Collien Fernandes spricht öffentlich darüber, dass ihre Tochter aktuell den Kontakt zu ihr abgebrochen hat. Das ist auch außerhalb der Promi-Welt immer wieder ein Thema für Familien. Olaf Jacobsen-Vollmer leitet die Evangelische Psychologische Beratungsstelle in Mainz. Er ist Diplom-Psychologe, Systemischer Paar- und Familientherapeut, Supervisor und Coach. Familiäre Beziehungen und Konflikte sind immer wieder Thema in der Beratungsstelle - dazu zählt auch, dass Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen.
SWR Aktuell: Was sind Gründe für einen Kontaktabbruch?
Olaf Jacobsen-Vollmer: Gerade in Trennungs- und Scheidungsfamilien gibt es oft massive Konflikte, die sich in die Eltern-Kind-Beziehung hineinziehen. Wenn Kinder in die Pubertät kommen, kann es dann dazu kommen, dass sie den Kontakt zu einem Elternteil abbrechen.
Wir sehen das aber auch in der allgemeinen Lebensberatung: Ältere Eltern leiden darunter, dass erwachsene Kinder den Kontakt abgebrochen haben. Meist gehen langanhaltende Konflikte oder einschneidende Lebensereignisse voraus - etwa neue Partnerschaften oder stark unterschiedliche Werte und Lebensentwürfe. Ein Kontaktabbruch hat meist komplexe Ursachen.
SWR Aktuell: Wenn wir auf Trennungsfamilien schauen - geht es vor allem darum, dass die Eltern sich nicht einig sind und das Kind darunter leidet?
Jacobsen-Vollmer: In manchen Trennungs- und Scheidungsfamilien gibt es ein sehr hohes Maß an Konflikt. Häufig haben die Eltern untereinander kaum Kontakt - das belastet die Kinder.
Wenn dann familiengerichtlich bestimmte Umgangsmodelle festgelegt werden - zum Beispiel, dass ein Kind jeden zweiten Samstag zu einem Elternteil kommen soll - und ein Elternteil sehr darauf pocht, dieses Modell strikt einzuhalten, kann das für Kinder mit zunehmendem Alter schwierig sein. Sie werden unabhängiger, lösen sich vom Elternhaus, haben eigene Bedürfnisse. Wenn ihre Belange dann wenig berücksichtigt werden, entscheiden manche Kinder: "Dann komme ich gar nicht mehr." Sie brechen den Kontakt ab, um ihre eigene Autonomie zu schützen.
SWR Aktuell: So ein Kontaktabbruch hat ja verschiedene Ausprägungen - von "seltener melden" bis "Funkstille". Gibt es Unterschiede zwischen den Altersgruppen?
Jacobsen-Vollmer: Je älter Kinder werden und je autonomer sie sind, desto weniger Kontakt kann es geben - das ist zunächst normal. Problematisch wird es, wenn jemand darunter leidet. Es hängt stark von den Erwartungen ab, ab wann aus "weniger Kontakt" ein Leidensdruck wird.
SWR Aktuell: Was könnte denn ein erster, wichtiger Schritt sein, um mit einem Kontaktabbruch umzugehen?
Jacobsen-Vollmer: Wir erleben häufig, dass Eltern, deren Kinder sich zurückziehen, in eine Haltung geraten, die stark von Anklage oder Beschwerde geprägt ist: "Ich habe doch so viel getan, ich verstehe gar nicht, warum es jetzt so ist." Ein erster Schritt ist, sich in die Position des Kindes zu versetzen: Welche Gründe könnte es aus Sicht meines Kindes geben, sich zurückzuziehen oder den Kontakt zu reduzieren?
SWR Aktuell: Was können Eltern tun, um den Kontakt wieder zu intensivieren, ohne das Kind zu bedrängen?
Jacobsen-Vollmer: Wichtig ist Selbstreflexion: Eigene Motive, Erwartungen und die Bedeutung der Eltern-Kind-Beziehung für das eigene Leben prüfen. Welche Rolle spielt diese Beziehung für meine Lebensführung? Wie sehen meine anderen Beziehungen aus - zu den eigenen Eltern, zu Freunden? Sind meine Erwartungen vielleicht überfordernd?
Kinder nennen meist Gründe, warum sie sich eingeschränkt oder nicht gesehen fühlen. Eltern sollten sich ernsthaft mit der Sichtweise des Kindes auseinanderzusetzen, sich "in die Schuhe des Kindes zu stellen" und seine Bedürfnisse, Wünsche und Ideen zu verstehen. Was sagt mir mein Kind, was es braucht?
In der Regel formulieren Kinder Gründe, warum sie sich eingeschränkt oder nicht gesehen fühlen.
Möglicherweise hat das Kind hier auch einen Punkt. Wenn ich dann im nächsten Kontakt sage: "Ich sehe, dass ich da falsch lag. Da habe ich Forderungen an dich gestellt, die nicht angemessen waren und eigene Ängste und Befürchtungen, die ich habe, auf dich übertragen", entsteht eine bessere Grundlage für ein Gespräch.
SWR Aktuell: Wie kann man sich wieder annähern?
Jacobsen-Vollmer: Ein guter Weg kann ein Brief oder eine schriftliche Nachricht sein. Das Kind kann in Ruhe lesen, ohne sofort reagieren zu müssen. Wichtig ist, auszuhalten, dass es Zeit zum Verarbeiten braucht.
SWR Aktuell: Ein Kontaktabbruch ist also nicht immer für immer?
Jacobsen-Vollmer: Nein, nicht immer. Es gibt Fälle, in denen der Kontakt nach einer Zeit oder unter veränderten Bedingungen wieder aufgenommen wird. Es gibt aber auch dauerhafte Kontaktabbrüche, etwa nach frühen belastenden Erfahrungen wie Alkoholmissbrauch, Drogenkonsum oder körperlicher Misshandlung. Manche entscheiden dann bewusst: "Der Kontakt zu meinen Eltern tut mir nicht gut."
SWR Aktuell: Ab wann ist es sinnvoll, sich Hilfe zu holen - in Beratung oder Therapie?
Jacobsen-Vollmer: Ich halte es für wichtig, sich Hilfe zu holen, wenn sich das Thema über einen längeren Zeitraum - Monate oder sogar Jahre - immer wieder aktualisiert und man merkt: "Ich leide darunter, ich komme alleine nicht weiter."
SWR Aktuell: Gibt es eine Botschaft, die Ihnen zum Schluss besonders wichtig ist - für Eltern in dieser Situation?
Jacobsen-Vollmer: Es lohnt sich, die eigene Beziehung zum Kind und die Erwartungen zu reflektieren - und ganz bewusst eine Perspektivenübernahme zu machen. Das ist oft ein schmerzhafter Prozess, aber er hilft, nicht vorschnell zu sagen: "Mit meinem Kind stimmt etwas nicht" oder "Es ist undankbar", sondern den eigenen Anteil an der Beziehung zu sehen.