Das Feuilleton ist begeistert
Ist Shida Bazyars „Die Lücken“ der Roman des Jahres? Für die diesjährige Jury des Deutschen Buchpreises gibt es keine Zweifel. Schon im Vorfeld der Verleihung waren zahlreiche Elogen über diesen Roman zu lesen.
In der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ hieß es beispielsweise etwas apodiktisch, es gebe „in diesem Herbst keinen eindrucksvolleren Roman“. Worum geht es in dem Buch und was zeichnet die Prosa aus, die das Feuilleton restlos begeistert?
Eine passable Shortlist – mit einer Fehlentscheidung
Lücken der Erinnerung
Schauplatz der verschiedenen Erzählstränge in „Die Lücken“ ist das fiktive Hunsrück-Dorf Heimesbach, das Bazyars Geburtsort Hermeskeil nachempfunden ist.
Auf 500 Seiten werden eine ganze Reihe von Lebensgeschichten in verschiedenen Epochen geschildert. Im Mittelpunkt stehen jüdische Familien, die den Ort geprägt haben, die von den Nazis vertrieben, deportiert und umgebracht wurden. Es geht aber auch um die NS-Täter, um Mitläufer und um die Nachkriegszeit, in der sich niemand in Heimesbach mehr an die Verbrechen in der Vergangenheit erinnern möchte.
Der Roman basiert auf historisch verbrieften Biografien; der Text ist eine fleißige Recherchearbeit, und manchmal liest sich die Prosa auch so – etwas weniger wäre hier mehr gewesen. Zumal das Thema keineswegs neu ist, gehört es doch zum Grundbestand der deutschsprachigen (Anti-)Heimatliteratur seit 1945.
Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2026 Schriftstellerin Shida Bazyar: „Wer über die NS-Zeit schreibt, macht sich unbeliebt“
Projektgruppe, Ausstellung, Stolpersteine: Die Schriftstellerin Shida Bazyar setzt sich nicht nur in ihrem neuen Roman mit der Nazivergangenheit ihres Heimatorts Hermeskeil auseinander.
Ein Roman gegen die Gleichgültigkeit
Durchaus überraschend und interessant sind die migrantischen Perspektiven im Roman: Zwei iranische Familien flüchten nach Deutschland, werden im ehemaligen „Gaumusterdorf“ Heimesbach einquartiert, erleben dort Ablehnung, Rassismus, aber auch Neugier und Unterstützung. Der kaleidoskopartig angelegte Text lebt von Zeitsprüngen und wilden Szenenwechseln.
Der Erzählgeist macht´s möglich: Eine Tote schaut auf die Verstorbenen und die Lebenden in dieser oft unheimlichen Heimat. Die Jury nennt das Werk völlig zurecht einen „Roman gegen die Gleichgültigkeit“.
Gewinnerin des Deutschen Buchpreises 2026 Shida Bazyar und ihr Roman „Die Lücken“: Hochaktuell und zugleich zeitlos
Heimesbach im Hunsrück gibt es nur im Roman und doch ist es ein Ort, wie es ihn überall in Deutschland gibt. Wo Menschen vertrieben wurden, aber auch ankommen dürfen.
Wie wichtig ist der Buchpreis wirklich?
Als Gewinnerin des Deutschen Buchpreises darf sich Shida Bazyar neben dem Preisgeld von 25.000 Euro über rasant steigende Buchverkäufe im fünf- oder auch sechsstelligen Bereich freuen. Das zeigen jedenfalls die Erfahrungen aus den Vorjahren.
Trotzdem scheint das Interesse der Verlage am Buchpreis ein wenig nachzulassen. 106 Verlagshäuser haben in diesem Jahr 180 Romane eingereicht – deutlich weniger als im Vorjahr. 2025 haben sich noch 124 Verlage mit 229 Romanen beim Buchpreis beteiligt. Hat die Auszeichnung also an Strahlkraft verloren?
Der Buchpreis zwischen Erfolg und Kritik
In den Anfangsjahren wurde der Buchpreis als Marketing-Maßnahme verspottet. Doch der merkantile und mediale Erfolg gab den Erfindern des Preises recht.
Auch dass immer wieder herausragende Titel von der Jury übergangen werden und deutlich schwächere Werke in die Endrunde kommen, scheint niemand mehr aufzuregen. In diesem Jahr wurde – wenn das Thema Buchpreis aufkam – allerdings nicht nur über Literatur diskutiert. Zum ersten Mal stand ein Jury-Mitglied massiv in der Kritik.
Debatte um Jury-Mitglied El Hissy
Die Literaturwissenschaftlerin Maha El Hissy hatte in einem umfangreichen Essay auf äußerst einseitige Weise über die Geschichte des Nahost-Konflikts geschrieben.
Die Autorin betrauerte auch den Tod eines palästinensischen Journalisten, dem von israelischer Seite vorgeworfen wird, als Scharfschütze der Hamas an Terrortaten beteiligt gewesen zu sein.
Schon im August hatte der Publizist Claudius Seidl darauf hingewiesen und in der Süddeutschen Zeitung gefragt, „warum ausgerechnet diese Germanistin in diesem Jahr in die Jury des Deutschen Buchpreises berufen wurde“.
Auch der Protest von jüdischer Seite war nicht zu überhören: Die Holocaust-Überlebende Charlotte Knoblauch erklärte, El Hissy habe sich „neben ihrer literarischen Tätigkeit mit wüsten anti-israelischen Publikationen einen zweifelhaften Namen gemacht“. Die „postkoloniale Sprache“ schlage „bei ihr oft in Judenhass um“.
Ein Skandal, der keiner sein durfte
Empörung und Protest wurden ignoriert. Der Vorsteher des Börsenvereins, Sebastian Guggolz, verwies auf die „fachliche Expertise“ der umstrittenen Jurorin und ihre „Erfahrung als Mitglied mehrerer Preisjurys“.
Vielleicht würde es der Vielfalt im Literaturbetrieb dienen, wenn in den Jurys nicht immer dieselben Personen sitzen.
Tatsächlich war El Hissy, von der keine nennenswerten Besprechungen deutschsprachiger Literatur bekannt sind, in diesem Jahr auch Mitglied in der Jury des Wilhelm-Raabe-Preises – den vor wenigen Wochen ebenfalls Shida Bazyar erhalten hat.
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