In Baden-Württemberg sollen elf stillgelegte Schienenstrecken vorerst nicht reaktiviert werden. Das Verkehrsministerium teilte mit, das Konzept zur Reaktivierung von Bahnstrecken sei wegen veränderter finanzieller Rahmenbedingungen überarbeitet und auf eine verlässliche Grundlage gestellt worden.
Zwölf Schienenstrecken sollen den Angaben zufolge reaktiviert werden. Manche sind bereits in Betrieb, an anderen wird gebaut oder die Planung ist bereits gestartet.
Diese elf Strecken bleiben zunächst außer Betrieb
Nicht wieder reaktiviert werden sollen
- die Strecke zwischen Breisach (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) und dem französischen Colmar,
- die Bottwartalbahn zwischen Heilbronn und Marbach am Neckar (Kreis Ludwigsburg),
- die Kleine Teckbahn zwischen Kirchheim unter Teck und Weilheim (beides Kreis Esslingen),
- die zweite Etappe der Ablachtalbahn zwischen Meßkirch und Mengen (beides Kreis Sigmaringen),
- die Bollerbahn zwischen Göppingen und Bad Boll (Kreis Göppingen),
- die Klosterstadt-Bahn zwischen Maulbronn West und Stadt Maulbronn (Enzkreis),
- die Etzwiler Bahn zwischen Singen (Kreis Konstanz) und Ramsen (Kreis Tuttlingen),
- die Zollern-Alb-Bahn-Verlängerung zwischen Balingen (Zollernalbkreis) und Rottweil,
- die Strecke zwischen Leutkirch und Isny im Allgäu (Kreis Ravensburg),
- die Eyachtalbahn zwischen Eyach (Kreis Freudenstadt) und Hechingen (Zollernalbkreis),
- sowie die Schwäbische-Alb-Bahn zwischen Gammertingen (Kreis Sigmaringen) und Engstingen (Kreis Reutlingen) und zwischen Engstingen und Münsingen (Kreis Reutlingen).
Einige Strecken in Planung
Noch in der Planung sind die Talgangbahn zwischen Ebingen und Onstmettingen (beides Zollernalbkreis), die Zabergäubahn zwischen Lauffen und Zaberfeld (beides Kreis Heilbronn), die Kochertalbahn zwischen Waldenburg und Künzelsau (beides Hohenlohekreis), die Echaztalbahn zwischen Reutlingen und Engstingen (Kreis Reutlingen) sowie die Gomaringer Spange zwischen Reutlingen und Nehren (Kreis Tübingen).
Ebenfalls noch geplant werden die Reaktivierungen der Markgröninger Bahn zwischen Ludwigsburg und Markgröningen (Kreis Ludwigsburg), die erste Etappe der Ablachtalbahn zwischen Stockach (Kreis Konstanz) und Meßkirch (Kreis Sigmaringen), die Kandertalbahn zwischen Haltingen und Kandern (beides Kreis Lörrach) sowie die Krebsbachtalbahn zwischen Neckarbischofsheim Nord (Rhein-Neckar-Kreis) und Bad Rappenau (Kreis Heilbronn).
Zwischen Priorisierung und Wartegleis Schienenprojekte in der Region: Zuschlag für LUCIE, Rückschlag für andere Bahnen
Das Land hat geprüft, welche Bahnprojekte so wichtig sind, dass sie trotz knapper Kassen gefördert werden. Zahlreiche Kommunen erhielten Absagen, der Kreis Ludwigsburg eine Zusage.
User diskutieren über die Entscheidung bei Reddit
Bei Reddit-Usern löst die Nachricht aus dem Verkehrsministerium gemischte Reaktionen aus: Er sei positiv überrascht, wie viele Strecken nun doch reaktiviert werden, schreibt etwa ein User im Reddit-sub "drehscheibe": Die Aussagen von Ministerin Razavi in den letzten Wochen "hatten Kahlschlag befürchten lassen." Ein anderer User findet hingegen, dass sich das Land vor allem auf den Erhalt der bestehenden Strecken konzentrieren solle, bevor man alte Strecken reaktiviere: "Auf vielen Bestandsstrecken ist noch Luft nach oben."
Ein weiterer User zeigte sich enttäuscht, dass die Schwäbische-Alb-Bahn zwischen Engstingen und Münsingen (beide Kreis Reutlingen) nicht für den regulären Schienenverkehr reaktiviert werde - obwohl dort im Sommer Züge fuhren. Auch auf der Klosterstadt-Bahn in Maulbronn (Enzkreis) fahren bereits an Sonn- und Feiertagen Züge, dennoch habe die Strecke den Zuschlag verpasst, beklagt ein anderer User.
Auch aus der Politik kamen Reaktionen auf die Entscheidung: So zeigte sich Ludwigsburgs Landrat Dietmar Allgaier (CDU) erleichtert, dass das Land die "Markgröninger Bahn" entsprechend einstuft und bezuschusst. Das sei ein wichtiges Signal, teilte der Landrat mit: Damit könnten die Planungen für diese Teilstrecke des Ludwigsburger Stadtbahnprojekts "LUCIE" fortgeführt werden. Schlechte Nachrichten gab es dagegen für die Strecke Breisach-Colmar: Das Aus für das Projekt wurde bereits im August öffentlich gemacht - eine Enttäuschung für die Unterstützer des deutsch-französischen Bahnprojekts. "Die Entscheidung ist definitiv ein Schock", sagte damals Hannes Linck vom Verein "TransRhinRail Freiburg-Colmar".
Projekte sollen nach fünf Jahren erneut bewertet werden
"Das muss keine Absage für immer sein", sagte Baden-Württembergs Verkehrsministerin Nicole Razavi (CDU). Nach fünf Jahren würden die Projekte erneut bewertet. "Sollten sich zwischenzeitlich neue Initiativen für Reaktivierungsvorhaben ergeben, können diese dann ebenfalls bewertet werden - immer natürlich auch vor dem Hintergrund unserer finanziellen Möglichkeiten."
Die Finanzierungssituation des Schienenpersonennahverkehrs habe sich nach Angaben des Verkehrsministeriums gravierend verschlechtert. "Die Regionalisierungsmittel des Bundes sind nicht mehr auskömmlich", erklärte Razavi. Zusätzlich werde der Nahverkehr auf der Schiene durch Trassenpreiserhöhungen infolge eines Urteils des Europäischen Gerichtshofs massiv belastet. "In der Summe fehlt uns dadurch künftig, sofern sich die Situation nicht verbessert, jährlich ein dreistelliger Millionenbetrag."
Stilllegung von Schienenstrecken aus heutiger Sicht ein Fehler
Zwischen 1960 und den 1990er-Jahren wurden den Angaben zufolge viele Bahnstrecken in Baden-Württemberg stillgelegt. Mehr als 1.500 Kilometer Schienenstrecken wurden außer Betrieb gesetzt. Während die Gleise auf manchen Strecken vollständig abgebaut wurden, liegen sie an anderen Stellen immer noch und verwildern. Aus heutiger Sicht sei das ein Fehler gewesen, hieß es vom Verkehrsministerium.
Bereits seit Januar 2026 in Betrieb ist die Hermann-Hesse-Bahn zwischen Calw und Weil der Stadt (Kreis Böblingen). Im Bau befinden sich die Strecken zwischen Bernhausen und Neuhausen (beides Kreis Esslingen), wo die S2 auf der ehemaligen Filderbahn verlängert wird, sowie zwischen Lauchringen und Weizen (beides Landkreis Waldshut) (Untere Wutachtalbahn).