"Wir haben fast keine Vorwarnzeit"

Starkregen: Deswegen fordert eine Stadt ihre Bürger auf, jetzt aktiv zu werden

Anders als Hochwasser kann Starkregen überall und plötzlich auftreten. Die Folgen sind oft zerstörerisch und teuer. Wie ist man gut vorbereitet? Welche Maßnahmen empfehlen Experten?

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Von Autor/in Philipp Pfäfflin

"Starkregen sind tückisch", sagt Bauingenieur Armin Binder, weil man "eigentlich keine Vorwarnzeit" hat. "Es kommt so plötzlich, da kannst du nicht mehr reagieren. Du musst dir vorher Gedanken machen, wie du dich schützen kannst." Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal und dem Starkregen in Braunsbach (Kreis Schwäbisch Hall) und den Verwüstungen in Rudersberg und Schordorf-Miedelsbach (Rems-Murr-Kreis) versuchen immer mehr Städte und Gemeinden, ihre Bürgerinnen und Bürger für das Thema Starkregen zu sensibilisieren. So auch in Fellbach (Rems-Murr-Kreis). Die Stadt hat sich Armin Binder zur Hilfe geholt.

Bauingenieur: Starkregen ist nicht gleich Hochwasser

Als Bereichsleiter eines Stuttgarter Ingenieurbüros kommt Armin Binder viel herum. "In einer Ortschaft gab es über Jahrzehnte keine nennenswerten Schäden. Die Menschen fühlten sich sicher. Dann schlug der Starkregen in drei aufeinander folgenden Jahren zu", berichtet er bei der Infoveranstaltung in Fellbach. Eines ist ihm ganz wichtig: "Starkregen ist nicht gleich Hochwasser. Bei Hochwasser weiß man, woher die Gefahr kommt. Sie baut sich auf, meist ist ein ganzes Tal betroffen."

Anders beim Starkregen, der kommt plötzlich und kann ganz lokal auftreten. Das heißt: In einem Ort ist es trocken, wenige Kilometer weiter ist "Land unter". Ingenieur Binder zeigt auf die Starkregengefahrenkarten der Stadt Fellbach. Teile eines Wohngebiets sind dunkelblau eingefärbt. Sollte hier ein extremer Starkregen heruntergehen, kann das Wasser über einen Meter hochstehen und schneller als zwei Meter pro Sekunde fließen. "Das ist sehr gefährlich. Erwachsene können bei dieser Fließgeschwindigkeit nicht mehr stehen", sagt Binder.

Starkregengefahrenkarte der Stadt Fellbach mit vielen Blautönen: Innenstadt bei einem extremen Starkregen
"Land unter" in Fellbach: Die Karte zeigt, wie hoch das Wasser bei einem extremen Starkregen (rund 128 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde) theoretisch stehen würde. Dunkelblau steht für über einen Meter Wasserhöhe. (Screenshot) Homepage der Stadt Fellbach Bild in Detailansicht öffnen
Starkregengefahrenkarte der Stadt Fellbach
Von einem außergewöhnlichen Starkregen (rund 51 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde) wären weiterhin weite Teile der Stadt betroffen. (Screenshot) Homepage der Stadt Fellbach Bild in Detailansicht öffnen
Starkregengefahrenkarte der Stadt Fellbach: Bei einem seltenen Starkregenereignis sind vor allem einige Straßenzüge betroffen.
Bei einem seltenen Starkregenereignis (rund 42 Liter Regen pro Quadratmeter und Stunde) sind vor allem einige Straßenzüge betroffen. Der mittlere Blauton steht für maximale Überflutungstiefen zwischen 10 und 50 Zentimetern. (Screenshot) Homepage der Stadt Fellbach Bild in Detailansicht öffnen
Übersichtskarte der Stadt Fellbach. In der Mitte befindet sich das Rathaus, nördlich ein Wohngebiet. Diese sind von Starkregen bedroht.
Die Übersichtskarte der Stadt Fellbach ohne Starkregen: In der Bildmitte befindet sich das Rathaus, nördlich davon liegen Wohngebiete. (Screenshot) Homepage der Stadt Fellbach Bild in Detailansicht öffnen

Viele Menschen kümmern sich erst im Katastrophenfall

Das Thema Starkregen ist auch aus einem anderen Grund tückisch. "Viele Menschen beschäftigen sich erst dann damit, wenn sie selbst betroffen sind", weiß Binder aus Erfahrung. Aber es gibt auch positive Beispiele. Zu der Informationsveranstaltung sind rund 70 Bürgerinnen und Bürger ins Fellbacher Rathaus gekommen. Eine Frau sagt: "Ich habe Bilder von Nachbargebäuden gesehen, wo Wasser komplett vom Feld durch die Tiefgarage lief und auch die Keller geflutet waren - das will ich meinen Mietern nicht zumuten."

Was kann man als einzelner Bürger machen? "Überprüfen Sie, ob Sie eine Rückschlagklappe haben und diese auch oft genug gewartet wird", rät die Fellbacher Baubürgermeisterin Beatrice Soltys (parteilos). "Wenn nicht, kann das Wasser aus der Kanalisation direkt in Ihr Haus drücken und den Keller überfluten." Bauingenieur Binder ergänzt: "Das Wichtigste ist, sich seinen Keller anzuschauen und zu fragen: Was passiert, wenn dort ein Meter Wasser steht?" Mit anderen Worten: Elektrische Geräte und wertvolle Gegenstände sollten nicht auf dem Kellerboden stehen. Lichtschächte und Fenster sollten lieber höher als tiefer angebracht und Heizöltanks gegen Auftrieb gesichert sein.

Maßnahmen und Tipps zum Schutz vor Starkregen

Neben diesen baulichen Maßnahmen gibt es bei dem Info-Abend weitere Tipps. "Laden Sie sich eine Warn-App aufs Handy, zum Beispiel die WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes (DWD) oder die Warn-App NINA des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe", rät Luisa Winter. Die städtische Koordinatorin für Bevölkerungsschutz empfiehlt zudem den Versicherungsschutz für einen Schadensfall zu prüfen. Auch sollte man sich überlegen, wie im Ernstfall Kranke, Alte oder Hilfsbedürftige evakuiert werden könnten. Noch mehr Informationen zum Schutz vor Starkregen finden sich auf der Web-Seite der Stadt Fellbach.

Eine Frau fragt: "Warum baut die Stadt nicht größere Abwasserkanäle?" Bauingenieur Binder antwortet: "Kanäle, die die Wassermassen eines extremen oder außergewöhnlichen Starkregens fassen würden, so große Röhren könnten Sie schlicht nicht unter die Straße bauen." Gut sei aber das Prinzip der Schwammstadt. Dort wird Regenwasser gespeichert und erst verzögert wieder abgegeben. Das entlastet die Kanalisation. Weniger Versiegelung, mehr Dachbegrünungen, Zisternen und Rückhaltebecken - in diese Richtung soll es auch in Fellbach gehen, sagt Baubürgermeisterin Soltys.

Archivfoto aus Braunsbach: Autos liegen am 30.5.2016 unter einer Schutthalde. Zuvor war ein Starkregen niedergegangen.
Braunsbach im Mai 2016: Ein Starkregen hatte Straßen zu reißenden Flüssen werden lassen, Autos wurden mitgerissen. (Archivfoto) picture alliance / dpa | Marijan Murat

Mehr Wetterextreme in Zukunft erwartet

Nach der Veranstaltung im Fellbacher Rathaus sagt Bauingenieur Binder: "Der Klimawandel ist nicht aufzuhalten. Ich glaube, dass wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren noch stärkere Verschärfungen bekommen." Das deckt sich mit der Einschätzung des Gesamtverbands der Versicherer. Dort heißt es: Mit dem Klimawandel "nehmen Wetterextreme drastisch zu". Ein Zuhörer meint: "Man hat viele Denkanstöße bekommen, damit man vorbereitet ist." Das Wichtigste aus seiner Sicht: Bei Starkregen werde er nicht in den Keller oder in eine Tiefgarage gehen. "Da hat es bei Starkregen schon viele Tote gegeben."

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Autor/in
Philipp Pfäfflin
Portraitfoto von Philipp Pfäfflin

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