Eine hohe Arbeitsbelastung, wirtschaftliche und finanzielle Probleme, Generationenkonflikte und Auflagen, die es zu beachten gilt - die Probleme in der Landwirtschaft können vielfältig sein. Damit Landwirte im Problemfall einen Ansprechpartner haben, hat das baden-württembergische Landwirtschaftsministerium Anfang des Jahres ein Unterstützungsnetzwerk eingeführt.
Das Projekt "InVerantwortung" will Bauern helfen - mit Unterstützungsangeboten aber auch mit sogenannten Vertrauenspersonen. Eine von ihnen ist Andrea Bauer. Sie war über 26 Jahre lang selbst Landwirtin auf einem Milchviehof und hat eine Ausbildung zur beratenden Seelsorgerin gemacht. Seit dem 1. April will sie Landwirten unter anderem im Kreis Böblingen aus Notsituationen helfen.
SWR Aktuell: Was ist das Ziel des Projekts?
Andrea Bauer: Das Ziel des Projekts "InVerantwortung" soll sein, dass die Landwirte, die im Moment wirklich in einer Notsituation sind, die oftmals nicht wissen, wie geht es weiter, dass die sich bei uns als erste Anlaufstelle melden und da erstmal ihr Herz ausschütten können. Wir Vertrauenspersonen hören uns ihr Anliegen an, analysieren und überlegen, wo könnte man die Leute hinschicken, welche Stelle kann da helfen? Und da haben wir ein ganzes tolles Netzwerk an Unterstützern, die alle hinter diesem Projekt stehen. Wir Vertrauenspersonen nehmen sozusagen die Ratsuchenden an die Hand und stellen die weiteren Kontakte her.
Diese Probleme beschäftigten Landwirte
SWR Aktuell: Mit welchen Problemen kommen die Leute auf Sie zu?
Bauer: Die Bandbreite reicht von Problemen in der Familie, also Konflikte unter den Eheleuten, mit dem Hofnachfolger oder mit den Altenteilern (Anm. d. Red.: frühere Eigentümer des Betriebs). Aber oftmals sind es auch Probleme mit den Ämtern, wenn es zum Beispiel um Tierschutzverstöße geht. Finanzielle Engpässe, aber auch die Bürokratie und die Auflagen, die der Landwirt zu erfüllen hat, können weitere Gründe sein. Was ich auch schon vermehrt gehabt habe, war eine grundsätzliche Überforderung, also vom Arbeitspensum her. Und was bei allen dann irgendwo in Mitleidenschaft gezogen wurde, ist die Buchführung. Und das ist so ein großer Druck, den man nicht unterschätzen darf.
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Wo sparen, wenn alles teurer wird? Die ARD-Reportage "Bundesvibe" begleitet Familien, die unter gestiegenen Preisen leiden. Auch einen Milchviehbetrieb aus dem Nordschwarzwald.
SWR Aktuell: Was würden Sie sagen, was sind aus Ihrer Sicht die am häufigsten genannten Probleme?
Bauer: Ich sehe schon, dass das Zwischenmenschliche oftmals an oberster Stelle ist und vieles andere dann in Mitleidenschaft zieht beziehungsweise es dann dort sichtbar wird. Meistens ist es nicht nur ein Bereich, der den Ratsuchenden in die große Not gebracht hat. Aber es gibt natürlich auch Schicksalsschläge, wo jetzt keine persönlichen Konflikte die Ursache sind, sondern wo Menschen mit Dingen konfrontiert werden wie zum Beispiel Tod oder Krankheit. Das ist natürlich nochmal eine ganz andere Geschichte, die die Menschen dann belastet.
SWR Aktuell: Ich kann mir vorstellen, dass es auch zu Konflikten führt, wenn man wohnt, wo man arbeitet...
Bauer: Ja genau. Diese Vermischung von Familie und Betrieb. Das kriegt man gar nicht ganz auseinander. Also dass man sagt: Okay, von morgens, sagen wir mal 6:30 Uhr, bis abends ist Betrieb. Dazwischen bei den Mahlzeiten und am Feierabend ist Familie. Das geht nicht. Es vermischt sich. Es wird beim Mittagessen über den Betrieb gesprochen, es wird oftmals noch bis vor dem Zubettgehen über den Betrieb gesprochen. Man wohnt, arbeitet und lebt auf dem Hof und er steht eigentlich immer im Mittelpunkt, er hat Prio 1. Alles andere, also auch das Familienleben, wird ihm mehr oder weniger untergeordnet.
Viele Landwirte stehen unter großem Druck
SWR Aktuell: Würden Sie sagen, Landwirt oder Landwirtin ist dahingehend ein spezieller Beruf?
Bauer: Ja, das ist schon sehr speziell. In den meisten Fällen wurde der Hof schon über Generationen aufgebaut und weitergegeben und es ist auch ein gewisser Druck, den der Hofnachfolger spürt - und das oftmals ohne Worte. "Ich muss diesen Hof weiterführen, allein schon wegen meine Eltern, Großeltern und Urgroßeltern." - Das Gefühl hat auch jemand, der eine Firma übernimmt, aber in der Landwirtschaft mit diesem "Ich hab da anvertrautes Land, da sind Tiere, für die ich sieben Tage die Woche Verantwortung habe, ich bin örtlich sehr verwurzelt" - das hat nochmal eine andere Qualität.
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So helfen Vertrauenspersonen den Bauern
SWR Aktuell: Wie helfen Sie konkret, wenn sich Landwirtinnen und Landwirte an Sie wenden?
Bauer: Nach einem ersten Telefonat findet meist ein Außendienstbesuch statt. Ich komme zu den Leuten und erkundige mich, was der Anlass ist und lasse die ratsuchenden Menschen einfach mal erzählen. Was hat die Leute dazu gebracht, dass sie angerufen haben beziehungsweise dass sie Hilfe suchen. Und dann geht es so weiter, dass ich mir überlege, welche Stelle, welche Unterstützer, mit wem könnte ich die Ratsuchenden in Kontakt bringen und wer kann diesen Leuten weiterhelfen?
SWR Aktuell: Sie haben selbst viele Jahre in der Landwirtschaft gearbeitet. Die Probleme sind Ihnen oft bestimmt nicht fremd. Wie gehen Sie damit um?
Bauer: Es ist tatsächlich so, das kommt natürlich auch wieder auf den Fall an, dass man sich selbst in manchem wiederfindet. Dann triggert das natürlich schon ein Stück weit. Aber das war mir von vornherein klar, dass ich da aufpassen muss, und da schütze ich mich natürlich so gut es geht. Aber es ist nicht so, dass man vom Gespräch heimfährt und dann alles wie weg ist. Auf der anderen Seite ist es aber auch so, dass ich sofort weiß, von was die Ratsuchenden sprechen, weil es mir vertraut ist bzw. ich ähnliches erlebt habe. Das wiederum spüren die Ratsuchenden - und das schafft Vertrauen!