Invasive Arten

Albträume von Ameisen: So kämpfen Anwohner gegen die größte Kolonie der "Tapinoma magnum"

Rund 60 Kommunen in Baden-Württemberg sind schon von invasiven Ameisen betroffen. Am schlimmsten ist der Befall in Karlsruhe-Neureut. Dort kämpfen Stadt und Bürger gemeinsam gegen die Insekten.

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Von Autor/in Heiner Kunold

Sie unterhöhlen Gehwege und Parkplätze. Und sie erobern die heimischen Gärten und Wohnungen: Invasive Ameisen sind inzwischen im ganzen Land zu finden. In Karlsruhe-Neureut ist "Tapinoma magnum", die "große Drüsenameise", aber besonders erfolgreich. Hier hat sie eine Kolonie mit einer Ausbreitung von rund 80 Hektar Größe gebildet. Die Bekämpfung der invasiven Ameise hat begonnen.

Eine Grafik, die die Ausbreitung der invasiven Ameise "Tapinoma magnum" im Karlsruher Stadtteil Neureut zeigt.
Die bundesweit größte Kolonie der invasiven Ameise "Tapinoma magnum" findet sich im Karlsruher Stadtteil Neureut.

80 Hektar große Ameisenkolonie in Karlsruhe-Neureut

Karin Eßrich und ihr Team von Ameisenbekämpfern beim städtischen Gartenbauamt kennen den Karlsruher Ortsteil Neureut inzwischen wie ihre Westentasche. Sie müssen aber auch ganz genau hinsehen, um herauszufinden, wo sich die kleinen Krabbeltiere schon überall breitgemacht haben. Mindestens 26 Straßen und Plätze sind befallen - und die Meldungen von neuen Ablegern der großen Ameisenkolonie reißen nicht ab.

Eine Frau mit einer Brille, sie ist die Koordinatorin der Bekämpfung invasiver Arten bei der Stadt Karlsruhe, Karen Eßrich
Karen Eßrich koordiniert bei der Stadt Karlsruhe die Bekämpfung der invasiven Ameisen.

Hier in Neureut haben wir wahrscheinlich die größte Kolonie. Ich kenne keine größere in der ganzen Bundesrepublik.

Wahrscheinlich sind die Ameisen schon seit ein paar Jahren da, vermutet Eßrich. Anders ist die Größe der Kolonie nicht zu erklären, meinen auch Experten. Für Anwohner wie Lars Conzelmann sind die invasiven Ameisen eine Belastung. Nur einmal habe er einen Abfallbeutel eine Stunde lang vor der Tür stehen lassen, um ihn später zum Mülleimer zu tragen. Danach habe es Tage gedauert, die Ameisen wieder aus der Wohnung herauszubekommen, berichtet er.

Betroffene Anwohner mit (Alb)träumen von invasiven Ameisen

Lars Conzelmann träumt inzwischen sogar manchmal von den Krabbeltieren, erzählt er. Und seinen Nachbarn ergehe es nicht viel besser. In ihrer Straße haben die Anwohner mittlerweile eine Gruppe von Leidensgenossen auf einem Social-Media-Kanal gegründet. Die Gruppe heißt wie die Ameise und hat vor allem ein Ziel: Wie kann man sie erfolgreich bekämpfen?

Lars Conzelmann wohnt im Karlsruher Stadtteil Neureut: Er hat die invasiven Ameisen im Vorgarten und bekämpft sie mit einem Lochstein.
Lars Conzelmann hat invasive Ameisen auf seinem Grundstück. Er testet den Lochstein, um sie zu bekämpfen.

Eine Antwort lautet: mit Heißwasser-Dampf. Die Stadt Karlsruhe hat seit diesem Jahr ein passendes Gerät im Einsatz. 130 Grad heißer Dampf wird mit bis zu drei Bar Druck gegen die Ameisenkolonien eingesetzt. Oberirdisch mit einer kleinen Bürste, aber auch als Lanze, mit der man den Dampf in den Boden injizieren kann. Das funktioniert und tötet die Tiere ab oder vertreibt sie zumindest für einige Zeit.

Mit einem giftfreien Heißwasser-Dampfgerät bekämpft die Stadt Karlsruhe invasive Ameisen
Mit einem giftfreien Heißwasser-Dampfgerät bekämpft Richard Blantz von der Stadt Karlsruhe invasive Ameisen

Ein Patentrezept zur Bekämpfung von invasiven Ameisen gibt es noch nicht

Das Problem mit den invasiven Ameisen ist: Niemand weiß so ganz genau, wie sie erfolgreich bekämpft werden können. Eine Kolonie von der Größe in Neureut auszumerzen, ist eine Mammutaufgabe und wird Jahre dauern, soviel ist Karin Eßrich und ihrem Team inzwischen klar. Der Schlüssel zum Erfolg liege vermutlich in einem systematischen Vorgehen. Das wollen sie in Neureut und an acht anderen Befallsstellen in Karlsruhe nun ausprobieren, berichtete die Ameisenkoordinatorin.

Dazu sei es wichtig, mit den Anwohnern zusammenzuarbeiten. Nur wenn gleichzeitig auf öffentlichem Gelände und benachbarten Privatgärten bekämpft werde, könne "Tapinoma magnum" oder die zweite invasive Art in der Stadt, "Lasius neglectus", erfolgreich vertrieben werden. Die Idee in Neureut ist, die Kolonie von außen nach innen auf immer engerem Raum zusammenzudrängen, um ihr am Ende ganz den Garaus zu machen.

Anwohner und Stadt müssen zusammenarbeiten

Die Ameisenbekämpfer sind sich nicht sicher, ob diese Aufgabe überhaupt noch zu schaffen ist. Vielleicht gelingt es nur, die Ameisen in Schach zu halten. Aber mindestens das wollen sie erreichen. Kleinere Kolonien konnten auch in Karlsruhe schon erfolgreich beseitigt werden.

Und hier kommen wieder die Anwohner ins Spiel. Auch Lars Conzelmann und seine Nachbarn haben schon darüber nachgedacht, sich ein privates Heißwasser-Dampfgerät anzuschaffen. Gemeinsam wird so ein Spezialgerät erschwinglicher. Solche Initiativen werden von Karen Eßrich und der Stadt unterstützt. Nicht finanziell, dafür ist auch in Karlsruhe kein Geld mehr in den öffentlichen Kassen aufzutreiben. Aber das Gartenbauamt macht Infoveranstaltungen und bringt Interessenten zusammen.

Genial einfach und günstig: die "Martens-Falle"

Eine Idee, wie die invasiven Ameisen in den Griff zu bekommen wären, hat der Karlsruher PH-Professor Andreas Martens entwickelt. Seine Falle ist nicht nur einfach und günstig, sie scheint auch wirklich zu funktionieren. Der Invasiv-Biologe benutzt zum Ameisenfangen nur einen Lochstein und eine Plastikfolie, die er darüberlegt. Der Trick besteht darin, die Ameisenköniginnen und ihre Brut in die Löcher der Steine zu locken.

Ein Lochstein, der invasive Ameisen in Karlsruhe anlocken soll.
Ein Lochstein in Karlsruhe-Neureut - normalerweise ist an ihm eine schwarze Folie befestigt. Wegen der Hitze werden aktuell weiße getestet.

Es gab hier mal eine Niederschlagsserie von fünf aufeinanderfolgenden Tagen. Da habe ich an jedem Tag in den Steinen Ameisen gefunden. Das heißt, ich konnte jedes Mal die Brut um mehrere tausend Tiere reduzieren.

Die Hohlblocksteine mit Folie müssen bei der "Martens-Falle" auf einer belebten Ameisenstraße, zum Beispiel im Vorgarten oder in einer Einfahrt, abgelegt werden. Danach wird der Boden außen herum ausgiebig gewässert. Ein Regenschauer könnte das ebenfalls erledigen. Die Ameisen reagieren sofort und schaffen ihre Brut ins Trockene, also in die Steinhöhlen des Hohlblocksteins. Dort können sie dann gefangen und entsorgt werden.

Karlsruher Biologieprofessor Andreas Martens schaut in ein Döschen, in dem Wasser, Spülmittel und Ameisen sind.
Karlsruher Biologieprofessor und Erfinder der Lochstein-Methode Andreas Martens

Andreas Martens Rekord liegt bei 390 Königinnen in einem einzigen Lochstein. Und das ist das Problem mit Tapinoma: Sie hat nicht wie einheimische Arten nur eine Königin, die für Nachwuchs zuständig ist, sondern Tausende. Und deshalb breitet sie sich überall im Land so rasend schnell aus.

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