Eine Trillerpfeife schrillt über das Tuckern des Dieselmotors hinweg, der Traktor setzt sich in Bewegung. An seiner Deichsel zieht er den ersten der vielen, vielen Eierschalen-weißen Zirkuswagen vom Flachwagen. Es geht die Rampe hinunter, wo ein Laster den Wagen übernimmt. Ziel: der neue Standort am Blühenden Barock in Ludwigsburg. Jeder am Gleis hat seinen Job, ein eingespieltes Team - schließlich gibt es einiges zu tun: Ein guter Kilometer Zug, ein guter Kilometer Tradition wird an diesem Mittwoch im Güterbahnhof Kornwestheim (Kreis Ludwigsburg) entladen.
Rollendes Museum: Roncalli schont historische Zirkuswagen
Zumindest nach Aussage des Zirkus Roncalli ist eine solche Art des Transports mittlerweile europaweit einzigartig: ein Zirkus, der per Güterzug tourt. Warum? Das habe viele Gründe, erklärt Zirkus-Geschäftsführer Patrick Philadelphia. Die 80 bis 100 Zirkusgefährte alle über die Straße zu schicken, das war beim Stopp in Düsseldorf im Frühsommer noch drin. Bei weiten Strecken wie nun nach Ludwigsburg und später im Jahr dann nach Wien, Innsbruck, Linz und Lübeck sei das anders. "Wir haben so viele Wagen, dass es sich da nicht lohnt, über die Autobahn zu fahren", sagt Philadelphia. "Das wäre ein großer Kostenfaktor - obwohl die Bahn auch nicht billig ist."
Zudem hat Roncalli echte Oldtimer dabei. Der holzvertäfelte Wagen 57 etwa ist ein über hundert Jahre alter Oldtimer. Den kann man entweder gemütlich mit maximal Tempo 25 über die Landstraße ziehen und würde ihn dabei trotzdem über die Maßen beanspruchen. Oder ein Sattelschlepper nähme ihn huckepack. So aber, mit dem Zug, kann sich das Team die mühsame Reise sparen und mal eine Nacht im Hotel ausschlafen. Der Zug macht derweil Strecke. Und: Der Zirkus Roncalli fährt damit auch klimaschonend - was, wie alle am Güterbahnhof betonen, für Roncalli-Gründer und Zirkuslegende Bernhard Paul ein echtes Anliegen sei.
Zirkus nutzt für seine Tour Ökostrom
Der Zirkus fahre dabei sogar mit Ökostrom, unterstreicht Jörn Enderlein, Chef des privaten Güterzugbetreibers Rail Bavaria. Einige seiner Flachwagen fahren das ganze Jahr über mit Roncalli-Logo. Das Unternehmen hat extra seinen Wagenbestand aufgestockt, um Roncalli quer durch Europa fahren zu können. "Für uns ist das eine Ehre", sagt er. Das Team von Roncalli und seine eigenen Mitarbeitenden bilden beim Ein- und Ausladen ein Team. Die Sattelzugmaschinen, die die Wagen weiter nach Ludwigsburg fahren, tragen mal das Roncalli-, mal das Rail-Bavaria-Logo.
Enderlein und seine Kollegen achten beim Entladen auf eine sinnvolle Reihenfolge: Während sie in Kornwestheim entladen, beginnt schon der Zeltaufbau am Blühenden Barock. Erst das Material für das Zelt, dann die Wohnwagen der Truppe für die Herberge am Abend. Erst am Ende kommen Kassen- und Kostüm-Wagen. Ein straffer Ablauf - üblich ist auf Tour dieser Ablauf: sonntags Abbau nach der letzten Show, montags Verladen auf den Zug, dienstags Abladen und von da an Aufbau, so dass am Freitagabend Premiere sein kann. Ein Zirkus auf Tour ist eine logistisches Monster - zumal, wenn man wie Roncalli auch rund ums Zelt nostalgisches Zirkusflair bieten will und so den Anspruch hat, jedes Mal ein kleines Zirkus-Städtchen zu errichten.
"Zippo" zieht: Clown-Konterfei des Gründers ziert Lokomotive
Dieses Mal allerdings lässt sich Roncalli für seine erste Show nach der Sommerpause etwas Zeit. Der Zug kam etwas verspätet in Kornwestheim an - schließlich hat man am Bahnhof in Köln noch die neue Lokomotive einweihen müssen, den "Zippo": Die Lok, die nun auch den Zug nach Kornwestheim gebracht hat, trägt den Namen und das Konterfei jener Clownfigur, die Zirkusgründer Paul einst verkörpert hat. Und auch dessen Unterschrift. Der Lokomotiven-Look ist ein Geschenk an den Zirkus, der dieses Jahr 50 Jahre Bestehen feiert.
Und dieses Mal direkt nach der Sommerpause drängt für Roncalli auch die Zeit nicht ganz so wie sonst: Erst am Mittwoch kommende Woche ist Premiere für Roncalli in Ludwigsburg. Dann heißt es "Manege frei!" im Blühenden Barock - während einige der Waggons in Kornwestheim schon auf die Weiterreise warten.