Elf Frauen und zwei Männer sind an diesem Mittwoch zu dem Treffen der Selbsthilfegruppe "Verlassene Eltern und Großeltern" in Mainz gekommen. Sie berichten, wie es ihnen aktuell geht und ob es etwas Neues gibt.
Die ersten Tränen fließen, aber es gibt auch gute Nachrichten. "Letzte Woche war ich bei der Abitur-Feier meines Sohnes", erzählt Anne (Name geändert) glücklich. Es war einer der ganz seltenen Momente, in denen sie ihren Sohn kurz sehen konnte.
Kontaktabbruch häufig nach Trennung der Eltern
Viele andere in der Gruppe haben ihre Kinder seit Jahren nicht mehr gesehen, wissen zum Teil nicht einmal, wo sie wohnen. Die Geschichten der verlassenen Eltern sind sehr unterschiedlich.
Es gibt Familien, da wendet sich das Kind plötzlich von allen ab und will auch mit Geschwistern nichts mehr zu tun haben. In einigen Fällen geht dem Kontaktabbruch auch eine Trennung der Eltern voraus, möglicherweise, weil die Kinder dadurch in einen Loyalitätskonflikt geraten.
Sohn kam nach Besuch beim Vater nicht mehr zurück
So war es zum Beispiel bei Anne. Sie hatte sich wegen häuslicher Gewalt von ihrem Mann getrennt. Ihrem Sohn wollte sie den Vater nicht wegnehmen, er war dort weiterhin alle zwei Wochen zu Besuch. Doch im Alter von 16 Jahren kam er nach den Weihnachtsferien nicht mehr zu ihr zurück.
Erst ging er noch mit seiner Mutter in eine Mediation. Dort sagte er, er leide auch unter der Situation, aber er könne seinen Vater nicht allein lassen. Dann brach der Kontakt fast völlig ab. Von ihm selbst kommt laut Anne gar nichts mehr. Auf Nachrichten antworte er nicht. Seit vier Jahren sieht sie ihn höchstens zweimal im Jahr. "Ich habe gedacht, ich zerbreche daran", sagt die Mutter. "Und ich weiß auch nicht, ob es jemals wieder gut wird."
Tochter meldet sich mit 41 Jahren plötzlich nicht mehr
In anderen Fällen haben die Kinder den Kontakt erst abgebrochen, als sie selbst schon längst erwachsen waren. So ging es beispielsweise der 74-jährigen Elisabeth (Name geändert). Ihre Tochter ist 41. Seit drei Jahren hat sie sich nicht mehr gemeldet, reagiert auf keine Nachricht. "Es ist ein ewiger Phantomschmerz", so beschreibt die Mutter den Verlust.
Manchmal, wenn mein Herz überquillt, schreibe ich ihr eine Whatsapp-Nachricht. Obwohl ich weiß, dass sie nicht antworten wird.
Sie vermutet, dass der Kontaktabbruch durch den neuen Partner der Tochter forciert wurde. Aber wissen tut sie es nicht. Wieso hat die Tochter den Kontakt so radikal von heute auf morgen beendet? Warum hat sie nie das Gespräch gesucht? Das ist die große Frage, die viele verlassene Eltern umtreibt: Warum?
Grund für Kontaktabbruch bleibt für Eltern oft rätselhaft
Alle versichern, dass sie nie gewalttätig gegen ihre Kinder waren. Viele hielten ihre Familie für intakt und hätten sich niemals vorstellen können, dass ausgerechnet ihnen so etwas passieren könnte. Natürlich habe es auch mal Streit gegeben, aber das komme doch in jeder Familie vor, sagt eine Mutter: "Wir waren ganz normale Eltern, haben unsere Kinder ganz normal begleitet. Wir haben versucht, ihnen Grenzen aufzuzeigen, ohne sie zu sehr in ihrer Freiheit zu beschneiden."
Einer der Väter wirft dazu ein: "Natürlich wissen wir nicht, wie die Kinder selbst das empfunden haben." Und Mutter Anne ergänzt: "Ich hab' bestimmt irgendwas falsch gemacht, aber mein Sohn spricht nicht mit mir darüber." Und das ist für sie alle das Schlimmste: Dass die Kinder nicht mehr mit ihnen reden und ihnen auch die Gründe für ihre Abschottung nicht erklären. Denn so gebe es keinen Weg, die möglichen Fehler zu erkennen und das Geschehene gemeinsam aufzuarbeiten.
Verlassene Eltern schämen sich
Und noch ein Thema beschäftigt alle in der Runde: Scham. Man könne mit niemandem über den eigenen Verlust sprechen. Alle würden sofort denken: In der Familie ist bestimmt etwas ganz Schlimmes vorgefallen, das müssen schlechte Eltern sein.
Diese Erfahrung bestätigt auch Gabi (Name geändert). Auch sie hat erlebt, dass Freunde verständnislos oder ablehnend reagierten und hat daraus die Konsequenz gezogen: "Ich lüge bei der Arbeit. Seit einem Jahr lüge ich meine Kollegen über meine Familiensituation an, weil ich mich so schäme."
Selbsthilfegruppe in Mainz ist Rettung für Betroffene
Viele der betroffenen Eltern sind in psychologischer Behandlung, um irgendwie mit der Situation klarzukommen und nicht völlig zu verzweifeln. Und auch die Selbsthilfegruppe in Mainz ist für sie alle ein ganz wichtiger Anker. Hier können sie sie selbst sein und ihre Trauer offen zeigen.
Die Gruppe ist ein Segen für mich, das ist mein "safe space". Ihr vesteht mich, mit euch kann ich weinen und auch lachen.
Dabei legen die Teilnehmenden Wert darauf, dass sie keine Selbstbemitleidungs-Gruppe sind. Vielmehr würden sie sich treffen, um zu ergründen, was ihr Anteil daran war, dass ihre Kinder sie verlassen haben. Sie wollten verstehen, was falsch gelaufen ist, ihre Fehler aufarbeiten, sich entschuldigen und im besten Fall in eine neue Beziehung zu ihren Kindern kommen.
Die Selbsthilfegruppe trifft sich an jedem ersten Mittwoch im Monat in den Räumen der Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfe (KISS) in Mainz. Betroffene Eltern und Großeltern sind jederzeit willkommen, sollten sich aber vorher anmelden.