Bei Durgun-Kebap im Stuttgarter Osten leuchten die Gesichter. Der Imbiss wird seit Jahren von einer türkischstämmigen Familie betrieben. Der Chef des kleinen Ladens Dursun Durgun sagt: "Özdemir ist ein eingeborener Baden-Württemberger. Das ist ja ein Mensch, der ist hier geboren - ich glaube, der macht nichts falsch."
Wenige Stadtbahn-Haltestellen entfernt von dem kleinen Kebap-Laden liegt der Amtssitz des neuen Ministerpräsidenten. Als Vegetarier wird Özdemir höchstens mal auf ein Spinat-Käse-Pide vorbeikommen, schmunzelt die türkische Köchin im Kebap-Laden - sie findet Cem Özdemir aber sehr sympathisch.
Deutsch-türkisches Forum hofft auf neue Impulse
Auch beim deutsch-türkischen Forum in Stuttgart freut man sich auf den Amtsantritt des neuen Ministerpräsidenten. Die Wahl von Cem Özdemir sei ein starkes gesellschaftliches Signal, sagt Forum-Geschäftsführer Kerim Arpad, aber "entscheidend wird sein, welche konkreten politischen Impulse die neue Landesregierung setzt", sagt Arpad. Beim Thema Bildungsgerechtigkeit, Teilhabe, Demokratieförderung oder in der Unterstützung von Kommunen und Zivilgesellschaft in der Integrationsarbeit müsse die neue Landesregierung unter Ministerpräsident Özdemir liefern.
Dazu, so der Geschäftsführer des deutsch-türkischen Forums, müsse die Landesregierung in Zukunft migrantische Organisationen und Verbände stärker fördern und unterstützen - Mehrsprachigkeit soll deutlicher als Chance und nicht als Belastung gesehen werden.
Sachverständigenrat: Nachholbedarf in BW
Unterstützung bekommt das deutsch-türkische Forum vom Sachverständigenrat Integration, der auch die Bundesregierung berät. Havva Engin, eine der neun Mitglieder des Rats, fordert von der neuen durch Özdemir geführten Landesregierung, die gesellschaftliche Teilhabe von Migranten im Land zu stärken: "Ich erwarte von Cem Özdemir, dass unter seiner Führung ein entscheidender Durchbruch beim Thema 'Herkunftssprachen-Unterricht in staatlicher Verantwortung' erfolgt.“
Ich erwarte von Cem Özdemir, dass unter seiner Führung ein entscheidender Durchbruch beim Thema 'Herkunftssprachen-Unterricht in staatlicher Verantwortung' erfolgt.
Laut Engin ist Baden-Württemberg neben Bayern das einzige westdeutsche Bundesland, das noch kein staatliches Angebot entwickelt hat. Und immer noch an dem Modell eines muttersprachlichen Ergänzungsunterrichts von 1980 festhalte, so Engin. Damit werde das Land Baden-Württemberg nicht dem gerecht, was eine so divers aufgestellte migrantisch geprägte Bevölkerung verdient habe.
Menschen mit Migrationserfahrung wertschätzen
Beim deutsch-türkischen Forum wurden seit der Wahl Cem Özdemirs ganz unterschiedliche Reaktionen wahrgenommen. Die Meisten, so berichtet Arpad, freue sich auf die Regierungszeit von Özdemir, meinten aber, dass ihr Anteil am Gesellschaftlichen Leben in Baden-Württemberg mehr Wertschätzung verdient habe.
"Andere blicken aber auch skeptischer auf die Person Cem Özdemirs. Denn er hat in der Vergangenheit öfter die türkische Regierung kritisiert", sagt Arpad. Und seine Statements zur Türkei und der Regierung dort seien in der türkisch-stämmigen Bevölkerung Baden-Württembergs nicht unumstritten.
Schlicht und einfach fasst es im kleinen Kebap-Laden in Stuttgart-Ost Durgun zusammen: "Ich glaube, es ist der richtige Mann."