Die Erziehungs- und Suchtberatung im Haus der Diakonie in Kaiserslautern feiert Jubiläum, blickt zurück, aber auch in die Zukunft.
Seit 60 Jahren berät die Diakonie Kaiserslautern Süchtige
Suchtberater Christoph Einig und sein Team helfen Sucht-Erkrankten, beraten sie zu Therapiemöglichkeiten und begleiten sie nach einer stationären Therapie weiter. Gute Chancen hätten vor allem Menschen, die nach der Therapie eine Selbsthilfegruppe besuchen, erklärt Einig im SWR-Interview.
SWR Aktuell: Herr Einig, Sie sind seit 2009 Suchtberater bei der Diakonie. Inwiefern spielt der Standort der Beratungsstelle – Kaiserslautern – eine Rolle?
Christoph Einig: Mein Gefühl ist, dass Kaiserslautern ein Suchtproblem hat. Das ist meiner Einschätzung nach hier offenkundiger als in manchen anderen Städten. Der Faktor 'wirtschaftliche Schwäche' macht sich hier schon bemerkbar. Wenn klassische Arbeiter keine Arbeit mehr finden, kann die Sucht ein vermeintlicher Ausweg sein. Ich bemerke auch, dass es Leute auf dem Dorf gibt, die schlecht angebunden sind. Bei einer Suchttherapie ist es ja sehr wichtig, eine neue Perspektive zu finden.
Von morgens bis abends am Spielautomaten 8.000 Glücksspielsüchtige allein in Mannheim - Dirk S. hat den Ausstieg geschafft
1,3 Millionen Menschen leiden in Deutschland an Spielsucht. In Mannheim gibt es etwa 8.000 Spielsüchtige. Dirk S. war einer von ihnen, seit kurzem ist er "spielfrei".
SWR Aktuell: Also Perspektivlosigkeit ist das Problem?
Einig: Das hängt in Kaiserslautern auch mit der Wohnungssituation zusammen. Viele Betroffene haben ja einen negativen Schufa-Eintrag und finden deswegen kaum eine Wohnung in der Stadt. Sie sind dann teilweise gezwungen aufs Land zu ziehen und manchen fehlt da dann die Perspektive – auch wenn sie eigentlich auf einem guten Weg waren.
SWR Aktuell: Welche Menschen kommen in die Beratung?
Einig: Wir beraten Menschen mit Glücksspiel- und Onlinesucht und haben ansonsten einen Schwerpunkt auf legale Suchtmittel, das bedeutet: Der größte Teil der Betroffenen oder Angehörigen kommt wegen einer Alkoholsucht. Zu uns kommen alle gesellschaftlichen Gruppen. Wir beraten sowohl den über 70-jährigen Süchtigen, als auch die 18-jährige TikTokerin, deren Elten sich sorgen, sie könnte unter einer Online-Sucht leiden.
SWR Aktuell: Wie kommen die Menschen zu Ihnen?
Einig: Die wenigsten Leute kommen selbst-motiviert zu uns. Oft schickt sie ihr Arbeitgeber, weil sie auf der Arbeit auffällig geworden sind. Sie wollen ihren Job behalten und gehen deshalb zur Beratung. Oft ist es auch der Partner oder die Partnerin des Betroffenen, die sagt: 'So geht es nicht weiter.' Und dann gibt's noch viele, die ihren Führerschein (wegen Alkohol am Steuer) verloren haben. Also die Gruppe derer, die aus eigenem Antrieb kommen, ist die kleinste.
SWR Aktuell: Wie geht es Ihnen, wenn Sie jahrelang einen Menschen begleiten und dann wird dieser doch rückfällig?
Einig: Man ist nicht enttäuscht, wir wissen ja, dass das eine Krankheit ist. Manchmal ist man traurig, fühlt sich hilflos. Aber ein Rückfall muss nicht bedeuten, dass die Beratung oder die Therapien nichts gebracht haben. Aus einer Sucht rauszukommen ist ein jahrelanger Prozess. Auch wenn der Mensch rückfällig wird, hatte er ja während der Beratung und Therapie eine bessere Zeit. Und bei manchen hat's nach der fünften Therapie dann Klick gemacht. Wir erleben ja auch, wie es Leute schaffen, dann glücklicher und zufriedener sind. Das ist das Schöne an unserer Arbeit.
SWR Aktuell: Was wünschen Sie sich für Ihre Beratungsstelle für die Zukunft?
Einig: Die Finanzierung der Beratungsstellen ist da so eine Frage. Das Land übernimmt 31 Prozent der Kosten, den Rest tragen die Kommunen und die Träger. Gerade Städte wie Kaiserslautern, wo die Sucht-Problematik sehr hoch ist, haben nicht genug Geld für die Suchtberatung. Es wäre schön, wenn das Land mehr übernehmen könnte.