Wer als Hinterbliebener in Rheinland-Pfalz einen Verstorbenen im Fluss beisetzen möchte, muss mitunter auf Regen hoffen. Die Landesregierung hat Flussbestattungen in Rhein, Mosel, Saar und Lahn erlaubt, aber unter anderem daran geknüpft, dass zum Zeitpunkt der Bestattung "mindestens Mittlerer Abfluss" besteht – also eine bestimmte Wassermenge im Fluss vorhanden ist.
Der Mittlere Abfluss als statistische Größe steht in Zusammenhang mit dem Wasserstand und war bisher vor allem Gewässerexperten geläufig. Nun ist er plötzlich entscheidend für Bestatter, die Urnen im Fluss beisetzen wollen.
Wirrwarr um Vorschriften Dauerthema Flussbestattung - Streit um wasserlösliche Urnen
Es könnte so einfach sein - das neue Bestattungsrecht in RLP erlaubt Flussbestattungen Verstorbener. Aber dazu sind spezielle Urnen nötig. Und die gibt es scheinbar nicht.
Trockenheit kann Flussbestattungen verzögern
Eine SWR-Recherche zeigt: Statistisch gesehen wird der geforderte Wert für den Mittleren Abfluss an Rhein, Mosel, Saar und Lahn oft nicht erreicht – im Mittel nicht Mal an jedem zweiten Tag im Jahr. Die Wasserstraßen- und Schifffahrtsämter Rhein in Bingen und Mosel-Saar-Lahn in Koblenz sowie die Bundesanstalt für Gewässerkunde haben die Daten für den SWR ausgewertet, die die Genehmigungsbehörden für die Genehmigung einer Flussbestattung zugrunde legen.
Rhein weist günstigste Werte auf
Am günstigsten sieht die Statistik für den Rhein aus. An rund 150 von 365 Tagen im Mittel wurde der geforderte Wert erreicht – an den Pegeln von Maxau im Süden bis Andernach im Norden. An Mosel, Saar und Lahn waren es noch weniger Tage, an denen eine Flussbestattung erlaubt wäre. An den Pegeln Perl, Trier und Cochem an der Mosel, am Saar-Pegel Fremersdorf sowie an den Lahn-Pegeln Leun, Diez und Kalkofen wurde die Vorgabe in der langjährigen Statistik im Schnitt an gut 100 Tagen erfüllt - weniger als ein Drittel des Jahres.
Auch Hochwasser kann Flussbestattungen verhindern
Es kann allerdings nicht nur zu wenig Wasser im Fluss sein, sondern auch zu viel. Bei Hochwasser wird ab einem bestimmten Wasserstand die Schifffahrt eingestellt, so dass auch keine Flussbestattungen mehr möglich sind. Auswirkungen zeigt die langjährige Statistik vor allem für die Lahn.
Die eingestellte Schifffahrt berücksichtigt, waren am Lahn-Pegel Leun nur 79 Tage - weniger als ein Viertel eines Jahres im Mittel für Flussbestattungen geeignet. Klar ist aber auch: Die Statistik ist keine Vorhersage für die Zukunft. Niemand weiß wie viel es regnen wird.
Vorgabe soll Wasserqualität sichern
Doch warum gilt die Vorgabe "mindestens Mittlerer Abfluss"? Dazu teilt das für Wasserrecht zuständige rheinland-pfälzische Umweltministerium dem SWR mit: "Damit soll sichergestellt werden, dass bei Flussbestattungen eine Vermischung der Asche in der fließenden Welle erfolgen kann und damit mögliche negative Auswirkungen auf die Wasserqualität ausgeschlossen werden können."
Der Bestatterverband Rheinland-Pfalz spricht von einer erheblichen Fehleinschätzung der realen Belastung durch die Totenasche. Dass der Wasserstand mit über den Zeitpunkt einer Flussbestattung entscheidet, bringe zusätzliche Unsicherheit, die die Angehörigen gravierend belaste. Es brauche Planbarkeit und realistische Umsetzbarkeit: "Nur so können Familien emotional entlastet werden und Bestatter handlungsfähig bleiben", teilt der Verband dem SWR mit.
Schätzungsweise zehn Tonnen Totenasche im Jahr
Um wie viel Totenasche es in den Flüssen genau gehen wird, weiß niemand. Auch das beim Bestattungsgesetz federführende rheinland-pfälzische Gesundheitsministerium hat nach eigener Aussage keine Informationen wie viele Flussbestattungen es in Zukunft geben wird. Der Bestatterverband Rheinland-Pfalz gibt eine Schätzung ab. Bei rund 50.000 Todesfällen pro Jahr in Rheinland-Pfalz könnten demnach fünf Prozent der Verstorbenen in Flüssen beigesetzt werden. Pro Urne sind es etwa vier Kilogramm Asche.
Geringer Anteil im Vergleich
Das würde insgesamt zehn Tonnen Totenasche im Jahr in Rhein, Mosel, Saar und Lahn bedeuten. Auch wenn es sich nach viel anhört, ist es im Verhältnis sehr wenig. Holger Schüttrumpf, Professor für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der Technischen Hochschule Aachen, hat für den SWR grob berechnet: Im Rhein werden pro Jahr zwischen zwei und drei Millionen Tonnen Sedimente wie Schlamm, Kies und Sand transportiert. Im Vergleich würden zehn Tonnen Totenasche da lediglich 0,0003 Prozent ausmachen.