Achim Wambach hält auch in Krisenzeiten nichts von Pessimismus - und der Ökonom hat dafür auch Zahlen parat. "Wir sind seit 2000 um 25 Prozent wohlhabender geworden. Das ist schon Wahnsinn, wenn man sich das mal vorstellt, ein Viertel reicher", sagt Wambach, Präsident des Leibniz-Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv". In dieser Höhe sei das Durchschnittseinkommen in der Zeit in Deutschland gestiegen.
Aber: Die letzten Jahre seien nun mal wirtschaftlich schlecht gelaufen. Der Standort Deutschland habe Probleme und deshalb seien dringend Reformen nötig, um Arbeitskosten zu senken und wieder attraktiver für Investitionen zu werden, so Wambach.
Wirtschaftsprofessor will keine Ausnahmen mehr für Stiftungen
Aber wie kann man Reformen so angehen, dass es gerecht zugeht? "Wenn man sich die Löhne, also die Einkommen anschaut, dann ist seit 2005 oder so die Schere nicht weit auseinandergegangen und da fahren wir besser als andere Länder", erklärt Wambach. "Wo meines Erachtens die Schere sehr stark auseinandergegangen ist, ist bei Vermögen." Der Wirtschaftsprofessor ist deshalb für eine Reform der Erbschaftsteuer. Er plädiert dafür, die Ausnahmen für Betriebsvermögen zu streichen und zugleich den Steuersatz zu senken.
Was nicht mehr passieren dürfe, sei, dass Menschen mit großen Erbschaften sagen: "Ich gebe das in die Stiftung und ich zahle gar nichts." Wambach ist überzeugt, "dass eine fairere Erbschaftsteuer ein richtiger Schritt wäre für eine stärkere Gerechtigkeit". Denn bei einem Großteil der Erbschaften könnten Ausnahmen genutzt werden. Wichtig wäre laut Wambach, dass bei einer Senkung des Steuersatzes die Einnahmen insgesamt nicht sinken.
Der 58-jährige Wirtschaftsprofessor und langjährige Regierungsberater steht mit seiner Position im Gegensatz zu Wirtschaftsverbänden und der Union, die eine von der SPD geforderte Reform ablehnen. Nun geht der Blick nach Karlsruhe: Das Bundesverfassungsgericht befasst sich Anfang der Woche mit der Erbschaftsteuer für Betriebsvermögen. Dabei geht es um die Rechtmäßigkeit von Ausnahmeregelungen bei der Vererbung von Unternehmen. Zum Beispiel können Erben von Firmen unter bestimmten Bedingungen von der Abgabe verschont werden.
Wambach plädiert für "Renteneintrittsfenster"
Deutschland komme aber nicht darum herum, Arbeit günstiger zu machen, indem Sozialabgaben gesenkt werden, erklärt Wambach. Bei der Rente ergebe sich eine längere Lebensarbeitszeit allein dadurch, dass die Menschen im Schnitt künftig fünf Jahre länger lebten als ihre Eltern. Der Ökonom wollte sich jedoch nicht auf eine bestimmte Erhöhung des bisherigen Renteneintrittsalters von 67 Jahren festlegen. "In Dänemark gibt es ein Renteneintrittsfenster, man geht in Rente zwischen 65 und 75." Auf diese Weise könnten auch gesunde ältere Menschen ohne Probleme länger arbeiten.
Ökonom für Abschaffung der Rente mit 63
In der Diskussion um die sogenannte Rente mit 63 spricht sich der Wirtschaftsprofessor für eine Abschaffung aus. Es seien vor allem "gut Verdienende, zum größten Teil Männer, die diese Rente mit 63 annehmen". Diese bräuchten keinen "Extraschluck aus der Flasche", sie könnten auch länger arbeiten. Das seien nicht die körperlich belasteten Dachdecker, sondern viele Gutverdienende aus der Industrie.
Reformen mit der Kettensäge in Deutschland unmöglich
Angesichts der Differenzen in der schwarz-roten Bundesregierung formuliert Wambach die Erwartungen der Wirtschaft: "Wir haben ein Reformpaket, das sollen die jetzt bitteschön auch umsetzen." Man könne jetzt nicht nochmal zehn Jahre warten. Andererseits sei doch immer klar gewesen, dass jemand wie Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) nicht allein den Schalter umlegen könne. Die Kultur sei hier nun mal, dass man Stück für Stück vorgehe. "Wir können nicht mit der Kettensäge in Deutschland arbeiten. Dafür sind wir einfach zu weit entwickelt." In einem Land wie Argentinien, wo die Wirtschaft daniederliegt, könne man radikaler vorgehen.
Wambach sieht auch Grund zu Optimismus
Der Ökonom sieht auch positive Entwicklungen in der deutschen Wirtschaft. "Wenn man sich die Patentzahlen anschaut, also was machen wir an Forschung und Entwicklung, da ist Deutschland in vielen Bereichen immer noch ganz weit vorne dabei." Das umfasse auch den Automobilbereich, etwa bei E-Fahrzeugen und autonomem Fahren. Auch bei Künstlicher Intelligenz kämen viele Patente aus Deutschland.
Es sei zwar richtig, dass Deutschland durch die US-Zölle und die Billigkonkurrenz aus China wirtschaftlich unter Druck sei. Aber man müsse auch folgende Handelszahlen sehen: "Deutschland macht etwa zehn Prozent mit den USA, zehn Prozent mit China, 80 Prozent mit allen anderen, mit dem Rest der Welt." Die neuen Handelsverträge mit südamerikanischen Ländern (Mercosur) sowie Indien und Indonesien bergen laut Wambach ein "Riesenpotenzial". "Das sind Märkte, da haben unsere Unternehmen viel zu tun."