Höhere Schülerwohnheim-Kosten

Wohnzuschuss für einige Azubis soll wegfallen: BW-Handwerk fürchtet um Ausbildungsplätze

Viele Azubis in Baden-Württemberg sollen keinen Wohnzuschuss mehr erhalten. Verbände warnen vor hohen Kosten und Folgen für die Ausbildung.

Teilen

Stand

Von Autor/in Katharina Fuß

Kurz vor Beginn der Sommerferien hat eine Nachricht an die Berufsschulen in Baden-Württemberg für Aufregung gesorgt: Zum neuen Schuljahr fällt für viele Auszubildende der Landeszuschuss für die Unterbringung in Schülerwohnheimen weg. Weiter gezahlt werden soll die Unterstützung nur für bestimmte Ausbildungsberufe, die auf einer Positivliste des Kultusministeriums stehen, die dem SWR vorliegt. Einige fehlen darauf - darunter zum Beispiel Zimmerer und auch Azubis im Gastgewerbe.

Für Ausbildungsbetriebe und Azubis kann das erhebliche zusätzliche Kosten bedeuten. Im Raum stehen mehrere Tausend Euro. Branchenverbände warnen davor, dass Ausbildungsplätze wegfallen könnten. Wirtschaftsvertreter kritisieren, dass das Ministerium eine so weitreichende Entscheidung so kurzfristig und ohne Mitsprache der Ausbildungsbetriebe getroffen hat.

Für Zimmerer aktuell kein Wohnzuschuss vorgesehen

Betroffen von der Neuregelung ist auch der Familienbetrieb Holzbau Schmäh in Meersburg (Bodenseekreis). Das Unternehmen gibt es seit mehr als 150 Jahren, es wird in sechster Generation geführt. Rund 20 Auszubildende beschäftigt der Betrieb. Betriebschef Sebastian Schmäh kann die geplante Änderung nicht nachvollziehen.

Kultusministerium erklärt Positivliste für Ausbildungsberufe

Viele betroffene Betriebe in Baden-Württemberg können nicht verstehen, wie diese Liste genau entstanden ist. Warum gerade die Zimmerer-Lehrlinge nicht drauf sind, kann der Holzbau-Chef nur mit Humor erklären. Vielleicht sei Z wie Zimmerer unter den Tisch gefallen, weil der Buchstabe ganz am Ende vom Alphabet käme, so Schmäh.

Das Kultusministerium erklärt, aus Spargründen und auf Empfehlung des Rechnungshofs sei eine Positivliste erstellt worden, um die Zuschüsse künftig gezielter einzusetzen. Berücksichtigt werden sollen demnach vor allem Ausbildungsberufe mit vergleichsweise wenigen Auszubildenden, bei denen die Wege zu den zuständigen Berufsschulen besonders weit sind.

Lange Wege zur Berufsschule für Zimmerer-Azubis

Die Azubis von Holzbau Schmäh müssen allerdings auch einen weiteren Weg auf sich nehmen. Die Lehrlinge fahren von Meersburg nach Biberach an der Riß zu einer speziellen Holzbau-Berufsschule. Mit den öffentlichen Verkehrsmitteln seien das hin und zurück drei Stunden Fahrt.

Nach Darstellung des Ministeriums können die Zimmerer-Auszubildenden in den ersten beiden Lehrjahren auch näher gelegene Berufsschulen besuchen, an denen allgemeinere Ausbildungsinhalte vermittelt werden. Andreas Deuschle, Staatssekretär im Kultusministerium, sagte dazu im SWR-Interview: "Wenn in den ersten beiden Ausbildungsjahren Inhalte einer sehr spezifischen Ausbildung, wie bei den Zimmerern, auch in anderen Berufsschulen, weil sie allgemeiner Art sind, angeboten werden, dann hat man erstmal dort die Berufsschule zu besuchen."

Betrieb rechnet mit enormen zusätzlichen Kosten für Azubis

Für den Meersburger Holzbau-Betrieb geht diese Rechnung allerdings nicht auf. Zwar könnten Zimmerer im ersten Ausbildungsjahr noch eine näher gelegene Berufsschule besuchen. Danach sei die Ausbildung an spezialisierten Holzbauschulen notwendig, sagt Schmäh. Für seine Auszubildenden bedeute das weite Wege - und eine notwendige Unterbringung vor Ort.

Schmäh rechnet mit rund 3.000 Euro zusätzlichen Kosten pro Azubi und Jahr. Für die Azubis sei das nicht zumutbar. Und auch für einen Betrieb mit mehreren Lehrlingen könne das zu einer erheblichen finanziellen Belastung werden. Auch der Dachverband Handwerk BW warnt vor den möglichen Folgen. Geschäftsführer Patrick Wolf befürchtet, dass die Kosten im schlimmsten Fall Ausbildungsplätze gefährden könnten.

Das Worst-Case-Szenario wäre, dass dadurch eben einzelne Ausbildungsverhältnisse nicht angetreten werden können oder abgebrochen werden, schlicht weil es an den Finanzen dann auch scheitern könnte.

Azubis kritisieren Wegfall des Wohnzuschusses

Die Azubis von Sebastian Schmäh kommen teilweise aus Hamburg, haben eine Wohnung für ihre Ausbildung bei ihm in Meersburg oder Umgebung gemietet und benötigen dann noch eine Unterkunft extra während der Berufsschule. Sie haben wenig Verständnis für die Neuregelung.

Darja Grabow ist im zweiten Ausbildungsjahr bei Holzbau Schmäh. Sie sagt, der fehlende Wohnzuschuss würde sie stark belasten, weil sie dann Abstriche machen müsste, zum Beispiel beim Einkaufen im Supermarkt.

Auch Gastgewerbe fordert weitere Zuschüsse

Nicht nur im Handwerk sind Ausbildungsberufe vom Wegfall der Wohnzuschüsse betroffen - auch im Gastgewerbe. Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA) in Baden-Württemberg fordert, dass seine Auszubildenden weiterhin ab dem ersten Lehrjahr einen Wohnzuschuss für den Besuch der spezialisierten Berufsschulen erhalten, wenn sie maximal zwei Stunden Hin- und Rückfahrt haben. Auf der neuen Liste des Kultusministeriums ist das erst ab dem zweiten Lehrjahr vorgesehen. Außerdem hofft der Verband, dass wieder alle Ausbildungsarten für den Wohnzuschuss berücksichtigt werden. Einige aus dem Gastgewerbe wären nach aktuellem Stand nicht mehr für einen Zuschuss vorgesehen.

Opposition kritisiert kurzfristige Entscheidung vor den Sommerferien

Auch aus der Opposition im Landtag kommt Kritik. Die SPD-Fraktion kritisiert, dass das Kultusministerium die Ausbildungsbetriebe und die Azubis so kurz vor den Sommerferien vor vollendete Tatsachen stelle. Die Regelung soll ab September in Kraft treten. Der wirtschaftspolitische Sprecher Stefan Fulst-Blei betont: "So geht man mit jungen Menschen in Ausbildung nicht um! Insbesondere Ausbildungsberufe mit wenigen Berufsschulstandorten und Azubis aus dem ländlichen Raum würden durch die Maßnahme über Gebühr betroffen."

Die AfD-Fraktion im Landtag fordert, dass die Wohnzuschüsse erhalten bleiben. Von der schulpolitischen Sprecherin Emely Knorr heißt es: "Wer auf der einen Seite über Fachkräftemangel klagt und auf der anderen Seite ausgerechnet bei den eigenen Auszubildenden den Rotstift ansetzt, handelt widersprüchlich und kurzsichtig."

Kultusministerium will Positivliste prüfen

Das Kultusministerium hat inzwischen angekündigt, die Regelung beziehungsweise einzelne Fälle noch einmal zu überprüfen. Die Liste sei nicht final und könne noch bearbeitet werden. Aus Wirtschaftskreisen heißt es, es sei ein Fehler gewesen, die Liste so rauszuschicken. Dem Ministerium sei da offenbar etwas durchgegangen. Aktuell ist das Kultusministerium im Austausch mit den Dachverbänden. Man sei daran interessiert, noch gemeinsam eine gute Lösung zu finden, so Handwerk BW.

Gemmingen

Kooperationen als Schlüssel zum Erfolg Fast alle Schüler bekommen eine Ausbildung: Wie schafft diese Schule das?

Mit Berufsorientierung, Beratung und starken Partnerbetrieben schafft die Gemeinschaftsschule Gemmingen fast für alle Jugendlichen den direkten Weg in Ausbildung.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Wandel der Branche Ausbildung zur Bestatterin? Was den Beruf so besonders macht

Hauptberuflich Verstorbene "unter die Erde bringen"? Immer mehr junge Menschen in Baden-Württemberg beginnen eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft. Was steckt dahinter?

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Katharina Fuß
SWR-Redakteurin Katharina Fuß