Der Heilbronner Neckarbogen sollte ein Vorzeigeprojekt moderner Stadtentwicklung werden: ein Quartier mit nachhaltiger Architektur, direkter Wasserlage und vor allem autoarmen Straßen. Doch statt hoher Lebensqualität ärgern sich Anwohnerinnen und Anwohner nun ausgerechnet über aufgemotzte Fahrzeuge und rasende Autoposer, trotz Sonderkontrollen der Polizei.
Anwohner über den Lärm: "Es ist lästig!"
Am Fenster seiner Neubauwohnung im Neckarbogen beobachtet Klaus Fickler das Treiben auf der Straße. "Es ist lästig, es ist nervig und letztendlich nicht zu tolerieren", schimpft er. Als einer der Ersten zog der Rentner 2018 in das neue Viertel, mit der Erwartung einer nachhaltigen Ruheoase, fernab vom Lärm der Innenstadt. Hier, am ruhigen Seeufer, wollte der pensionierte Ingenieur ankommen.
Das verkehrsberuhigte Quartierkonzept Neckarbogen
Das Stadtquartier Neckarbogen wurde als ökologisches Zuhause für bis zu 3.500 Bewohnerinnen und Bewohner sowie rund 1.000 Arbeitsplätze geplant. Und zwar mit dem Anspruch, besonders autoarm zu sein. Besucherinnen und Besucher sollten in einem nahegelegenen Parkhaus parken. So wurde es Klaus Fickler damals verkauft, sagt er. "Doch das Parkhaus nutzen nur wenige", ärgert er sich.
Stattdessen würden aufgemotzte Boliden durch die Quartierstraßen kurven und auf das Gaspedal drücken, klagt Fickler: "Ganz nach dem Motto: Kann ich auf diesen 100 Metern mal eben auf 100 Stundenkilometer beschleunigen?" Die Zufahrt zur Theodor-Fischer-Straße vor seiner Wohnung ist grundsätzlich nur Anliegern gestattet. Doch "viele halten sich nicht daran", so Fickler weiter.
Sibylle Deitigsmann betreibt an der verkehrsberuhigten Theodor-Fischer-Straße das Restaurant Smuk. Tagsüber werde das vorgeschriebene Schritttempo meist eingehalten, das Verkehrsaufkommen sei überschaubar, berichtet sie. Doch mit Einbruch der Dunkelheit nehme die Zahl der Schnellfahrer zu. "Wo niemand gestört wird, kann man tolerant sein", sagt Deitigsmann. Doch in einem Wohnviertel wie diesem, in dem viele Familien mit Kindern leben, habe rücksichtslose Raserei keinen Platz.
Illegale Aktivitäten müssen unterbunden werden.
Ruhestörung trotz Verkehrsberuhigung
In den Sommermonaten häufen sich bei der Stadt Heilbronn Beschwerden über zu schnelle Autos und laute Fahrer im Neckarbogen, heißt es dort auf Anfrage. Die Polizei reagiert mit gezielten Kontrollen im Rahmen der Maßnahme "Poser und Raser". Der Neckarbogen wird seit mehreren Monaten in diese Sonderkontrollen einbezogen. Nach aktuellem Stand gilt das Viertel jedoch nicht als Brennpunkt der regionalen Poserszene, heißt es von der Heilbronner Polizei.
Stadt Heilbronn: Messungen ergeben kein Raserproblem
Den Eindruck, dass im Neckarbogen häufig gerast werde, können die Behörden auch nicht bestätigen. Probleme mit überhöhter Geschwindigkeit gebe es dort nicht, meint Claudia Küpper, Sprecherin der Stadt Heilbronn.
Aufgrund der baulichen Gegebenheiten der Straßen im Neckarbogen ist Rasen in diesem Bereich nicht möglich
Der Eindruck von Tempo entstehe durch die lauten Motoren einzelner Fahrzeuge, führt Küpper aus. Eine Geschwindigkeitsmessung vor drei Wochen an der Theodor-Fischer-Straße habe dies bestätigt und "keine signifikanten Auffälligkeiten" ergeben.
Kontrollen nur eine Momentaufnahme?
Anwohner Klaus Fickler hält die temporären Messungen für wenig aussagekräftig. Er habe selbst erlebt, dass "genau in dem Zeitraum die Regeln eingehalten und Schrittgeschwindigkeit gefahren wurde" - wohl weil Raser und Poser wissen, dass Kontrollen stattfinden, vermutet er. Das eigentliche Problem beginne erst, wenn keine Polizeipräsenz mehr vor Ort ist, sagt der Rentner.
Auch ohne Fahrzeuge sei an warmen Abenden und in den späten Nachtstunden derzeit oft kein Ende des Lärms in Sicht. Tragbare Musikboxen dröhnen durchs Quartier. Teils direkt am Ufer, teils im rückwärtigen Bereich der Wohnhäuser, oft bis in die frühen Morgenstunden. "Sogar um zwei oder drei Uhr nachts wird noch Fußball gespielt", berichtet Klaus Fickler. "Das ist schon ziemlich nervig."