Mit den knapp 80.000 Einladungen ist das nach Angaben der Wissenschaftler die größte Umfrage, die es zur Flutkatastrophe bisher gab. Dahinter steht das Forschungsprojekt SOZIAHR. Fünf Jahre nach der Flutnacht wollen die Forschenden rausfinden: Wie geht es den Menschen im Tal heute wirklich?
"Das ging ja an niemandem komplett spurlos vorbei”
Angeschrieben wird, wer zum Stichtag der Flut in Adenau, Altenahr, Bad Neuenahr-Ahrweiler, Sinzig oder der Grafschaft gemeldet war. "Das war uns ganz wichtig, dass wir nicht vorbestimmen, wer betroffen ist”, sagt Projektleiterin Susanne Bell im Interview mit dem SWR. Die Doktorandin und Soziologin ist im Ahrtal zu Schule gegangen. Nach der Flutkatastrophe 2021 half sie auch bei den Aufräumarbeiten.
Mit mit dem Helfer-Shuttle war sie an vielen Orten entlang der Ahr unterwegs. "Mir war vor der Flut nicht bewusst, wie heimatverbunden ich mich mit dem Ahrtal fühle.” Die persönliche Verbindung zum Ahrtal gab ihr auch den Anstoß mehr über die Lage zu forschen. „Das ging ja an niemandem komplett spurlos vorbei“, deshalb wollen wir ein möglichst umfassendes Bild bekommen, wie es den Menschen wirklich geht, sagt Bell.
Fragebogen ist anonym
Der Fragebogen beginnt damit, die persönlichen Flutfolgen abzufragen und geht dann auf materielle Schäden und vor allem auf das Vertrauen in politische Institutionen ein. Und ob die Flut daran etwas geändert hat. Ein komplett eigenen Frageblock gibt es auch zu Anträgen bei der ISB. "Da kann man angeben, welchen Antrag man gestellt hat, wie viel Geld man bekommen hat oder ob man immer noch wartet und welche Probleme auftraten mit der ISB“, sagt Bell.
Die Umfrage wird vornehmlich online durchgeführt, kann auf Anfrage aber auch auf Papier ausgefüllt oder am Telefon durchgeführt werden. Auf dem Brief ist ein QR-Code abgedruckt. Den scannt man mit zum Beispiel mit dem Handy und dann kann man direkt loslegen. Die Teilnahme kostet nichts und ist freiwillig. "Wir werten alles anonym aus und wir achten sehr auf den Datenschutz”, sagt Bell. Antworten nimmt das Team bis Ende September an. Susanne Bell hofft auf mindestens 5000 Rückläufer, 10.000 wären aber möglich, sagt sie.
Handlungsempfehlungen für das Ahrtal und darüber hinaus
An der Studie beim Projekt SOZIAHR arbeiten Geographinnen, Juristinnen und Ökonominnen zusammen. Dazu kommt noch das Wuppertal-Institut. "Wir arbeiten interdisziplinär zusammen. Das ist in der Forschung leider immer noch selten”, sagt Bell. Sei aber unerlässlich, wenn man so etwas Themen-Übergreifendes, wie die Flutkatastrophe erforschen wolle.
Neben der Grundlagenforschung sollen am Ende vor allem praktische Empfehlungen für Politik und Gesellschaft stehen. Konkrete für das Ahrtal aber auch für vergleichbare künftige Katastrophenfälle. Zum Beispiel Gesetze für Fördergelder im Wiederaufbau. "Nach der Ahrflut mussten die nötigen Regeln erst geschaffen werden, als die Lage schon da war. Künftig sollen sie bereitliegen, wenn sie gebraucht werden“, sagt Bell. "In Zeiten wie diesen brauchen wir Wissenschaft, die sich einmischt”, sagt Bell, sonst verändere sich nichts.
Wie so eine Empfehlung noch aussehen könnte, zeigt das Beispiel Wohnen. Der Fragebogen will wissen, ob Menschen lieber an einem anderen Standort neu gebaut hätten. Außerdem wirft Bell die Frage auf, ob es wieder das Einfamilienhaus sein muss. "Gerade da sehe ich zum Beispiel einen großen Hebel", sagt Bell. Viele ältere Menschen im Tal wohnen alleine. Im Wiederaufbau hätte man auch auf gemeinschaftliche Wohnformen setzten können, sagt Bell. So löse man verschiedenen Probleme gleichzeitig.
Erste Ergebnisse in 2027
"Drei Jahre hat es gedauert. Erstmal das Geld zusammenzubekommen und dann allein zwei Jahre, um den Fragebogen zu entwickeln“, sagt Bell. Jetzt liegen die ersten Anschreiben in den Briefkästen der Ahrtaler. "Ich freue mich riesig, dass es jetzt losgeht und bin super gespannt darauf, was wir herausfinden werden”, so Bell. Die ersten Ergebnisse will ihr Team im April 2027 vorstellen.
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