Hausärzte entlasten, Patienten schneller versorgen: Mit dem neuen Konzept "HÄPPI" will Baden-Württemberg die hausärztliche Versorgung zukunftsfähig machen. Digitale Abläufe sollen Wartezeiten verkürzen und Ärztinnen und Ärzte entlasten. Eine Pilotpraxis in Schwäbisch Hall zeigt, wie das Modell in der Praxis funktioniert - von der digitalen Selbstanmeldung in der Praxis bis zu interprofessionellen Teams. Aber was heißt das eigentlich?
Neue Abläufe in der Hausarztpraxis - weniger Wartezimmerzeit?
"HÄPPI" steht für "Hausärztliche Primärversorgung - Patientenversorgung interprofessionell". Hinter dem sperrigen Begriff verbergen sich nachhaltige Veränderungen für Hausarztpraxen sowie für Patientinnen und Patienten. So soll der Hausarztbesuch in Zukunft nicht nur schneller von statten gehen, sondern Arztinnen und Ärzte können auch mehr Aufgaben abgeben.
Dr. Jan Fedorcak hat am "HÄPPI"-Pilotprojekt teilgenommen. Damit war seine Praxis in Schwäbisch Hall-Gelbingen eine von nur zehn Praxen in ganz Baden-Württemberg. Seit dem Start im Sommer 2024 konnte er schon einige Erfahrungen sammeln - sowohl bei der Arbeit im Team als auch im Umgang mit seinen Patientinnen und Patienten.
Digitale Arztbesuche von Patientinnen und Patienten
"Wir wollen mit vielen digitalen Tools, wie zum Beispiel einem Patientenmessenger, einem Online-Terminkalender, einer Selbstanmeldung in der Praxis und digitalen Patientenformularen den Zugang zur Allgemeinmedizin erleichtern", erklärt Dr. Fedorcak. Er ist überzeugt von dem Konzept. Dabei werde natürlich auch dem Praxisteam eine Menge Arbeit abgenommen. Auch einfache Maßnahmen wie Videosprechstunden ermöglichen dem Arzt demnach, mehr Patientinnen und Patienten zu versorgen.
Die digitalen Tools bleiben aber erst einmal Angebote. Wer seinen Termin weiterhin lieber per Telefon ausmachen möchte, kann das ebenfalls tun. Da viele von Dr. Fedorcaks Patientinnen und Patienten die Möglichkeit aber nutzen, sei er per Telefon auch wieder schneller erreichbar.
Die neue Technik sei nicht nur etwas für die jüngere Generation, so der Arzt: "Ich sag's mal so - wer im Internet etwas bestellen kann, der kann auch bei uns online einen Termin buchen".
Zusammenarbeit mit Fachpersonal
Das zweite Standbein von "HÄPPI" ist die Zusammenarbeit von Hausärztinnen und Hausärzten mit Kolleginnen und Kollegen im Gesundheitssektor - Fachärzte, Psychologen und Physiotherapeuten.
Im Alltag sind aber vor allem die sogenannten "Primary Care Manager" gemeint. Diese Berufsbezeichnung umfasst Medizinische Fachangestellte, die nach ihrer Ausbildung und diversen Weiterbildungen noch ein berufsbegleitendes Studium abgelegt haben. Merve Kilicaslan hat sich für diesen Weg entschieden, als ihr Chef am "HÄPPI"-Pilotprojekt teilnahm.
In der "Akutsprechstunde" kann Kilicaslan so selbst Patientinnen und Patienten behandeln, damit Fedorcak mehr Zeit für komplexere Fälle hat. "Ich behandle Patienten mit einem grippalen Infekt, Blasenentzündungen oder Rückenschmerzen", berichtet sie. Außerdem kann sie auch Vorschläge für eventuell nötige Medikamente einbringen. Ihre Expertise entlaste den Arzt im Alltag.
Aufgaben, die vielleicht nicht unbedingt ein Arzt übernehmen muss, versuchen wir, an qualifiziertes Praxispersonal zu delegieren.
"HÄPPI" gegen den Ärztemangel?
Der Hausärztemangel in Baden-Württemberg wird seit Jahren immer deutlicher - gerade im ländlichen Raum. Mehr als 960 Stellen sind derzeit nicht besetzt, Tendenz steigend. Viele Ärztinnen und Ärzte sprechen von zu viel Bürokratie, einem hohen Arbeitsdruck und mangelnder Unterstützung im Praxisalltag. Auch hier soll "HÄPPI" helfen.
Denn durch die Zusammenarbeit mit anderem medizinischen Fachpersonal und den digitalen Tools sinke die Arbeitslast für die Ärztinnen und Ärzte deutlich. Das sieht auch Dr. Jan Fedorcak so. Für ihn sei "HÄPPI" die Zukunft.
Es macht wirtschaftlich einfach Sinn.
Nach dem Ende des Pilotprojekts im Dezember 2024 wurde das Konzept von der Universität Heidelberg wissenschaftlich ausgewertet. Das Ergebnis der Begleitstudie: Praxen können mehr Patientinnen und Patienten bei gleichbleibender Qualität versorgen. Die AOK Baden-Württemberg hat "HÄPPI" bereits in ihren Leistungskatalog aufgenommen. Ab Oktober soll das Konzept zur Regelversorgung gehören.