In Mitteleuropa gilt die MSPO (Międzynarodowy Salon Przemysłu Obronnego) als eine der wichtigsten Messen für Militärtechnik. In diesem Jahr sind 16 Unternehmen aus Baden-Württemberg zum ersten Mal im polnischen Kielce dabei und präsentieren auf einem gemeinsamen Stand, was sie zur Verteidigung und Sicherheit in Europa beitragen können. Drumherum treffen sich Kanadier, Ukrainer, Briten und natürlich Polen: Firmen und Militärs besuchen sich gegenseitig auf dem Messegelände zwischen Drohnen, Lastfahrzeugen, Hubschraubern und Tarnbekleidung. Und mittendrin ist ein Pavillon mit dem markantem gelbem Schriftzug: The Länd.
Schwäbischer Tüftlergeist und Erfindungen aus BW
Nein, als Erfindung wolle er das nicht bezeichnen, erklärt Wolfgang Barth und dreht das 90 Zentimeter hohe Artilleriegeschoss auf dem Ausstellungstisch des Messestandes. Er sei eben ein schwäbischer Tüftler. Er habe sich einfach überlegt, wie das Kaliber stabiler und besser in der Luft fliege, das habe er dann zu Papier gebracht und umgesetzt.
Bis vor kurzem habe sein Familienunternehmen, das den Beinamen "Präzisionstechnik" trägt, noch 75 Prozent seiner Produkte für die Automobilindustrie gefertigt. Doch das sei Geschichte. Mittlerweile seien auch Teile für erneuerbare Energien in seiner Produktpalette, erklärt Barth. Am dynamischsten sei jedoch der Defence-Bereich - also Verteidigung. Bereits im kommenden Jahr rechnet der Firmeneigentümer mit einem Anteil von 50 Prozent. Und der Defence-Bereich sorge in jedem Fall dafür, dass die Firma Barth im kommenden Jahr doppelt so viel Umsatz machen werde, mit doppelt so vielen Mitarbeitern.
Doppelt so viel Umsatz durch Verteidigungsbereich erwartet
Barth streicht über die besonderen Seitenteile, die sein Geschoss von anderen unterscheidet: "Das sind die Finnen! Die stabilisieren den Flug des Geschosses." Wenn er dafür jetzt ein Patent anmelde, dann dauere das fünf Jahre, erklärt der Ingenieur. "Das mache ich nicht, das Geschoss wird jetzt gebraucht."
Seit er vor drei Monaten das Produkt in der Öffentlichkeit gezeigt habe, werde er von Anfragen fast erschlagen und es sei der Wahnsinn, von wo diese alle kämen: Ägypten, Türkei. Jetzt aber sei erstmal Europa dran. "Das hat absolut Vorrang", sagt Barth.
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Wirtschaftsministerin sieht Chance von BW-Unternehmen in Rüstungsindustrie
Entsprechende Chancen und Zuwachs-Potenziale durch Defence sieht auch die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) für andere Unternehmen in Baden-Württemberg. Zwei Tage ist sie mit einer Delegation auf der Verteidigungsmesse in Kielce, um die Chancen und Möglichkeiten auszuloten und Kontakte zu knüpfen. Am Ende ihrer Reise ist die Ministerin positiv gestimmt. Grund sei das viele Geld, mit dem Polen sein Militär immer weiter modernisiere. Das sei eine Chance für Baden-Württemberg als Technologiepartner und Industriestandort.
Man kann schon von einer Art Goldgräberstimmung sprechen.
Rüstungsunternehmen setzen auf ehemalige Mitarbeiter aus dem Automobilbereich
Auch bei einem großen und etablierten Rüstungshersteller aus Baden-Württemberg ergeben sich mit der steigenden Nachfrage nach Sicherheits- und Verteidigungstechnologie neue Chancen. Auf der MSPO in Kielce zeigt Diehl Defence aus Überlingen (Bodenseekreis) seine Marschflugkörperserie Iris T. Durch die hohe Nachfrage nach den Waffensystemen habe Diehl in den vergangenen Monaten konzernweit über tausend neue Mitarbeiter eingestellt, die meisten davon aus dem Automobilbereich, erklärt Vertriebler Martin Walzer. Projektentwicklungen könnten zum Teil an Automotive-Ingenieure ausgegeben werden, auch das Ausleihen von Ingenieuren sei Praxis.
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In manchen Bereichen habe die Kooperation mit den Automobilherstellern aber auch Grenzen, erklärt Walzer: "Im Defence-Bereich sind wir im Prinzip nie darauf ausgelegt gewesen, dass man auf Masse produziert, wie das in der Automobilbranche üblich ist." Dass man auf den letzten Cent pro Bauteil auf Kosteneffizienz setzt, das sei hier keine Priorität, ergänzt Walzer. Stattdessen gehe es eher um Langlebigkeit und Verlässlichkeit. Außerdem sei die Qualifizierung nach militärischen Standards besonders wichtig und noch dazu ein Riesenaufwand.
Berater rät zu Kooperation mit kleineren Firmen der Verteidigungsbranche
Eine Warnung an den baden-württembergischen Mittelstand bei neuen Projekten im Defence-Bereich kommt von einem Berater für militärische Spezialfahrzeuge. Der in Kanada tätige Harald Klostermann rät Mittelständlern dringend davon ab, Auftragsarbeiten für große Player wie KNDS oder Rheinmetall anzunehmen. Das sei in einem ersten Schritt zwar komfortabel, auf lange Sicht aber frustrierend und mit miesen Margen vergütet. Das Denken der großen Firmen fördere nicht Flexibilität und Kreativität.
"Geht raus in die Welt und sucht euch kleinere Firmen, die eine Grundlast geben und dann seid glücklich", empfiehlt Klostermann. "Wenn alle immer nur zu den Großen gehen, dann passiert das, was man jetzt bei VW sehen kann." Sein Ratschlag: Kleine Unternehmen bräuchten zwar mehr persönlichen Kontakt, seien am Ende aber sehr treu und kämen immer wieder.
Artilleriegeschosse, Marschflugkörper und Feldküchen aus Baden-Württemberg
Eine der augenscheinlich kleinsten Innovationen aus Baden-Württemberg, die auch auf der Messe in Kielce zu sehen ist, kommt von der Firma Rieber aus Reutlingen, die schon seit den 1980er Jahren Feldküchen und Gastrobehälter für Bundeswehr und Katastrophenschutz herstellt. Auf der Messe zeigt sie einen mit Laser eingravierten QR-Code auf den Essensbehältern: "Damit geben wir den Behältern ein Gehirn." Mit dem QR-Code könne man digital festhalten, wie welcher Behälter befüllt ist. Oder welcher Behälter gerade wo unterwegs sei. Gleich am ersten Messetag hätten sich Vertreter der portugiesischen Armee dafür interessiert.
Zurück am Stand der Firma Barth Präzisionstechnik. Nach zwei Messetagen berichtet Firmeninhaber Wolfgang Barth, dass sein Artilleriegeschoss nicht nur stark nachgefragt wurde, sondern auch auf unterschiedlichste Weise ausspioniert worden sei. "Manche Fotos sind so unauffällig gemacht worden, dass sie schon wieder auffällig gewesen sind", berichten der Tüftler und seine Frau Antonie Barth.