Farhard Alsilo war 11 Jahre alt, als Terrormilizen des Islamischen Staates am frühen Morgen des 3. August 2014 sein Heimatdorf Shingal im Nordirak überfielen. Nach stundenlangem Beschuss mit schweren Waffen flüchtete Alsilo mit seiner Familie zu einem Onkel außerhalb des Dorfes. Auf dem Bauernhof versteckten sich bereits über einhundert Menschen. Kurze Zeit später fuhren IS-Terroristen mit drei Geländewagen auf den Hof, zerrten mit brutaler Gewalt die Geflüchteten aus dem Gebäude und sortierten sie in eine Gruppe mit Männern ab 16 Jahren, in eine zweite Gruppe mit Frauen bis etwa 40 Jahren und eine dritte mit älteren Frauen und Müttern mit Kindern.
Sie verschleppten die jungen Mädchen, darunter meine vier Schwestern und töteten alle Männer. Auch meinen Vater.
Alsilo wurde mit seiner Mutter in der Küche des Bauernhofs eingeschlossen. Erst als sie keine Schüsse mehr hörten, brachen sie die Türe auf, gingen nach draußen und sahen die in einer Massenexekution hingerichteten Männer auf dem Boden liegen. Darunter war auch sein Vater.
Flucht ins Sindschar-Gebirge
Aus Angst vor der Rückkehr der IS flüchteten sie mit anderen Überlebenden ins Sindschar-Gebirge. "Acht Tage mussten wir im Gebirge mit Zehntausenden ausharren [...] und hatten kaum etwas zu essen und zu trinken", erzählt Alsilo. Mit Hilfe von kurdischen Kämpfern gelangten sie über einen sicheren Korridor nach Syrien und von dort weiter in die Flüchtlingslager im Nord-Irak. Auch drei seiner Schwestern konnten fliehen, nachdem sie in IS-Gefangenschaft schwer sexuell missbraucht und misshandelt worden waren. Sie wurden 2015 nach Deutschland ausgeflogen.
Es ging nicht um irgendeine Terrororganisation, die versucht, irgendwo Angst und Schrecken in diesem Gebiet zu verbreiten und ihrer Macht zu demonstrieren, sondern es ging zielgerichtet um einen Genozid.
Die jesidischen Geflüchteten waren zunächst in Zelten, Containern und Schulen behelfsmäßig untergebracht. Im Flüchtlingslager traf Farhad Alsilo auf Jan Ilhan Kizilhan. Der renommierte Traumatherapeut und Orient-Experte war von der BW-Landesregierung beauftragt worden, gemeinsam mit dem Landesbeauftragten für Antisemitismus, Michael Blume, ein Sonderkontingent von etwa 1.000 schwer verletzten und traumatisierten Frauen und Kindern zusammenzustellen und ins Land zu bringen.
Vorbild in beispielloser Rettungsaktion
"Die Menschen starrten uns mit leeren Augen an, waren unruhig und voller Angst", sagt Kizilhan. Sie waren völlig traumatisiert und sorgten sich um ihre Angehörigen, die zurückgeblieben sind. Vor 11 Jahren wurde Alsilo mit seiner Mutter und zwei Geschwistern nach Baden-Württemberg gebracht. Seine älteste Schwester wurde hier mehrfach operiert, die Familie medizinisch und therapeutisch behandelt. Der heute 24-Jährige lernte schnell Deutsch, machte das Abitur und studiert heute Maschinenbau an der Technischen Universität Stuttgart.
Junge Generation kämpft um Teilhabe und Sichtbarkeit des Genozids
Ausreichend Orientierung, Stabilisierung und psychosoziale Hilfe sei wichtig, um schwere Traumata bewältigen und nach vorne blicken zu können, erklärt Traumaexperte Kizilhan. Gerade die junge Generation der Jesiden engagiert sich um Bildung und Teilhabe in der deutschen Gesellschaft, vor allem jesidische Frauen kämpfen um die Aufarbeitung des Genozids und fordern gesellschaftliche Anerkennung.
Der Traumatherapeut behandelt auch im Nordirak jesidische Geflüchtete, die noch zu Tausenden in Zeltlagern leben. Ihre Heimatregion Sindschar ist zu großen Teilen zerstört, vermint und infrastrukturell unversorgt, weshalb eine sichere Rückkehr für viele unmöglich ist. In den Flüchtlingslagern seien psychische Erkrankungen geradezu epidemisch geworden, so Kizilhan. Die Suizidraten seien sehr hoch, denn es gebe keine Perspektive für die Menschen.
Forum Jesiden in Deutschland – Wie geht es zwölf Jahre nach dem Genozid weiter?
Deutschland beherbergt mit schätzungsweise über 100.000 bis 200.000 Menschen die weltweit größte jesidische Gemeinschaft. Wie steht es um die juristische Aufarbeitung gegen IS-Rückkehrer? Und warum werden Jesiden wieder in den Nordirak abgeschoben?
Abschiebungen von Jesiden in den Nordirak
Obwohl der Genozid an den Jesiden vom Deutschen Bundestag im Januar 2023 anerkannt wurde, werden Jesiden, die kein Aufenthaltsrecht in Deutschland haben, weiterhin in den Nordirak abgeschoben, kritisiert Sandra Kostner, Migrationsforscherin an der Pädagogischen Hochschule Schwäbisch Gmünd. Doch mit dem Übereinkommen zur Verhütung und Bestrafung des Völkermordes geht laut Kostner auch ein Schutzversprechen einher.
Doch ein von Bundesländern wie Nordrhein-Westfalen angestrebtes Landesaufnahmeprogramm für Jesiden wurde vom Bundesinnenministerium abgelehnt, da kein bundesweiter Abschiebestopp beschlossen wurde. Jesiden seien aber in der Region sehr gefährdet, so Kizilhan, denn ehemalige Täter seien wieder in die Dörfer zurückgekehrt.
Ich kann als Psychotraumatologe nur davor warnen, jemanden, der traumatisiert und schwer belastet ist, in ein genozidales Umfeld zurückzuschicken.
Viele Jesiden, die in Deutschland leben und keinen gesicherten Aufenthaltsstatus haben, leben in Angst vor Abschiebung. Da Farhad Alsilo über das Sonderkontingent nach Baden-Württemberg kam, war er von Anfang an vor Abschiebung geschützt. Mittlerweile hat er die deutsche Staatsangehörigkeit. Deutschland sei seine Heimat, sagt er. Doch auch er habe Angehörige, die abgeschoben wurden, und das versetze die ganze Familie in Angst.
Angst der Jesiden vor IS-Rückkehrern
Ein weiteres Problem sei die große Angst der Jesiden vor IS-Rückkehrern und radikalen Islamisten in Deutschland, so Kizilhan, der als psychiatrischer Gutachter viele Prozessen gegen IS-Täter im In- und Ausland begleitet. In den Interviews seien nur wenige IS-Täter psychisch auffällig gewesen, sondern meist ideologisch gefestigt. "Sie haben diese Idee der Entmenschlichung des Menschen, die wir auch aus dem Nationalsozialismus kennen", ergänzt Kizilhan. "Jesiden sind für IS-Täter keine Menschen und sie können daher mit ihnen machen, was sie wollen."
"Ohne Gerechtigkeit gibt es keine Heilung"
Daher sei ein wichtiges Signal, dass die Generalbundesanwaltschaft ein Genozid-Team aufgebaut hat, um die Verfolgung und Verurteilung auch von IS-Tätern voranzutreiben, so Kizilhan. So verurteilte das Oberlandesgericht München am 13. Juli 2026 ein deutsch-irakisches Ehepaar zu langen Freiheitsstrafen, weil die IS-Rückkehrer zwei jesidische Mädchen versklavt und brutal misshandelt hatten. Nur so erfahren die Überlebenden des Genozids ein Gefühl von Gerechtigkeit, erklärt er, und ohne Gerechtigkeit gebe es keine Heilung.