Das Institut für Anatomie in Heidelberg erinnert mit der Internetseite "Erinnerte Opfer" an Menschen, deren Leichen im Nationalsozialismus gegen ihren Willen für die medizinische Lehre benutzt wurden. Mehr als 80 Lebensgeschichten konnten bislang recherchiert werden.
Nach der Hinrichtung in die Heidelberger Anatomie
Eine dieser Lebensgeschichten ist die von Hannah Ahrens. Sie war 42 Jahre alt, als sie 1944 in Bruchsal mit dem Fallbeil hingerichtet wurde. Der Volksgerichtshof Stuttgart hatte sie wegen Defätismus zum Tode verurteilt, weil sie Zweifel am Krieg der Nationalsozialisten geäußert hatte.
Vor ihrem Tod schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihren Mann und legte Haarsträhnen bei. Ihr Leichnam, so bat sie, solle in Konstanz, neben ihrer Mutter, bestattet werden. Der Brief wurde nie abgeschickt. Ihre Leiche kam auf Anweisung der Behörden zu Lehr- und Forschungszwecken in die Anatomie nach Heidelberg.
Du, mein Liebstes, richte Dich wieder auf u. denke ich sei eines natürlichen Todes gestorben behalte mich lieb, so wie ich Dich stets geliebt habe, ewig lieben werde.
Heidelberger Forschungsprojekt rekonstruiert Biografien
Dass diese Details bekannt sind, ist dem Forschungsprojekt von Sara Doll zu verdanken. Sie arbeitet als Präparationsassistentin im anatomischen Institut der Universität Heidelberg und betreut die anatomische Sammlung. Mit ihrem Team hat sie fast 1.000 Namen von Menschen erfasst, deren Leichen zwischen 1933 und 1945 zur Heidelberger Anatomie gebracht wurden.
Grundlage der Recherche ist das sogenannte Leichenjournal, in dem seit 1816 alle Eingänge verzeichnet werden. 84 Lebensgeschichten konnten die Forscher in mühevoller Kleinarbeit bisher rekonstruieren. Viele dieser Menschen wurden hingerichtet.
NS-Opfer mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten
Zu den Opfern gehörten politische Gegner wie die Widerstandsgruppe um den Mannheimer Kommunisten Georg Lechleiter, aber auch Kleinkriminelle, die als "Asoziale" oder "Volksschädlinge" galten. Unter ihnen war zum Beispiel eine Frau aus Mannheim, die in ihrer Küche Abtreibungen vornahm, bei denen eine junge Frau starb.
Oder eine andere, die Kleidung, Wäsche und Hausrat nach einem Fliegerangriff aus einer Wohnung gestohlen hatte. Die NS-Justiz machte kurzen Prozess. Unter den Opfern waren auch polnische Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene, deren Namen häufig nicht einmal vermerkt wurden.
Zivilisationsbruch, dieses unvorstellbare NS-Unrecht, hat nicht nur in Auschwitz stattgefunden, sondern eben auch hier vor Ort.
Anatomische Institute profitierten von der NS-Unrechtsjustiz
Die Anatomischen Institute freuten sich über die Zunahme von Leichen nach 1939. Davon ist der Historiker Frank Engehausen überzeugt, der an der Heidelberger Universität lehrt und viel über die Zeit des Nationalismus geforscht hat. Schließlich waren die Hingerichteten oft deutlich jünger als die Menschen, die in den sogenannten Heil- und Pflegeanstalten gestorben waren und ebenfalls ohne ihre Zustimmung in der Anatomie landeten. Deren Leichenwagen wartete meist schon vor der Hinrichtungsstätte in Stuttgart.
Oft wurden den Toten direkt vor Ort Organe entnommen, sagte Sara Doll vom Institut für Anatomie. Es gebe sogar Fälle, in denen Menschen schon im Leichenjournal als Eingang verzeichnet gewesen seien, obwohl deren Gerichtsprozess noch nicht abgeschlossen gewesen sei, so sicher hätten die Anatomen mit dem Menschenmaterial gerechnet.
"Wir machen weiter"
Doll und ihr Team wollen so vielen Opfern wie möglich einen Namen, ein Gesicht und eine Biografie geben. Dafür schreiben sie Archive in der ganzen Welt an und suchen nach Akten. Als Nächstes wollen sie sich auf die Heil- und Pflegeanstalten konzentrieren.
Körperspende heute nur mit Zustimmung
Heutzutage geht in der Anatomie nichts ohne Zustimmung. Menschen, die ihren Körper freiwillig für die Lehre gespendet haben, werden danach nicht massenweise verbrannt und anonym verscharrt wie damals. Sie werden bestattet - in Würde und mit großer Dankbarkeit.