Kritik an Audi-Management und Politik

Interview mit Ex-Wirtschaftsminister Döring: "Automobilbosse haben einiges komplett verschlafen"

Der Audi-Standort Neckarsulm steht auf der Kippe. Das liegt auch am Konzern und der Politik, sagt der ehemalige Wirtschaftsminister Walter Döring im SWR-Interview.

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Die Zukunft des Audi-Werks in Neckarsulm (Kreis Heilbronn) ist ungewiss. Bis Ende Juni 2027 sollen die Fabrikkosten auf ein wettbewerbsfähiges Niveau gesenkt werden, um überhaupt eine Chance zu haben. So weit hätte es nicht kommen müssen, meint Walter Döring (FDP), von 1996 bis 2004 Wirtschaftsminister im Land.

Der Initiator des Weltmarktführer-Kongresses und Organisator von Delegationsreisen nach China stellt sich von Peking aus den Fragen der SWR-Redaktion. Dort will er die Kontakte der deutschen Wirtschaft nach und mit China verbessern und hat ein Treffen mit dem stellvertretenden Staatspräsidenten.

SWR Aktuell: Sie haben als Wirtschaftsminister die goldenen Jahre der Automobilbranche miterlebt, inklusive großer Investitionen in den Audi-Standort Neckarsulm. Ein krasser Kontrast zu heute, oder?

Walter Döring: Das ist ein krasser Kontrast! In den 80ern, Anfang der 90er waren die großen Rivalen die Japaner und Südkoreaner. Wir haben damals die Herausforderung offenen Auges angenommen, während wir momentan feststellen müssen, dass die Automobilbosse doch einiges komplett verschlafen und falsch eingeschätzt haben. Was jetzt natürlich besonders schmerzlich ist: dass die Mitarbeiter darunter zu leiden haben.

SWR Aktuell: Was waren denn die Hauptfehler?

Döring: Gerade nach dem Erfolg fühlte man sich viel zu sicher und ist aus der Sicherheit in eine gewisse Überheblichkeit übergegangen. Man dachte, uns kann niemand. Eine glatte Fehleinschätzung, dass man die E-Mobilität am Anfang sehr belächelt hat und ganz offen gesagt hat, das wird sowieso nichts. Es geht schlicht und ergreifend um Managementfehler.

SWR Aktuell: Sie haben 2023 ihre FDP bei Umweltthemen als Bremser betitelt. Wie sehr nehmen Sie die Politik also in Mithaftung?

Döring: Die Politik dachte, es gibt keinen wirklichen Handlungsbedarf. Den gab's aber halt schon lange.

SWR Aktuell: Wie sehr haben dann Debatten wie Tankzuschüsse und Technologieoffenheit - auch durch Ihren ehemaligen Parteichef Lindner - geschadet?

Döring: Tankzuschüsse und Abwrackabgaben: Das ist alles Mist, denn das trägt überhaupt nicht dazu bei, dass man sich dem Wettbewerb stellt, sondern im Gegenteil, man subventioniert Altes, verhindert dadurch Wettbewerb. Auch diese 12-Uhr-Regelung jetzt: Das ist alles Quatsch. Ich sehe hier in China gerade sensationelle Autos zum halben Preis, das ist natürlich ein Wettbewerbsvorteil.

SWR Aktuell: Aber das liegt ja auch an den Subventionen dort.

Döring: Die sind idiotisch und es ist natürlich genauso idiotisch, jetzt zu meinen, man könnte irgendwas mit Zöllen regeln. Es braucht eine konzertierte Aktion. Das schafft Audi nicht alleine. Das schafft die Politik nicht alleine. Alle müssen Abstriche machen. Alle müssen ihren Anteil leisten. Die Situation ist dramatisch. Man muss sich mal vorstellen, dass im Jahr 2026 ernsthafte Überlegungen angestellt werden, dass chinesische Autos in deutschen Werken gebaut werden. Das haut einen doch schier um.

SWR Aktuell: Wie gefährlich ist die Situation für die Region, gerade mit Blick auf die Zulieferer?

Döring: Momentan erwischt es die Automobilindustrie frontal. Die ist aber durchaus Krisen gewohnt und Deutschland hat mehr zu bieten als Autos. Schauen sie doch mal in unsere Region. Da sehen sie eine Vielzahl von Weltmarktführern, die mit Automobilen überhaupt nichts zu tun haben.

 

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Erstmals publiziert am
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Interview
Thumilan Selvakumaran

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