Joachim Scholz (CDU) hat sie erlebt, die fetten Jahre, aber auch die Rückschläge in Neckarsulm (Kreis Heilbronn). Acht Jahre lang leitete er die Geschicke als Oberbürgermeister der Stadt, einer Kommune mit 27.000 Einwohnerinnen und Einwohnern und Gewerbesteuereinnahmen von bis zu 138 Millionen Euro. Das Aquatoll, eine städtische Musikschule mit gut 40 eigenen Lehrkräften, Bauprojekte wie das neue Umfeld des Bahnhofs, ein Sportbad und vieles mehr – die Stadt konnte aus dem Vollen schöpfen. Und Joachim Scholz war auf dem Zenit seiner Karriere.
Aber er spürte auch die Schattenseiten der mächtigen Gewerbesteuerzahler. Ein Jahr vor der OB-Wahl eröffnete ihm der damalige Chef der Schwarz-Gruppe, dass Lidl Deutschland seine Zentrale von Neckarsulm nach Bad Wimpfen (Kreis Heilbronn) verlagert. Wenige Monate zuvor war der Abgasskandal bei VW bekannt geworden, und Audi hing tief mit drin. Die Stadt, die ob ihres Reichtums gern mal als "Industriegebiet mit Fußgängerzone" veräppelt wurde, musste plötzlich den Gürtel enger schnallen.
Trotz Krise bei Audi den Mut nicht verlieren
Eine Lehre aus dieser Zeit soll den Neckarsulmern in der Sorge um Audi heute Mut machen, meint Joachim Scholz. Oft seien die Prognosen deutlich schlechter als am Ende die tatsächlichen Haushaltsabschlüsse. Zwar werde die Stadt in den kommenden Jahren massiv sparen müssen, doch am Ende werde sie es gut überstehen.
Ich bin ein gnadenloser Optimist!
Für ihn selbst ging es damals nicht gut aus. Im September 2016 ließ die Stadt ihn fallen, die Bürgerinnen und Bürger wählten seinen Herausforderer ins Amt. Mit 54 stand Scholz plötzlich ohne Job da. Dazu kamen Anfeindungen, auch gegenüber seiner Familie. "Ich habe zwei Jahre gebraucht, um das zu verdauen", sagt er rückblickend über diese schwere Phase. "Das war schon ein ziemlicher Hammer."
Joachim Scholz: Aufgeben kommt nicht in Frage
Doch Scholz gibt nicht auf. Er fängt sich, gründet eine Beratungsgesellschaft für Kommunen, lehrt an der Verwaltungshochschule in Ludwigsburg. Ihm hilft seine Prägung: Der Vater war Boxtrainer, schon früh konnte Scholz als Kind am Ring mitverfolgen, dass mit Ausdauer und Ehrgeiz Erfolge kommen, dass es gilt, immer wieder aufzustehen, wenn man am Boden liegt – aushalten und durchhalten, wie bei den zahlreichen Marathonläufen, an denen er teilgenommen hat.
Dazu kommen Vorbilder aus seiner Zeit als Internatsschüler in Kirchberg an der Jagst (Kreis Schwäbisch Hall). Seine Eltern hatten ihn nach ihrer Scheidung mit zwölf hierher geschickt, um ihn vor dem Rosenkrieg zu schützen. Scholz’ Augen strahlen, wenn er von seiner Schulzeit erzählt: vom gradlinigen Leiter Heinz Borchers, genannt "Bo", der Sicherheit und Zuversicht ausstrahlte, von den verrückten Ideen von Sportlehrer Gerhard Mikenda, der mal 13 Kinder in seinem Auto stapelte, oder der Erzieherin Margit Steiner, die Wert auf Anstand und geputzte Schuhe legte. Bis heute engagiert sich Scholz für das Internat, pflegt Freundschaften zu ehemaligen Klassenkameraden.
Scholz - Comeback an der Rathausspitze
Und noch jemand hilft, wieder durchzustarten. Auf einem Zeltlager hat er als Teenager Birgit kennengelernt. Die beiden sind bis heute verheiratet. Sie ist an seiner Seite, als er erst Bürgermeister in Steinheim an der Murr (Kreis Ludwigsburg), später Oberbürgermeister in Neckarsulm und Vorsitzender des Regionalverbands Heilbronn-Franken wird – aber auch, als es steil bergab geht und er sich neu erfinden muss.
Die beiden haben zwei erwachsene Söhne. Sie unterstützt ihn 2020 bei seinem Wahlkampf im kleinen Schöntal (Hohenlohekreis) und Scholz gewinnt die Wahl. Seit sechs Jahren ist er nun "Bürgermeister der schönsten Gemeinde Baden-Württembergs", wie er findet.
Fast 65, Zukunft ungewiss
Schöntal ist eine ganze Nummer kleiner als die Große Kreisstadt Neckarsulm. Doch hier ist er glücklich. Sein Amtssitz liegt mitten in der berühmten Klosteranlage, der Ort ist neue Heimat geworden. An seine alte Wirkungsstätte Neckarsulm kommt er nur noch, um Kinder und Enkel zu besuchen. Den Kampf um das Audi-Werk verfolgt er aufmerksam, aber aus der Distanz. Im kommenden Jahr wird Scholz 65, dann will er auch entscheiden, ob er noch mal in Schöntal antritt oder in den Ruhestand geht.