Gemeindemitarbeiterin wird zur Zielscheibe

Farbattacke auf Privathaus in Mulfingen wegen steigender Kita-Gebühren

Nach dem Gemeinderatsbeschluss zur Erhöhung der Kita-Gebühren kam es in Mulfingen zu einem Farbanschlag auf das Haus einer Verwaltungsmitarbeiterin.

Teilen

Stand

In Mulfingen (Hohenlohekreis) wurde das Haus einer Gemeindemitarbeiterin aus Ärger über erhöhte Kita-Gebühren mit Farbe beschmiert. Sie setzte lediglich den Beschluss des Gemeinderats um. Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die zunehmende Aggressivität im kommunalen Raum.

Baden-Württemberg

Exklusive SWR-Umfrage Ämter im Südwesten am Limit: Angriffe auf Beschäftigte nehmen zu

Lange Wartezeiten bei Behörden, dazu Ämter, die wegen Personalmangels geschlossen sind: das nervt viele. Eine SWR-Umfrage zeigt erstmals die Folgen für die Beschäftigten.

Amt am Limit SWR

Angriff aus Frust über Kita-Gebühren

"Ein riesiger Farbklecks, der sich über die halbe Hauswand zog, über Fenster und Tür" beschreibt Stefan Bückert, der gleich neben dem mittlerweile gesäuberten Haus wohnt. Das knallbunte Violett musste nach dem Anschlag mühselig abgeschrubbt werden, um die Spuren zu beseitigen. Bückert schüttelt den Kopf. "In einer Demokratie kann man unterschiedlicher Meinung sein", sagt er. "Aber so etwas geht gar nicht."

Enttäuschung über Angriff auf Privatsphäre

Das verschmierte Haus in Mulfingen gehört nicht etwa einem Gemeinderat oder dem Bürgermeister, sondern einer Verwaltungsmitarbeiterin, die seit drei Jahrzehnten die Gemeindefinanzen Mulfingens verantwortet.

"Ich bin enttäuscht", sagt sie im Gespräch mit dem SWR. "Ich würde mir wünschen, dass sich die Menschen, bevor sie Kritik äußern, wenigstens darüber informieren, wer eigentlich wofür zuständig ist."

Die steigenden Kita-Gebühren seien ein Beschluss des demokratisch gewählten Gemeinderats, betont sie. Dass ausgerechnet sie, die nur die Umsetzung übernimmt, ins Visier gerät, findet sie "erschreckend".

Baden-Württemberg

Altes Kindergartenjahr endet Hohe Kita-Gebühren, wenige Plätze: Stecken Kitas in BW in der Krise?

Viele Eltern haben mittlerweile erfahren, ob und wo sie ab September einen Betreuungsplatz für ihre Kinder bekommen. Wir haben im Land nachgefragt, wie die Lage in Kitas, Kindergärten und in der Kindertagespflege ist.

Steigende Kita-Gebühren sorgten für Hassmails

Im Juli hatte der Mulfinger Gemeinderat, die Kita-Gebühren zu erhöhen. In den kommenden zwei Jahren werden die monatlichen Beiträge von bislang 99 auf 174 Euro steigen: Dieser Betrag entspreche den Empfehlungen von Kirchen und Landesverbänden.

Doch auf die Entscheidung folgten heftige Reaktionen: Rund zwei Dutzend Hassmails gingen bei Bürgermeister Sören Döffinger (CDU) ein. Solche Nachrichten zeugen zwar von einer "zunehmenden Verrohung der Gesellschaft", doch er habe sich inzwischen leider daran gewöhnen müssen. "Da mache ich einen Haken drunter", sagt Döffinger.

Kindertagesstätte am Wertplatz in Mulfingen: Nach dem Gemeinderatsbeschluss zur Erhöhung der Kita-Gebühren kam es in Mulfingen zu einem Farbanschlag auf das Haus einer Verwaltungsmitarbeiterin.
Mulfingens Bürgermeister Sören Döffinger auf dem Gelände der 2023 neu eröffneten Kindertagesstätte am Wertplatz.

Nach der Farbattacke auf das Privathaus einer politisch unbeteiligten Mitarbeiterin appellierte Döffinger in einem offenen Brief im Mitteilungsblatt der Gemeinde an "Moral, Erziehung und den gesunden Menschenverstand".

Der Umgangston wird nicht nur in Mulfingen rauer

Was der Mulfinger Bürgermeister beschreibt, spüren auch andere Kommunen: Die Stimmung wird aggressiver und enthemmter. Ende Mai wurde in Künzelsau (Hohenlohekreis) etwa ein Mitarbeiter des Ordnungsamts am helllichten Tag mit einer Rute angegriffen - offenbar nach Konflikten mit der Stadtverwaltung.

"Der Ton wird rauer", stellt auch die Mitarbeiterin aus Mulfingen fest, deren Haus mit Farbe beschmiert wurde. In den über 30 Jahren, in denen sie für die Verwaltung der Gemeindefinanzen zuständig ist, habe sie verbal schon einiges erlebt. Selbst für starke mündliche Kritik habe sie prinzipiell Verständnis.

Es darf auch mal jemand aus der Gemeinde herumbrüllen. Das gehört zu einer funktionierenden Demokratie dazu.

Doch mit dem Farbanschlag wurde "eine Grenze überschritten", findet nicht nur sie. Viele in der 3.700-Einwohner-Gemeinde sehen das ähnlich und lehnen die Aktion grundsätzlich ab, wie eine Blitzumfrage des SWR zeigt.

Es gibt aber auch Stimmen, die Verständnis für die Schmiererei zeigen. "Kinder sind ein sehr emotionales Thema", meint ein Vater, dessen Tochter eine städtische Kita in Mulfingen besucht. Überrascht habe ihn die Aktion deshalb nicht. "Da hat sich soziale Ungerechtigkeit entladen."

Anzeige erstatten wollten weder die betroffene Mitarbeiterin noch Bürgermeister Sören Döffinger. Auch wenn man die Tat scharf verurteile, habe man sich dennoch entschieden, "das unter uns zu regeln", so Döffinger. Ein großer Gerichtsstreit wäre wohl keine Genugtuung gewesen, zumal sich die Lage im kleinen Ort an der Jagst mittlerweile wieder beruhigt habe.

Künzelsau

Umgangston wird laut Behörden immer rauer Attacke in Künzelsau: 71-Jähriger peitscht Ordnungshüter mit Rute aus

In Künzelsau ist es zu einem handgreiflichen Zwischenfall gekommen. Dort hat ein 71 Jahre alter Mann einen städtischen Mitarbeiter des Ordnungsamtes mit einer Rute angegriffen.

SWR Aktuell am Nachmittag SWR Aktuell

Heilbronn

Landestierärztekammer fordert härtere Strafen Aggressionen, aufgeschlitzte Reifen, Morddrohungen: Gewalt gegen Tierärzte nimmt zu

Tierärzte werden immer öfter Ziel von Aggressionen und Gewalt - auch im Heilbronner Kleintierzentrum AniCura. Laut Landestierärztekammer ist das inzwischen ein bundesweites Problem.

SWR1 Baden-Württemberg SWR1 Baden-Württemberg

Mulfingen

Schild stand vor einer Grundschule Aus 30 wird 80: Verkehrsschild in Mulfingen manipuliert

Das hätte schiefgehen können: Mit schwarzer Farbe haben Unbekannte aus einer 30 eine 80 gemacht - auf einem Verkehrsschild vor einer Grundschule.

SWR4 BW am Morgen SWR4 Baden-Württemberg

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
SWR

Unsere Quellen

Transparenz ist uns wichtig! Hier sagen wir Ihnen, woher wir unsere Infos haben!