Bei den aktuellen Hitzerekorden klingt ein Besuch in der Kältekammer bei minus 110 Grad wie die perfekte Abkühlung. SWR-Reporter Silas Schwab hat im Wellness- und Gesundheitszentrum Solemar in Bad Dürrheim (Schwarzwald-Baar-Kreis) den Selbstversuch gewagt. Doch nicht für alle sind Kältekammern das Richtige und die Anwendung sollte professionell betreut werden.
Kältekammern - auch Kryokammern genannt - versprechen nicht nur eine radikale Abkühlung, sondern auch positive Effekte auf Psyche, Immunsystem und Schmerzen. In Bad Dürrheim gibt es das Angebot seit Dezember, aber auch in Freiburg, Achern (Ortenaukreis) und in der Therme Vita Classica in Bad Krozingen (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) können sich Menschen quasi einfrieren lassen.
Durchgecheckt in die Kälte: So läuft der Besuch ab
Ich, SWR-Reporter Silas Schwab, bin eigentlich kein Typ für die Kälte - aber Michelle Wendt, Projektleiterin der Biohacking-Angebote im Solemar, beruhigt mich: "Wir haben hier eine ganz andere Kälte, eine trockene Kälte, die fühlt sich nochmal ganz, ganz anders an."
Vor dem Gang in die Kältekammer muss ich mein Körpergewicht, meine Körpergröße und Vorerkrankungen angeben. Und was ich mir von einem Besuch verspreche: Ich gebe Mobilisierung, Schmerzlinderung im Knie und Anti-Aging an. Daraus wird dann die empfohlene Zeit berechnet. In meinem Fall: Drei Minuten.
All diese Verbesserungen kann Wendt mir aber nicht versprechen. Bisher haben sich noch nicht viele Studien mit Kältekammern auseinandergesetzt. Wissenschaftlich belegt sind die Effekte jedoch nur in wenigen Bereichen.
Studienlage zu Kältetherapie Kryokammer: Wann Kältetherapie helfen kann und wann nicht
Kryokammern werden oft als Allheilmittel beworben: Schmerzlinderung, mehr Energie, weniger Stress. Wissenschaftlich belegt sind die Effekte jedoch nur in wenigen Bereichen.
Der Dresscode für die Kältekammer sind dicke Handschuhe, Socken und eine Mütze. Dazu bekomme ich einen Mundschutz, damit die kalte Luft nicht direkt die Atemwege belastet. Ansonsten - und das macht das absurde Outfit perfekt - trage ich nur eine Badehose.
Minus 110 Grad: So fühlt es sich an
Ich gehe in die erste Kammer. Bei minus 60 Grad verschlägt es mir schon die Sprache. Aus Angst, meine Arme könnten am Körper festfrieren, stehe ich mit ausgebreiteten Armen in der Mitte des Raumes. Nach 20 Sekunden darf ich dann in den finalen Raum: minus 110 Grad. Sofort bekomme ich eine Gänsehaut. Mein Körper schaltet in den Überlebensmodus: Ich bewege mich, singe, schreie und erlebe den Kick, der mir versprochen wurde.
Die Feuchtigkeit in Haaren und an den Wimpern gefriert sichtbar. Die Schmerzen vom Fußballspielen in meinem rechten Knie sind erstmal weg. Das kann aber auch daran liegen, dass ich nur noch Kälte spüre. Nach drei Minuten komme ich wieder heraus - mit angefrorenen Haaren und zitternd.
Die Haut prickelt, der Körper ist wach, gleichzeitig setzt ein starkes Kälteempfinden ein. Meine erste Reaktion: "Es war wirklich krass, ich dachte nicht, dass man wirklich drei Minuten aushält. Aber es geht tatsächlich, wenn man erst mal drinnen ist, dann macht der Körper das verwunderlicherweise mit."
Ich bin total aufgedreht. Das sei bei vielen Besuchenden so, bestätigt Wendt. "Im ersten Moment sind unsere Gäste voll mit Dopamin und Adrenalin. Das ist auch völlig in Ordnung, weil es ein krasses Erlebnis war", erklärt sie. Die eigentliche Entspannung setze oft erst eine halbe Stunde nach der Anwendung ein.
Trockene Kälte, anderes Mindset: Deshalb habe ich überlebt
Warum überlebt man das? Entscheidend sei die kurze Dauer, damit der Körper mit der Belastung klar komme, erklärt mir Wendt. Zu lange in der Kältekammer sollte man sich nicht aufhalten.
Ein weiteres Thema ist das Mindset: "Bei minus 20 Grad im Winter sind wir meistens ganz dick eingepackt und denken: Boah, ist das kalt. Heute ist es so, dass du in Badehose vor mir stehst und gut vorbereitet warst. Ich habe dir gesagt, dass die Kälte kommt, dass du sie aushalten wirst und sicher bist", sagt Michelle Wendt.
Kältekammer als Biohacking: Was die extreme Kälte bewirken soll
Kältekammern werden häufig unter dem Schlagwort Biohacking angeboten - also Anwendungen, mit denen Menschen ihren Körper gezielt Reizen aussetzen, um fitter oder widerstandsfähiger zu werden. Laut Michelle Wendt sagen einige Gäste, dass die Anwendung auch ihrer mentalen Gesundheit helfe. "Sie haben schon berichtet, dass es sie einfach so ein bisschen resilienter macht", sagt sie.
Einige Schmerzpatientinnen und -patienten empfinden ihr Leiden kurzzeitig als deutlich reduziert. Menschen mit bestimmten Hauterkrankungen erzählen, dass sich ihr Hautbild verbessert habe. Sportlerinnen und Sportler nutzten die Kältekammer zur Regeneration nach intensiven Trainingsphasen und schilderten, dass sich die Erholungszeit verkürze, sagt Wendt.
Ich habe für mich gelernt: Mit nur einem Besuch ist es nicht getan. Meine Knieschmerzen waren wenige Stunden später wieder zurück. Und der Arbeitsalltag macht die Entspannungs- und Erholungseffekte auch schnell zu Nichte. Wirklich langfristige Effekte konnte ich mit dem einen Besuch so nicht erzielen. Wenn ich es mir leisten wollte, könnte ich aber sogar jeden Tag vorbeikommen sagt, Michelle Wendt. Das würde aber auch ganz schön ins Geld gehen.
Kältekammer ein Trick gegen die Hitzewelle?
Doch stellt sich durch den Kälteschock ein nachhaltiger Kühlungseffekt ein oder nimmt man die Hitze draußen danach eher noch intensiver wahr? Laut Wendt hängt das sehr von der Person ab: "Das ist so ein bisschen das objektive Befinden von unseren Gästen. Manche mögen es bei heißen Temperaturen in die Sauna zu gehen und manche lieben es eine Abkühlung zu genießen."
In der Kältekammer wird hauptsächlich die Hauttemperatur gesenkt, nicht die Körperkerntemperatur. Deshalb ist der kühlende Effekt eher kurzzeitig. Für besonders hitzeempfindliche Menschen kann der Kontrast zwischen extremer Kälte und hohen Außentemperaturen belastend sein. Ein Grund mehr, die eigene Belastbarkeit realistisch einzuschätzen.
Risiken und Sicherheit: Wer darf in die Eiseskälte?
Aus Sicherheitsgründen wird die Anwendung der Kältekammern bei offenen Wunden, frischen Operationsnarben, kurz nach Operationen, in der Schwangerschaft und bei Personen mit viel Metall im Körper (zum Beispiel großen Implantaten) nicht empfohlen. Auch Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder einem Infekt dürfen nicht rein.
Kältekammer: Eine teure Abkühlung
Ein Besuch in der Kältekammer im Solemar kostet je nach Angebot etwa 39 Euro. Auch bei anderen Anbietern liegen die Preise meist zwischen 30 und 50 Euro pro Sitzung. Ein Bad im kalten Fluss oder See ist deutlich günstiger, hat aber andere Effekte: Beim Eisbaden sinkt die Körperkerntemperatur stärker, weshalb es sorgfältig vorbereitet sein und nur von gesunden, erfahrenen Menschen durchgeführt werden sollte.