Angesichts drastisch sinkender Gewerbesteuereinnahmen verabschiedete Stuttgart im Dezember 2025 einen massiven Sparhaushalt. Ende Juli meldete die Stadt zusätzlich einen neuen Negativrekord beim Haushaltsabschluss 2025. Im SWR-Interview erklärt Finanzbürgermeister Thomas Fuhrmann (CDU), wie es dazu kommen konnte, was er als "Jammern auf hohem Niveau" ansieht und warum ihm trotz der negativen Zahlen der Job als Kämmerer weiterhin viel Spaß macht.
SWR Aktuell: Herr Fuhrmann, nach einem Rekordüberschuss im Jahr 2023 hat die Stadt Stuttgart 2025 ein Rekorddefizit erwirtschaftet. Warum?
Thomas Fuhrmann: Auf der einen Seite sind uns die Einnahmen weggebrochen. Insbesondere der erhebliche Rückgang der Gewerbesteuer von 1,6 Milliarden Euro in 2023 auf aktuell etwa 800 Millionen Euro. Wir haben aber auch ein Ausgabenthema. Die hohen Jahresüberschüsse der letzten Jahre haben dazu geführt, dass auch die Ausgaben entsprechend angestiegen sind - für Personalkosten, für soziale Leistungen, Folgekosten, für Investitionen, die man sich in den letzten Jahren auch leisten konnte. Und außerdem: Bund und Länder übertragen den Kommunen immer mehr Aufgaben, die nicht ausreichend finanziert sind.
SWR Aktuell: Haben Sie damit gerechnet, dass es so schnell gehen wird?
Fuhrmann: Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Auf der anderen Seite hat sich auch die Gewerbesteuer rasant nach oben entwickelt. Vor der Pandemie lagen wir in guten Jahren bei über 700 Millionen Euro. Dass diese Zahlen sich dann auf 1,3, 1,6 Milliarden Euro erhöhen würden - das hätte auch keiner vorhergesehen. Aber es war schon klar, dass man dieses Niveau dauerhaft nicht halten wird.
SWR Aktuell: Die Stadt Stuttgart hat im Jahr 2025 Gewerbesteuern in Höhe von rund 800 Millionen Euro eingenommen. Bleiben diese Einnahmen stabil?
Fuhrmann: Wir planen momentan eher wieder mit einem Aufwuchs, mit einem geringfügigen Aufwuchs. Die Unternehmen konsolidieren sich jetzt, das trifft viele Menschen sicherlich hart. Aber das hat natürlich Auswirkungen auf deren Gewinne. Diese sind wiederum die Basis für die Gewerbesteuer.
SWR Aktuell: 711,7 Millionen Euro haben dieses Jahr gefehlt. Auch im Jahr davor war der Haushalt nicht ausgeglichen. Müssen Sie Kredite aufnehmen?
Fuhrmann: Wir haben noch Rücklagen, die schmelzen rasant. Aber wir haben noch Rücklagen. Stand heute sind es etwa 1,6 Milliarden Euro. Das Regierungspräsidium hat uns eine Kreditermächtigung genehmigt. Die werden wir sicherlich auch in Anspruch nehmen.
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SWR Aktuell: Sprechen wir über die Ausgaben. Warum hat es da so einen Sprung nach oben gegeben?
Fuhrmann: Zum einen - wie gesagt: Der Bund und die Länder haben den Kommunen immer mehr Aufgaben auferlegt, die nicht ausreichend finanziert sind. Dann ist da der Personalaufwand, der mittlerweile bei über einer Milliarde Euro liegt. Da müssen wir gegensteuern. Das tun wir jetzt. Und natürlich auch im sozialen Bereich, in allen Bereichen, ob das Kulturförderung, ob das Sportförderung ist. Das sind natürlich nicht nur gesetzliche Aufgaben. Das sind auch freiwillige Leistungen, die einfach in den letzten Jahren angewachsen sind.
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SWR Aktuell: Hat die Stadt Stuttgart rückblickend über ihre Verhältnisse gelebt?
Fuhrmann: Das würde ich nicht sagen. Wenn Sie sich im Jahresvergleich die Einnahmen und die Ausgaben anschauen, dann verlaufen die beiden Kurven wunderbar parallel. Und zwar ist die Einnahmenkurve immer über der Ausgabenkurve. Dann ist beim Ertrag der große Einbruch erfolgt und die Aufwandskurve ging weiter stabil nach oben. Das müssen wir jetzt korrigieren. Das kann schmerzhaft sein. Da gibt es Einschnitte.
SWR Aktuell: Wo wird es am meisten wehtun?
Fuhrmann: Ich glaube, dass es in allen Bereichen Einschnitte geben wird. Das wird viele betreffen. Ich glaube, um zumindest eine gewisse Akzeptanz herbeizuführen, ist es wichtig, dass es nicht nur ein paar Bereiche sind, sondern wirklich, dass durch alle Bereiche hindurch gespart werden muss.
SWR Aktuell: Nehmen Sie dafür Verständnis wahr?
Fuhrmann: Dass wir sparen müssen, das hat - glaube ich - mittlerweile jeder verstanden. Die Unternehmen müssen sparen, viele Haushalte müssen sparen und die kommunalen Haushalte müssen auch sparen. Das Grundverständnis ist da. Nur wenn man einen Schritt weitergeht, endet oftmals das Verständnis, weil natürlich jeder in seinem Bereich genau das sieht, das ist wichtig und da darf nicht gespart werden. Aber da kommen wir nicht drum herum. Es dauert nur manchmal ein bisschen länger, um da zu überzeugen.
SWR Aktuell: Wenn Schwimmbäder auf der Kippe stehen oder Zuschüsse für Kultur- oder Sozialprojekte nicht verlängert werden, dann erleben das viele als massive Eingriffe.
Fuhrmann: Jetzt muss man mal eins sagen: Das sind keine städtischen Bäder. Das sind private Bäder. Den Luxus muss man sich erst mal gönnen, dass man die auch fördert. Viele andere Städte und Gemeinden in der Region, in Baden-Württemberg, deutschlandweit, schließen ihre städtischen Bäder. Das heißt für den Schulunterricht, für den Sport, für die Vereine, dass das massive Einschnitte sind. Bei uns sind es "nur" die privaten Bäder. Die sind auch wichtig, die nehmen eine unglaublich wertvolle Aufgabe wahr. Und wir sind noch in der Situation, dass wir sie retten können. Der nächste Doppelhaushalt wird dann zeigen, wie es weitergeht, aber wir haben sie jetzt gerettet, vorerst.
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Und natürlich wird es im kulturellen Bereich Einschnitte geben. Aber nochmal: Wir haben in den letzten Jahren sehr viel gefördert und man kann nicht davon ausgehen, dass so eine Entwicklung dauerhaft anhält. Es wird Einschnitte geben, aber meine persönliche Prognose ist, dass sie sich in Grenzen halten.
SWR Aktuell: Jammern auf hohem Niveau?
Fuhrmann: Ja, so würde ich das bezeichnen.
SWR Aktuell: Finanzbürgermeister in Zeiten des Sparens - macht das eigentlich Spaß?
Wenn man so einen Job macht, dann macht man den in guten Zeiten, aber auch in schlechten Zeiten. Und ich finde, dass genau diese Phase auch letztendlich eine Chance bietet. Eine Chance, dass man sich vielleicht auch mal wieder auf das Wesentliche konzentriert, dass man Prioritäten setzt und dass man ganz klar sagt, was man für diese Stadt will. Vielleicht ergeben sich da auch bessere Prozesse und bessere Abläufe, auch innerhalb der Verwaltung, aber auch in vielen anderen Bereichen. Mir macht es weiterhin sehr viel Spaß.