst nur aus Bildern, am nächsten Tag vor Ort. Schon als er zu Fuß zum Haus seiner Gastfamilie gegangen sei, habe er ein schlechtes Gefühl gehabt, berichtet der 26-Jährige. "Ich dachte nur, oh mein Gott, das sind schon fast Kriegszustände", sagt er. "Es sah aus, als wäre alles zugebombt worden, es war verrückt."
Am Haus seiner Gastfamilie angekommen, habe er gesehen, wie das Dach herunterhing. Da habe er nur gedacht, wie unheimlich realistisch es sein könne, dass jemand in den Trümmern liegt. "Als die Familie mich gesehen hat, hatten sie direkt Tränen in den Augen", sagt Schmalz. "Sie waren voller Trauer, wir haben uns gleich in den Arm genommen."
Betroffene schlafen nach Erdbeben in Camps
Inzwischen wohnt Schmalz, gemeinsam mit der fünfköpfigen Gastfamilie, in einem Camp in La Guaira. Er selbst schlafe im Zelt, andere im Auto oder auf Matratzen unter freiem Himmel. Diese habe die Familie aus den Trümmern des Hauses geholt. Sein Handy lädt Schmalz an den Batterien von Motorrädern, erzählt er. Sich zu waschen sei derzeit nur in einem nahegelegenen Fluss möglich. "Der ist zwar ein bisschen zugemüllt, aber es ist das Einzige, was geht."
Allgemein habe sich die Situation vor Ort etwas stabilisiert, sagt Schmalz. "Die Stimmung ist besser, als man vielleicht denken würde. Es geht jetzt darum, irgendwie weiterzumachen - und zu schauen, dass wir wieder Normalität finden."
Schmalz: "Je länger die Situation andauert, desto schwieriger wird die Versorgung"
Was Schmalz aber auffällt: "Je länger die Situation andauert, desto schwieriger wird die Versorgung", sagt er. Am Anfang sei noch viel Fleisch gebracht worden, aber das habe immer mehr abgenommen. Dabei seien die Menschen vor Ort darauf angewiesen. "Man kann nichts kaufen, es gibt ja keine Supermärkte."
Schmalz will noch länger in Venezuela bleiben. Eigentlich hatte der 26-Jährige geplant, Anfang Juli weiterzuziehen. Doch "wenn alle abziehen oder müde sind, möchte ich noch weiter helfen", sagt er. "Und wenn das erledigt ist, und ich mit gutem Gewissen gehen kann, dann geht es weiter."