SWR-Umfrage

Referendariat in Rheinland-Pfalz: Fürs Lehramt durch "die Hölle"

Massiver Stress, hoher Druck, dauerhafte Beobachtung und intransparente Noten: Eine nicht repräsentative Umfrage des SWR zeigt, womit Referendare im Schuldienst kämpfen.

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So hatte er sich das nicht vorgestellt: Als Tobias Kämmerer vor vier Jahren sein Referendariat begann, war er voller Motivation. Er wollte endlich unterrichten, Lehrer werden, mit Kindern arbeiten. Doch dann stieg der Druck, berichtete er im Interview mit dem SWR. Im vergangenen Jahr bricht er schließlich das Referendariat ab.

"Ich hab das nicht mehr geschafft. Ich bin daran verzweifelt", erzählt Kämmerer. Vor allem die letzten 48 Stunden vor einem Unterrichtsbesuch, seien "brutal" gewesen. Damit sind Besuche von Vertretern aus Studienseminar, Schule und anderen gemeint, die den Unterricht eines Referendars beobachten und dann entsprechende Rückmeldungen geben.

SWR-Umfrage: Stress und Druck im Referendariat kein Einzelfall

Tobias Kämmerer, der heute an einer Privatschule in der Pfalz als Lernbegleiter arbeitet, ist einer der wenigen, die sich trauen, mit Namen über das Referendariat zu sprechen. Seine Erfahrungen finden sich aber auch in Antworten einer nicht-repräsentativen Umfrage des SWR wieder, an der gut 200 angehende Lehrkräfte teilgenommen haben.

 

Während viele Befragte Faktoren wie die Zuteilung zum Schulort, die Zusammenarbeit mit den Schulleitungen vor Ort und den Fachbereichsleitern überwiegend positiv bewerten, beklagen viele von ihnen einen enormen Arbeitsaufwand, der zu Stress bis hin zu schweren psychischen Belastungen führe. So sagt fast die Hälfte, sie würden mehr als 50 Stunden in der Woche arbeiten - fast 15 Prozent spricht von mehr als 60 Stunden.

Referendariat als "Hölle"?

In überwiegend anonymen persönlichen Schilderungen ist von ständigem Bewertungsdruck, Aufgabenflut, Zeitdruck und Zukunftsängsten die Rede. Das Referendariat wird von einigen als "Hölle" beschrieben, ein Teilnehmer sagt, es sei "menschenunwürdig". Im Rahmen der Umfrage berichtet eine Referendarin, sie habe versucht, sich das Leben zu nehmen. Auf Nachfrage des SWR sagt sie, im März diesen Jahres sei ihr alles zu viel geworden und sie habe keinen anderen Ausweg gesehen.

Ein Entlassungsprotokoll einer Klinik, das sie dem SWR vorlegt, bestätigt den Suizidversuch und nimmt Bezug auf Stressfaktoren während ihres Referendariats, aber auch auf bestehende familiäre Belastungen. Das rheinland-pfälzische Bildungsministerium teilte dem SWR auf Anfrage mit, ihm seien "keine derartigen Fälle bekannt".

Nachdenken über Abbruch des Referendariats

Laut der nicht-repräsentativen Umfrage denkt ein Drittel der Umfrageteilnehmer regelmäßig ans Aufhören. Insgesamt 37 Prozent der Befragten sagen, dass sei mehrmals im Monat oder gar täglich der Fall.

Das Bildungsministerium verweist auf eine zwischen 2017 und 2019 durchgeführte Studie der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz, wonach "Tendenzen zur emotionalen Erschöpfung" im Vorbereitungsdienst eher mittel bis gering ausgeprägt gewesen seien. Zudem gebe es "kollegiale Fallberatungen" und Online-Kurse zur Stressprävention – insgesamt ein "breit gefächertes, niedrigschwelliges Unterstützungsangebot für die verschiedensten Themenbereiche".

Das Nachdenken über einen Abbruch des Referendariats zeuge von einer hohen Reflexionskompetenz der Anwärterinnen und Anwärter. Im aktuellen Schuljahr hätten 58 Personen ihre Referendariate abgebrochen. Ein Jahr zuvor waren es demnach 65.

Schulpraxis im Fokus

Bei Carolin Gipp, die dem SWR vom Bildungsministerium als Ansprechpartnerin empfohlen wurde, kann von Abbruchgedanken jedenfalls nicht die Rede sein. Sie unterrichtet aktuell Englisch, Französisch und Sozialkunde am Eleonoren-Gymnasium in Worms und betont den Mehrwert dieser Phase: "Ich empfinde die Zeit als super wertvoll und als eine Phase, in der man wahnsinnig viel lernt, im Umgang mit den Schülerinnen und Schülern, aber auch über das System Schule und seine Organisation", sagte sie dem SWR.

Stefan Jakobs, Vorsitzender der Bildungsgewerkschaft GEW in Rheinland-Pfalz, sagte dem SWR, der Vorbereitungsdienst könne weiter verbessert werden, etwa durch stärkere Verzahnung zwischen der universitären ersten Phase der Ausbildung und dem Referendariat. Trotz bereits bestehender Praktika könne "echte Expertise der zweiten Phase" schon früher vermittelt werden. Auch sei es überlegenswert, die Dauer des Referendariats von 18 auf 24 Monate zu verlängern.

Ein weiterer Kritikpunkt bei der Umfrage sind fehlende Einstellungsperspektiven. Vor allem angehende Lehrerinnen und Lehrer im Grundschulbereich berichten, sie suchten deshalb Stellen in Nachbarländern wie in Hessen.

Nach SWR-Recherchen hatte das rheinland-pfälzische Bildungsministerium die Einstellungschancen noch im Februar als "gut" eingestuft, inzwischen aber auf "mittel bis schwierig" herabgesetzt. Als Gründe nennt das Ministerium gegenüber dem SWR eine sinkende Schülerzahl, eine Entspannung bei der Zuwanderung und eine unüblich starke Erhöhung des Beschäftigungsumfangs bei vorhandenen Lehrkräften.

Abwanderungswelle nach Hessen? 

Zu einer womöglich vermehrten Orientierung rheinland-pfälzischer Grundschulreferendare Richtung Hessen liegen dem Ministerium nach eigenen Angaben keine Erkenntnisse vor. Das Kultusministerium in Hessen teilte dem SWR mit: Bezogen auf alle Schularten hätten sich zum Stichtag 19.06.2026 rund 90 Personen aus Rheinland-Pfalz in Hessen beworben.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Alicia Tedesco
Foto von Alicia Tedesco
Edina Schmitt
Porträt von Edina Schmitt
Ben Schittler
Ein Bild von Ben Schittler
Willi Glück
Porträt von Willi Max Glück

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