Könnte sich eine verheerende Katastrophe wie 2021 an der Ahr wiederholen? Nach heutigem Stand - fünf Jahre danach - lautet die Antwort: Ja. Das sagt die Stabsstelle Hochwasserschutz beim Kreis Ahrweiler. Zwar gebe es eine Reihe von lokalen Maßnahmen, die bei einem neuen Hochwasser auch einen gewissen Schutz bringen. Aber eine Flut wie vor fünf Jahren könnten diese Einzelprojekte nicht stoppen.
Hochwasserschutzwände und Brücken ohne Pfeiler an der Ahr
Zu diesen Einzelprojekten gehören zum Beispiel die neu gebauten Brücken. Egal ob für die Eisenbahn, das Auto oder für das Fahrrad: Alle Brücken werden ohne Zwischenpfeiler im Fluss gebaut. Denn gerade an den vielen historischen Brücken mit den abgerundeten Pfeilern in der Ahr hatte sich bei der Flutkatastrophe das Treibgut gesammelt. So wurden die Wassermassen gestaut - und als die Brücken weggerissen wurden, strömte das Wasser als Flutwelle in die Orte. Die neuen Brücken haben deutlich mehr Platz, so dass Treibgut weniger schnell hängen bleibt.
An einigen Orten, wie zum Beispiel in Walporzheim, in Heimersheim oder in Ahrweiler an der Karl-von-Ehrenwall-Allee sorgen zusätzliche Prallwände für Schutz. Eine sehr direkte Hilfe, die unmittelbar dahinterstehende Gebäude schützt. Außerdem hat der Kreis Ahrweiler ein System aus mobilen Hochwasserschutzwänden gekauft, das dort zum Einsatz kommen kann, wo aus baulichen Gründen keine feste Lösung möglich ist. Das System aus mehreren Modulen kann eine Gesamt-Uferlänge von 1,4 Kilometern schützen.
Gewässerwiederherstellung wichtig für den Hochwasserschutz
Bei einer Flusslänge von knapp 90 Kilometern pro Ufer ist klar, dass mit Schutzwänden allein kein vollständiger Hochwasserschutz erreicht werden kann. Die Stabsstelle Hochwasserschutz des Kreises Ahrweiler setzt deswegen auf großflächige Gewässerwiederherstellung. Das Ziel ist es, das Flussbett der Ahr so flach wie möglich zu gestalten. "Wenn dann das Wasser steigt, dann geht der Fluss eher in die Breite und nicht in die Höhe, wie bei der Flutkatastrophe", sagt Stabsstellenleiter Markus Göbel.
Wir mussten mit 400 Grundstückseigentümern einzeln sprechen.
Außerdem soll es zusätzliche Überflutungsflächen geben, auf denen die Wucht der Ahr bei einem Hochwasser auslaufen kann. Doch diese Maßnahmen brauchen Zeit. Die etwa 700 Einzelmaßnahmen des Kreises sind nach Angaben einer Kreissprecherin zu 25 Teilprojekten gebündelt worden. Fünf davon in Kreuzberg, Fuchshofen, Sinzig, Mayschoß und Dernau seien fertiggestellt. Weitere seien in der Umsetzung.
Hauptgründe für die Verzögerung sind laut Stabsstelle oft die schwierigen Besitzverhältnisse. Denn man braucht Platz, um den Fluss zu verbreitern und Überflutungsflächen zu schaffen. Platz, der in der Regel privaten Eigentümern gehört.
"Wir mussten mit 400 Grundstückseigentümern einzeln sprechen," rechnet Markus Göbel vor. "In den meisten Fällen waren die Menschen kooperativ, aber in manchen Fällen müssen wir auch sehr lange diskutieren." Außerdem seien die Naturschutz- und Genehmigungsverfahren komplex und langwierig.
Nur riesige Rückhaltebecken bieten echten Schutz
Mit der Gewässerwiederherstellung müsste ein so genanntes Jahrhunderthochwasser überstanden werden können, so die Berechnung. Aber um die deutlich größeren Wassermassen einer vergleichbaren Flutkatastrophe wie 2021 zu kontrollieren, braucht es noch mehr. Nämlich riesige Regenrückhaltebecken am Oberlauf der Ahr. Laut Planung insgesamt mindestens 17, noch besser 18.
Eine Generationenaufgabe und eine sehr teure Aufgabe.
Sicherer Hochwasserschutz dauert vermutlich noch lange
Hier ist der Zeithorizont aber noch größer. "Wenn wir morgen loslegen würden, würde es bestenfalls zehn Jahre dauern", schätzt Markus Göbel. Aber so weit ist die Stabsstelle noch lange nicht. "Es ist eine Generationenaufgabe und eine sehr teure Aufgabe. Und bislang ist noch nicht mal die Finanzierung geklärt." Denn der Wiederaufbaufond von Bund und Ländern decke nur lokale Hochwasserschutzmaßnahmen ab. Und alleine könnte der Kreis die geschätzten 1,7 Milliarden Euro nicht stemmen.
Bis also wirklich eine Flutkatastrophe wie 2021 sicher überstanden werden kann, wird es an der Ahr noch Jahrzehnte dauern. Aber, so Markus Göbel: "Wenn wir jetzt nicht damit beginnen, dann wird es nie fertig."