"Starkregen sind tückisch", sagt Bauingenieur Armin Binder, weil man "eigentlich keine Vorwarnzeit" hat. "Es kommt so plötzlich, da kannst du nicht mehr reagieren. Du musst dir vorher Gedanken machen, wie du dich schützen kannst." Nach der Flutkatastrophe im Ahrtal und dem Starkregen in Braunsbach (Kreis Schwäbisch Hall) und den Verwüstungen in Rudersberg und Schordorf-Miedelsbach (Rems-Murr-Kreis) versuchen immer mehr Städte und Gemeinden, ihre Bürgerinnen und Bürger für das Thema Starkregen zu sensibilisieren. So auch in Fellbach (Rems-Murr-Kreis). Die Stadt hat sich Armin Binder zur Hilfe geholt.
Bauingenieur: Starkregen ist nicht gleich Hochwasser
Als Bereichsleiter eines Stuttgarter Ingenieurbüros kommt Armin Binder viel herum. "In einer Ortschaft gab es über Jahrzehnte keine nennenswerten Schäden. Die Menschen fühlten sich sicher. Dann schlug der Starkregen in drei aufeinander folgenden Jahren zu", berichtet er bei der Infoveranstaltung in Fellbach. Eines ist ihm ganz wichtig: "Starkregen ist nicht gleich Hochwasser. Bei Hochwasser weiß man, woher die Gefahr kommt. Sie baut sich auf, meist ist ein ganzes Tal betroffen."
Anders beim Starkregen, der kommt plötzlich und kann ganz lokal auftreten. Das heißt: In einem Ort ist es trocken, wenige Kilometer weiter ist "Land unter". Ingenieur Binder zeigt auf die Starkregengefahrenkarten der Stadt Fellbach. Teile eines Wohngebiets sind dunkelblau eingefärbt. Sollte hier ein extremer Starkregen heruntergehen, kann das Wasser über einen Meter hochstehen und schneller als zwei Meter pro Sekunde fließen. "Das ist sehr gefährlich. Erwachsene können bei dieser Fließgeschwindigkeit nicht mehr stehen", sagt Binder.
Viele Menschen kümmern sich erst im Katastrophenfall
Das Thema Starkregen ist auch aus einem anderen Grund tückisch. "Viele Menschen beschäftigen sich erst dann damit, wenn sie selbst betroffen sind", weiß Binder aus Erfahrung. Aber es gibt auch positive Beispiele. Zu der Informationsveranstaltung sind rund 70 Bürgerinnen und Bürger ins Fellbacher Rathaus gekommen. Eine Frau sagt: "Ich habe Bilder von Nachbargebäuden gesehen, wo Wasser komplett vom Feld durch die Tiefgarage lief und auch die Keller geflutet waren - das will ich meinen Mietern nicht zumuten."
Was kann man als einzelner Bürger machen? "Überprüfen Sie, ob Sie eine Rückschlagklappe haben und diese auch oft genug gewartet wird", rät die Fellbacher Baubürgermeisterin Beatrice Soltys (parteilos). "Wenn nicht, kann das Wasser aus der Kanalisation direkt in Ihr Haus drücken und den Keller überfluten." Bauingenieur Binder ergänzt: "Das Wichtigste ist, sich seinen Keller anzuschauen und zu fragen: Was passiert, wenn dort ein Meter Wasser steht?" Mit anderen Worten: Elektrische Geräte und wertvolle Gegenstände sollten nicht auf dem Kellerboden stehen. Lichtschächte und Fenster sollten lieber höher als tiefer angebracht und Heizöltanks gegen Auftrieb gesichert sein.
Maßnahmen und Tipps zum Schutz vor Starkregen
Neben diesen baulichen Maßnahmen gibt es bei dem Info-Abend weitere Tipps. "Laden Sie sich eine Warn-App aufs Handy, zum Beispiel die WarnWetter-App des Deutschen Wetterdienstes (DWD) oder die Warn-App NINA des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe", rät Luisa Winter. Die städtische Koordinatorin für Bevölkerungsschutz empfiehlt zudem den Versicherungsschutz für einen Schadensfall zu prüfen. Auch sollte man sich überlegen, wie im Ernstfall Kranke, Alte oder Hilfsbedürftige evakuiert werden könnten. Noch mehr Informationen zum Schutz vor Starkregen finden sich auf der Web-Seite der Stadt Fellbach.
Eine Frau fragt: "Warum baut die Stadt nicht größere Abwasserkanäle?" Bauingenieur Binder antwortet: "Kanäle, die die Wassermassen eines extremen oder außergewöhnlichen Starkregens fassen würden, so große Röhren könnten Sie schlicht nicht unter die Straße bauen." Gut sei aber das Prinzip der Schwammstadt. Dort wird Regenwasser gespeichert und erst verzögert wieder abgegeben. Das entlastet die Kanalisation. Weniger Versiegelung, mehr Dachbegrünungen, Zisternen und Rückhaltebecken - in diese Richtung soll es auch in Fellbach gehen, sagt Baubürgermeisterin Soltys.
Mehr Wetterextreme in Zukunft erwartet
Nach der Veranstaltung im Fellbacher Rathaus sagt Bauingenieur Binder: "Der Klimawandel ist nicht aufzuhalten. Ich glaube, dass wir in den nächsten 10 bis 20 Jahren noch stärkere Verschärfungen bekommen." Das deckt sich mit der Einschätzung des Gesamtverbands der Versicherer. Dort heißt es: Mit dem Klimawandel "nehmen Wetterextreme drastisch zu". Ein Zuhörer meint: "Man hat viele Denkanstöße bekommen, damit man vorbereitet ist." Das Wichtigste aus seiner Sicht: Bei Starkregen werde er nicht in den Keller oder in eine Tiefgarage gehen. "Da hat es bei Starkregen schon viele Tote gegeben."