Ganz sicher einer der Romane des Jahres: Shida Bazyar, geboren 1988 in Hermeskeil als Tochter iranischer Emigranten, war mit ihrem Debütroman „Nachts ist es leise in Teheran“ in diesem Jahr für den International Booker Prize nominiert; ihr neuer und dritter Roman „Die Lücken“ sorgt nun in Deutschland für große Aufmerksamkeit.
Es ist tatsächlich der große Wurf, den Bazyar auf mehr als 500 Seiten anpeilt. Eine Tiefenbohrung in Sachen Heimat. Und so heißt das fiktive Hunsrückdorf, in dem der Roman angesiedelt ist, konsequenterweise Heimesbach, ähnelt aber auffällig ihrem Geburtsort Hermeskeil.
Schon die ersten Sätze von „Die Lücken“ machen deutlich, dass ein Geheimnis in der Luft liegt:
„Wenn wir es gewusst hätten, was hätte es geändert? Hätte unsere Mutter die Fenster geöffnet und der Sonne misstraut? Unser Vater aufgehört, den alten Nachbarn zu grüßen? Vielleicht wären du und ich aus Protest nicht mehr in dieses eine Bekleidungsgeschäft gegangen, auch wenn es das einzige im Ort war, in dem es Levi’s Hosen zu kaufen gab.“
Schnell stellt sich heraus: Hier spricht ein Geist. Und der ist in Heimesbach gelandet. Ein Geist hat den Vorteil, durch die Zeiten streifen zu können, unsichtbar, aber beobachtend.
Heimesbach war ein so genanntes „Gaumusterdorf“ in nationalsozialistischen Zeiten, wie Hermeskeil auch. Bazyar hat ausgiebig recherchiert; sie verfolgt die Lebensläufe von Bürgern des Dorfes, jüdischen und nichtjüdischen, von den 1920er Jahren bis in die Gegenwart. Aber sie fügt diesem Edgar Reitz-Blick auch eine neue Perspektive hinzu, nämlich die zweier aus dem Iran immigrierten Familien, die mit einem anderen Begriff von Heimat auf das Dorf schauen.