Gespräch

Wenn Achtsamkeit nach hinten losgeht

Achtsam zu sein, findet die Autorin Kathrin Fischer nicht verkehrt: Stress zu vermindern, den Blutdruck zu senken, besonnener zu werden. Doch was, wenn Achtsamkeit zur Ideologie wird, alle Probleme der Welt mit sich allein auszumachen?

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Stand

Achtsamkeit als Antwort auf alle Probleme

„Achtsam geht die Welt zugrunde“: Der provokante Titel des neuen Buchs von Kathrin Fischer wendet sich gegen die Ideologisierung eines Trends: jederzeit achtsam zu sein, sich selbst nicht unnötig stressen zu lassen. Dabei habe sie an sich gar nichts gegen Achtsamkeit, sagt Fischer im Gespräch mit SWR Kultur.

Sie selbst mache seit vielen Jahren Qigong. Das tue ihr sogar „sehr, sehr gut“, sagt Kathrin Fischer. Achtsamkeit als Ideologie jedoch sei etwas ganz anderes. Dann nämlich, „wenn Ein- und Ausatmen nicht mehr in der konkreten Situation hilft, sondern die Antwort auf alle Probleme wird.“

Höherer Druck, sich einfach anzupassen

Das zweifelhafte Ergebnis aus Sicht der Autorin: Strukturelle, wirtschaftliche oder politische Probleme werden als Resilienz-Aufgabe einfach beim einzelnen Menschen abgeladen. Die Miete steigt? Der eigene Arbeitsplatz ist unsicher? Dann gilt es wohl, mehr zu meditieren.

Auf solche Weise wachse der Druck auf jeden Einzelnen, sich anzupassen, statt Veränderungen einzufordern. Das jedoch sei „nicht die politische Lösung“, kritisiert Kathrin Fischer.

Krieg und Klimakrise, Beschäftigungslosigkeit, steigende Lebensmittel- und Mietpreise seien äußere Stressoren. Achtsamkeit als Ideologie erzeuge den Eindruck, bewusstes Atmen würde helfen, damit fertig zu werden, die „Heimat für mein inneres Kind“ zu finden.

Autorin und Journalistin Kathrin Fischer
Die Autorin und Journalistin Kathrin Fischer hanserblau | Ekaterina Dehde

Sinkende Toleranz für Verletzlichkeit

Auch im Miteinander könne das fatale Folgen haben. Statt sich zu helfen, seien viele „reflexhaft mit Ratschlägen bei der Hand, wenn es Leuten schlecht geht“. Beispiele fallen Kathrin Fischer genügend ein: „Du musst halt manifestieren, du musst Breathwork machen, du musst Yoga machen, du musst mal das Übungsbuch für das innere Kind machen, dann wird es dir schon besser gehen.“

Statt Menschen wirklich resilienter zu machen, sinke paradoxerweise auf diese Weise die Toleranz für Verletzlichkeit. Das Bewusstsein schwinde dafür, „dass es Leuten schlecht geht, weil man ja glaubt, man hätte so ein einfaches Werkzeug, mit dem man alle Leute dazu bringen kann, dass es ihnen gut geht.“

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