Bei Schmerzen und Beschwerden zu Hause bleiben

Medizinische Ersteinschätzung: Digitaler Lotse soll Telemedizin verbessern

Weite Wege, volle Wartezimmer, überlastete Hotlines - der Gang zum Arzt ist oft mühsam. Abhilfe soll das erweiterte Portal Docdirekt der Kassenärztlichen Vereinigung BW schaffen. 

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Von Autor/in Christian Susanka

Für die Schließung von 18 Notfallpraxen hat die Kassenärztliche Vereinigung in Baden-Württemberg (KVBW) in den vergangenen Monaten viel Kritik geerntet. Seit Freitag gibt es ein neu ausgebautes digitales Gegenmittel - dazu braucht es einen Computer und das schon vorhandene Portal Docdirekt. Wer Beschwerden hat, wird hier ab jetzt durch einen neuen digitalen Fragenkatalog gelotst. Die Ersteinschätzung soll vor allem Patientinnen und Patienten im ländlichen Raum helfen und den weiten Wegen zum nächsten Arzt ersparen.

Docdirekt bietet digitale Ersteinschätzung

Dieser Fragenkatalog soll darüber entscheiden, wie die Patientinnen und Patienten weiterbehandelt werden: Einweisung ins Krankenhaus, Hausbesuch oder eben telemedizinische Beratung. Mithilfe des neuen Instruments soll jetzt für alle Menschen mit Wohnsitz in Baden-Württemberg eine kostenlose medizinische Ersteinschätzung möglich sein. Docdirekt soll auch die oft überlastete Nummer 116117 ergänzen.

"Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten bei akuten Beschwerden rasch eine verlässliche Empfehlung erhalten, was sie tun sollen. Mit Docdirekt bieten wir eine digitale Anlaufstelle für alle. Das gibt den Patientinnen und Patienten Orientierung und hilft uns, die Patienten bedarfsgerecht versorgen zu können", erklärt Doris Reinhardt, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der KVBW. "Viele Patientenanliegen können telemedizinisch abschließend geklärt werden - das entlastet die ambulante Versorgungsstruktur", ergänzt Karsten Braun, Vorstandsvorsitzender der KVBW.

Telemedizinische Sprechstunde rund um die Uhr

Docdirekt ist eine Mischung aus digitalem Lotsen und telemedizinischer Sprechstunde: Mithilfe eines Fragenkatalogs beginnt die Ersteinschätzung, eine Videosprechstunde mit einem Telearzt in einer Praxis ist eine von vielen Erst-Behandlungsmöglichkeiten. Aber es gibt noch andere Maßnahmen: Hausbesuch, Einweisung ins Krankenhaus oder ein Rezept. Das Portal steht allen Patienten in BW zur Verfügung, rund um die Uhr.

Sozialministerium in BW begrüßt das neue Tool

Das Sozialministerium bewertet die Weiterentwicklung von Docdirekt als wichtigen Schritt für eine moderne Versorgung. Das geht aus einer Anfrage des SWR hervor. Sozial- und Gesundheitsminister Manfred Lucha (Grüne) betont, dass Patientinnen und Patienten "schon seit mehreren Jahren eine kompetente medizinische Beratung von niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten per Online-Sprechstunde" erhalten. Mit dem neuen Tool zur digitalen Ersteinschätzung werde das Angebot sinnvoll erweitert.

Lucha spricht von einem "wichtigen Meilenstein für eine moderne, patientenorientierte Gesundheitsversorgung" und betont, dass digitale Ersteinschätzungen dazu beitragen können, Menschen gezielter zu steuern, Wartezeiten zu verkürzen und medizinisches Personal zu entlasten.

SPD-Landtagsfraktion: Docdirekt kann Arztpraxen nicht ersetzen

Andreas Stoch, Landes- und Fraktionsvorsitzender der SPD in Baden-Württemberg, kritisiert: Docdirekt sei eine Ergänzung der ambulanten ärztlichen Versorgung, "aber die Plattform ersetzt keinesfalls geschlossene Hausarzt- oder Notfallpraxen. Schon gar nicht, wenn körperliche Untersuchungen vorgenommen werden müssen". Auch für ältere Menschen könne das digitale Angebot eine zu große Hürde sein. 

Stoch bemängelt, dass der Weg zum Arzt den Patientinnen und Patienten nicht wirklich erspart bleibe: In geeigneten Fällen sollte das Portal nicht nur beraten, "sondern auch Rezepte und Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen ausstellen". Das sei von der SPD bereits mehrfach gefordert und in früheren Modellversuchen erprobt worden.

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