Das anatomische Institut Heidelberg im Nationalsozialismus

Digitales Archiv der Uni zeichnet die Lebenswege von NS-Opfern nach

Fast 1.000 Leichen wurden von 1933 bis 1945 in die Heidelberger Anatomie eingeliefert. Ein Projekt hat ihre Namen erfasst und mittlerweile 84 Lebensgeschichten recherchiert.

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Von Autor/in Monika Regelin

Das Institut für Anatomie in Heidelberg erinnert mit der Internetseite "Erinnerte Opfer" an Menschen, deren Leichen im Nationalsozialismus gegen ihren Willen für die medizinische Lehre benutzt wurden. Mehr als 80 Lebensgeschichten konnten bislang recherchiert werden.

Nach der Hinrichtung in die Heidelberger Anatomie

Eine dieser Lebensgeschichten ist die von Hannah Ahrens. Sie war 42 Jahre alt, als sie 1944 in Bruchsal mit dem Fallbeil hingerichtet wurde. Der Volksgerichtshof Stuttgart hatte sie wegen Defätismus zum Tode verurteilt, weil sie Zweifel am Krieg der Nationalsozialisten geäußert hatte.

Vor ihrem Tod schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihren Mann und legte Haarsträhnen bei. Ihr Leichnam, so bat sie, solle in Konstanz, neben ihrer Mutter, bestattet werden. Der Brief wurde nie abgeschickt. Ihre Leiche kam auf Anweisung der Behörden zu Lehr- und Forschungszwecken in die Anatomie nach Heidelberg.

Du, mein Liebstes, richte Dich wieder auf u. denke ich sei eines natürlichen Todes gestorben behalte mich lieb, so wie ich Dich stets geliebt habe, ewig lieben werde.

Haarsträhnen liegen auf einem Blatt Papier
Haarsträhnen von Martha Ahrens, die sie dem Brief beigelegt hat. Universitätsarchiv Heidelberg

Heidelberger Forschungsprojekt rekonstruiert Biografien

Dass diese Details bekannt sind, ist dem Forschungsprojekt von Sara Doll zu verdanken. Sie arbeitet als Präparationsassistentin im anatomischen Institut der Universität Heidelberg und betreut die anatomische Sammlung. Mit ihrem Team hat sie fast 1.000 Namen von Menschen erfasst, deren Leichen zwischen 1933 und 1945 zur Heidelberger Anatomie gebracht wurden.

Grundlage der Recherche ist das sogenannte Leichenjournal, in dem seit 1816 alle Eingänge verzeichnet werden. 84 Lebensgeschichten konnten die Forscher in mühevoller Kleinarbeit bisher rekonstruieren. Viele dieser Menschen wurden hingerichtet.

Auszug der Einträge von 1944 im Leichenjournal der Heidelberger Anatomie
Auszug der Einträge von 1944 im Leichenjournal der Heidelberger Anatomie Universitätsarchiv Heidelberg

NS-Opfer mit ganz unterschiedlichen Lebensgeschichten

Zu den Opfern gehörten politische Gegner wie die Widerstandsgruppe um den Mannheimer Kommunisten Georg Lechleiter, aber auch Kleinkriminelle, die als "Asoziale" oder "Volksschädlinge" galten. Unter ihnen war zum Beispiel eine Frau aus Mannheim, die in ihrer Küche Abtreibungen vornahm, bei denen eine junge Frau starb.

Oder eine andere, die Kleidung, Wäsche und Hausrat nach einem Fliegerangriff aus einer Wohnung gestohlen hatte. Die NS-Justiz machte kurzen Prozess. Unter den Opfern waren auch polnische Zwangsarbeiter und sowjetische Kriegsgefangene, deren Namen häufig nicht einmal vermerkt wurden.

Zivilisationsbruch, dieses unvorstellbare NS-Unrecht, hat nicht nur in Auschwitz stattgefunden, sondern eben auch hier vor Ort.

Anatomische Institute profitierten von der NS-Unrechtsjustiz

Die Anatomischen Institute freuten sich über die Zunahme von Leichen nach 1939. Davon ist der Historiker Frank Engehausen überzeugt, der an der Heidelberger Universität lehrt und viel über die Zeit des Nationalismus geforscht hat. Schließlich waren die Hingerichteten oft deutlich jünger als die Menschen, die in den sogenannten Heil- und Pflegeanstalten gestorben waren und ebenfalls ohne ihre Zustimmung in der Anatomie landeten. Deren Leichenwagen wartete meist schon vor der Hinrichtungsstätte in Stuttgart.

Oft wurden den Toten direkt vor Ort Organe entnommen, sagte Sara Doll vom Institut für Anatomie. Es gebe sogar Fälle, in denen Menschen schon im Leichenjournal als Eingang verzeichnet gewesen seien, obwohl deren Gerichtsprozess noch nicht abgeschlossen gewesen sei, so sicher hätten die Anatomen mit dem Menschenmaterial gerechnet.

Ein Mann steht vor einer Tafel. Neben dem Mann steht ein Modell eines Skeletts.
Georg Mollier, während der NS-Zeit zunächst Assistent, später Prosektor in der pathologisch-anatomischen Abteilung der Anatomie Heidelberg, in einer Unterrichtssituation im Hörsaal. Universitätsarchiv / Universitätsbibliothek Heidelberg

"Wir machen weiter"

Doll und ihr Team wollen so vielen Opfern wie möglich einen Namen, ein Gesicht und eine Biografie geben. Dafür schreiben sie Archive in der ganzen Welt an und suchen nach Akten. Als Nächstes wollen sie sich auf die Heil- und Pflegeanstalten konzentrieren.

Körperspende heute nur mit Zustimmung

Heutzutage geht in der Anatomie nichts ohne Zustimmung. Menschen, die ihren Körper freiwillig für die Lehre gespendet haben, werden danach nicht massenweise verbrannt und anonym verscharrt wie damals. Sie werden bestattet - in Würde und mit großer Dankbarkeit.

Ein menschliches Skelett steht am Institut für Anatomie und Zellbiologie der Uni Gießen in einem Saal, in dem an Körperspenden gearbeitet wird: Heute sind Körperspenden freiwillig, die anatomischen Institute haben ethische Regeln, wie Studierende und Mitarbeiter mit ihnen umgehen. Einige ältere Präparate stammen von Opfern der NS-Zeit.

Anatomie Körperspenden – Nach dem Tod der Wissenschaft dienen

Heute sind Körperspenden freiwillig, die anatomischen Institute haben ethische Regeln, wie Studierende und Mitarbeiter mit ihnen umgehen. Einige Präparate stammen aus der NS-Zeit.

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