SWR Aktuell: Herr Kesselheim, nach der Amokfahrt in Trier haben Sie damals über Wochen hinweg Polizistinnen und Polizisten betreut – wie geht es den Kollegen – jetzt, fünf Jahre später?
Hubertus Kesselheim: Ich habe so das Gefühl nach dem, was wir damals so erlebt haben in den vielen Nachgesprächen, die wir auch Monate danach noch geführt haben, dass die Kolleginnen und Kollegen tatsächlich einen guten Prozess der Verarbeitung gegangen sind. Wie es dem Einzelnen wirklich geht, das weiß nur der Einzelne selbst.
Das Datum ist auf jeden Fall ein Trigger, der das Ganze noch mal vorbeilaufen lässt und der einen so stark erinnert, dass man auch die Bilder noch mal vor sich sieht.
SWR Aktuell: Was haben die Polizistinnen und Polizisten damals in der Fußgängerzone erlebt?
Hubertus Kesselheim: Chaos, Hilflosigkeit und Ohnmacht. Die Kollegen sind mit Notruf alarmiert worden. Da rast jemand durch die Fußgängerzone und sie sind in die Fußgängerzone gefahren und sind plötzlich konfrontiert worden mit vielen Menschen, die um Hilfe gerufen haben, die Hilfe quasi erbettelt haben am Streifenwagen.
Die Kolleginnen und Kollegen hatten das Gefühl, völlig überfordert zu sein in diesem Augenblick, weil sie den Auftrag hatten, erst einmal Sicherheit herzustellen und weil sie natürlich keinen Rettungswagen dabeihatten, mit den Materialien, die man braucht, um viele Verletzte zu versorgen.
SWR Aktuell: Es hieß ja auch, dass damals bei der Polizei der Funk schnell zusammenbrach, weil alle gleichzeitig gefunkt haben?
Hubertus Kesselheim: Man hat nicht mehr wirklich mitbekommen, was läuft. Klare Anweisungen fehlten dann natürlich auch, die zwar gegeben wurden, aber sie drangen nicht mehr durch. Die Kolleginnen und Kollegen sind konfrontiert worden mit vielen Verletzten, mit vielen Menschen, die panisch waren, die auf die Streifenwagen zugelaufen sind, Hilfe erbeten haben.
SWR Aktuell: Das waren auch vor allem junge Kolleginnen und Kollegen, die dort waren?
Hubertus Kesselheim: Ja, es waren sehr junge Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte, die da im Einsatz waren. Die Schichtdienstbeamten, also die wirklich Streifenwagenbeamte sind, das sind in der Regel wirklich die Jüngeren. Und tatsächlich waren die ersten, die in der Fußgängerzone waren, ganz junge Beamte, die noch gar nicht so lange im Dienst waren. Für die ist das natürlich eine echte Herausforderung, in so einen Einsatz sofort hineinzugeraten.
Ich habe die beiden betreut, die zum Beispiel den Säugling und den toten Vater bewacht haben. Tatortwache in dem Sinne. Die haben fast zwei Stunden daneben gestanden. Und Sie können sich vorstellen, was das auslöst in einem, wenn man mit diesem Bild permanent konfrontiert ist, mit den Gedanken konfrontiert ist, was hier passiert ist. Das kommt erst nachher. Im Einsatz haben die Kollegen und Kollegen funktioniert.
SWR Aktuell: Sie haben ja dann auch in den Tagen danach die Polizistinnen und Polizisten begleitet. Was hat ihnen geholfen?
Hubertus Kesselheim: Die gesamte Begleitung zog sich über vier Wochen hin. Und ein ganz wichtiger Moment war tatsächlich eine Woche danach: Wir haben eingeladen in die ehemalige Kirche St. Maximin, einfach zu einem Innehalten. Leider konnten wir, weil Corona war, nur die Polizeikräfte einladen. Und es kamen alle, es waren 130 Leute in zwei Meter Abstand oder drei Meter Abstand.
Das war der erste Moment, wo ich meine Tränen laufen lassen konnte.
Wir haben Kerzen aufgestellt für die Toten. Wir haben der Verletzten gedacht. Wir haben ein paar Texte gesprochen. Es gab Musik. Und das war ein unglaublich dichter Moment. Und viele der Kolleginnen und Kollegen haben uns nachher gesagt, wie gut, dass ihr das gemacht habt. Das war der erste Moment, wo ich meine Tränen laufen lassen konnte.
SWR Aktuell: Sie haben die unterschiedlichsten Kräfte bei der Polizei begleitet?
Hubertus Kesselheim: Wir haben Kommissariate betreut, die Todesermittler, die tatsächlich auch die Todesermittlungssachen machen mussten. Wir haben die Spurensicherer begleitet.
Wir haben mit den Schreibkräften der Kriminaldirektion gesprochen. Das sind Frauen, die die Protokolle schreiben müssen von den Aussagen. Sie konnten durch das, was sie dort gelesen haben, was sie geschrieben haben, was sie gehört haben über ihre Kopfhörer, tatsächlich auch nicht mehr schlafen. Es haben sich in ihren Köpfen Bilder entwickelt, das war wirklich auch eine ganz schwierige Situation.
SWR Aktuell: Es war sicherlich auch für Polizisten und Polizistinnen ein besonderer schwieriger Einsatz?
Hubertus Kesselheim: Es war ein Einsatz, der die Polizeibeamten und Polizeibeamtinnen nicht nur gefordert hat aus einem dienstlichen Kontext heraus. Ich habe Sätze gehört von Kolleginnen und Kollegen: "Der hat mein Wohnzimmer zerstört." Damit haben sie die Fußgängerzone gemeint.
Der hat mein Wohnzimmer zerstört.
Die Kolleginnen und Kollegen haben ihre Mittagspause hier verbracht normalerweise, sind hier einkaufen gegangen nach dem Dienst. Das hat sie ja auch privat betroffen. Es war nicht nur der dienstliche Kontext, sondern auch das private Erleben, dass der Ort, an dem man sich selbst wohl fühlt, an dem man gerne auch hingeht, dass der Ort plötzlich ein anderer gewesen ist, auch durch die Bilder, die man gesehen hat, durch das, was man erfahren hat in der Ermittlungsarbeit, was man sich anschauen musste an Videos und so weiter. Und das war für viele Kolleginnen und Kollegen hochbelastend.
SWR Aktuell: Was hat den Kolleginnen und Kollegen geholfen?
Hubertus Kesselheim: Sie waren froh, als wir in einem guten geschützten Rahmen dann ein Nachgespräch mit ihnen führen konnten, wo sie das alles mal aufarbeiten konnten, es auch loswerden konnten im wahrsten Sinne des Wortes. Wir haben in der Krisenintervention zum Beispiel auch so einen Leitsatz, geteiltes Leid ist halbes Leid. Das ist ein altes Sprichwort, aber es hat sehr viel Wahrheitsgehalt. Wenn ich das, was mich belastet, aussprechen kann, weil ich es mit Menschen teilen kann, zu denen ich Vertrauen haben kann, mit Menschen teilen kann, die es verstehen, die wissen, worum es geht, die auch meine Gefühle verstehen, dann hilft das enorm.