„Gute Mütter, schlechte Mütter?“

Einzelprojekt Mutterschaft? Franca Lehfeldt über ihr neues Buch

In „Gute Mütter, schlechte Mütter?“ kritisiert Franca Lehfeld alte Rollenbilder und übergriffige Erwartungen. Warum Familien mehr Unterstützung und ein Dorf brauchen.

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Stand

Geburtenrate in Deutschland auf historischem Tiefstand

Die Deutschen bekommen immer weniger Kinder. 2025 lag die Geburtenrate bei nur noch 1,32 Kindern pro Frau – ein historischer Tiefstand. Über die Gründe wird viel diskutiert: Zukunftsängste, wirtschaftliche Unsicherheit, hohe Lebenshaltungskosten oder fehlende Betreuung.

Doch hinter der Frage, warum Menschen sich gegen Kinder entscheiden, steckt noch eine andere: Wie geht Deutschland eigentlich mit den Menschen um, die Kinder bekommen?

Die Journalistin Franca Lehfeldt hat dazu eine klare Position. In ihrem neuen Buch „Gute Mütter, schlechte Mütter? Eine Streitschrift gegen alte Rollenmuster und übergriffige Erwartungen“ nimmt sie das deutsche Mutterbild auseinander.

Lehfeldt, die selbst vor einem Jahr Mutter einer Tochter geworden ist, will dabei ausdrücklich keinen Erziehungsratgeber schreiben. Ihr geht es um eine gesellschaftliche und politische Debatte.

„Die deutsche Mutter ist eine sehr aufgeladene Rolle“

Was bedeutet es heute, eine gute Mutter zu sein? Für Lehfeldt ist die Antwort in Deutschland noch immer stark von einem überholten Ideal geprägt.

„Die deutsche Mutter hat auch im europäischen Vergleich eine sehr aufgeladene Rolle“, sagt sie. Dieses Mutterbild sei „mit Aufopferung, mit permanenter Zuständigkeit und permanenter Präsenz verbunden“.

Genau darin sieht Lehfeldt eines der Probleme: Das deutsche Frauen- und Mutterbild sei „hochgradig überholt“. Mutterschaft werde noch immer häufig als persönliche Aufgabe der Frau betrachtet – inklusive der ständigen Bewertung, ob sie diese Aufgabe auch richtig erfüllt.

Ihr Buch versteht Lehfeldt deshalb ausdrücklich nicht als Ratgeber. „Wir stellen ja Mutterschaft oft direkt neben die Stillratgeber ins Regal. Und das ist mein Buch nicht“, sagt sie. Stattdessen sei es „eine politische Schrift“, die das Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachte: von wirtschaftlichen Fragen bis hin zur Identität von Frauen und Müttern.

Journalistin Franca Lehfeldt anläßlich der Aufzeichnung der MDR - Talkshow Riverboat
Bevor Franca Lehfeldt sich selbständig machte, arbeitete sie als Politik-Chefreporterin und Moderatorin bei WELT TV. IMAGO / STAR-MEDIA

„Deutschland hat das Dorf abgeschafft und der Mutter die Rechnung präsentiert“

Eine ihrer zentralen Forderungen fasst Lehfeldt in einem Bild zusammen: Es brauche wieder ein Dorf. Das klingt zunächst nach Nostalgie, gemeint ist aber nicht die Rückkehr zu einer vermeintlich heilen Vergangenheit. Lehfeldt geht es um die Funktion eines Dorfes als soziale Infrastruktur.

Mutterschaft auf verschiedene Schultern zu verteilen, sei für sie der entscheidende Punkt. Großeltern könnten dazugehören, ältere Geschwister, Nachbarn oder andere Eltern, mit denen man sich auf dem Spielplatz oder in der Kita trifft.

„Heute ist Mutterschaft ein Einzelprojekt geworden“, sagt Lehfeldt. Genau das müsse sich ändern. Wenn Betreuung nicht mehr allein bei einer Person liege, verändere sich auch der Blick auf die Mutter. Dann gehe es nicht mehr darum, ob eine einzelne Frau „wirklich jeden Tag das Bio-Essen selber einkocht und dauerpräsent ist“.

Lehfeldt versteht das „Dorf“ deshalb als ein Modell geteilter Verantwortung. „Wenn ich ein Dorf habe, das sind meine Nachbarn, das ist meine Familie“, erklärt sie. Es gehe darum, Betreuung so zu organisieren, „dass wieder mehrere Schultern beteiligt sind“.

Und davon würde nicht nur die Familie profitieren: „Wenn man wieder weiß, wer nebenan wohnt, hat man ein anderes Miteinander“, sagt Lehfeldt.

Franca Lehfeldt und Christian Lindner bei ihrer Hochzeit auf Sylt
Franca Lehfeldt heiratete 2022 den damaligen Bundesfinanzminister und FDP-Politiker Christian Lindner. Die Hochzeit sorgte unter anderem wegen ihrer prominenten Gästeliste und umfangreicher Sicherheitsvorkehrungen für kontroverse Diskussionen. Picture Alliance

Frühkindliche Bildung ist auch Wirtschaftspolitik

Für Lehfeldt endet die Verantwortung allerdings nicht bei Familien und Nachbarschaften. Sie sieht vor allem die Politik in der Pflicht. Frühkindliche Bildung sei auch Wirtschaftspolitik, schreibt sie in ihrem Buch. Denn funktionierende Betreuung ermögliche Eltern überhaupt erst, berufstätig zu sein – und sei gleichzeitig eine Investition in die Zukunft der Kinder.

Umso kritischer blickt Lehfeldt auf den derzeitigen Umgang mit der Kita-Infrastruktur. Während die Geburtenzahlen sinken, werde vielerorts bereits über Rückbau gesprochen.

„Kitas werden dort geschlossen, vor allem in Ostdeutschland stärker als in Westdeutschland, weil man sagt: Ja, wenn wir weniger Kinder haben, dann können wir ja alles zurückbauen“, sagt sie. Das hält Lehfeldt für kurzsichtig: „Wir wissen alle, wie lange es dauert, Infrastruktur wieder aufzubauen.“

Hinzu komme ein Betreuungssystem, das vielerorts schon heute an seine Grenzen stoße. „Wir haben einen Personalschlüssel, also einen Betreuungsschlüssel, der in kaum einer Institution eingehalten wird. Kitas haben im Winter mehr dicht als offen.“

Nicht sparen, sondern Standards endlich erreichen

Lehfeldt fordert deshalb nicht einmal zwingend zusätzliche Milliarden. Ihr geht es zunächst darum, vorhandene Mittel nicht zurückzufahren.

„Wir müssen auch nicht mehr investieren aktuell“, sagt sie. „Wir müssen nur die haushaltspolitischen Mittel, die eigentlich für frühkindliche Bildung vorgesehen sind, jetzt nicht trotz sinkender Geburtenrate reduzieren.“

Denn Deutschland verfehle seit Jahren den eigenen Anspruch. Es gehe nicht allein darum, Kinder während der Arbeitszeit ihrer Eltern unterzubringen. Frühkindliche Bildung müsse ihren Namen auch verdienen. Kinder dürften „nicht aufbewahrt werden“, sagt Lehfeldt. Sie bräuchten ein Umfeld, „in dem sie spielen, lernen und sich in die Gesellschaft überhaupt beginnen zu integrieren“.

Doch vielerorts sei die Realität eine andere: „In den meisten Bundesländern ist ja eigentlich eher das Problem: Wie können wir die Kita offen halten? Und haben wir irgendwie genug Spielsachen?“ Für Lehfeldt wäre es deshalb ein Fehler, aus sinkenden Kinderzahlen unmittelbar Sparpotenziale abzuleiten. „Wir würden am falschen Ende sparen“, sagt sie.

Warum ein Kita-Platz in München 1.000 Euro kosten kann

Besonders absurd findet Lehfeldt die regionalen Unterschiede bei den Betreuungskosten und spricht von einer „Postleitzahl-Lotterie“. „In Schwerin 0 Euro für den Kita-Platz, in München 1.000 Euro“, sagt sie. Das sei weder ein Plan für die Zukunft noch ist das Familienpolitik.

Stattdessen werde Verantwortung zwischen verschiedenen Ebenen hin- und hergeschoben. Für Lehfeldt ist frühkindliche Bildung eine Aufgabe, bei der sich keine Partei aus der Verantwortung ziehen könne: „Es geht uns alle an, es geht alle Parteien an“, sagt sie.

Gerade angesichts der akuten Bildungsprobleme in Deutschland hält sie Einsparungen für schwer vermittelbar. „Wir haben ja alle noch die PISA-Ergebnisse in den Knochen.“ Natürlich gebe es staatliche Ausgaben, bei denen Bürgerinnen und Bürger über Sinn und Zweck diskutierten. Aber bei Bildung und frühkindlicher Förderung müsse die Gesellschaft andere Prioritäten setzen, findet Lehfeldt.

Ein Buch ausdrücklich auch für Männer

Und wo bleiben die Männer in dieser Debatte? Lehfeldt hat ihr Buch ausdrücklich auch für sie geschrieben. Nicht zuletzt deshalb, weil Männer selbst Teil von Familie und Elternschaft sind. „Männer haben eine Mutter“, sagt sie. „Für jeden, der eine Mutter hat, ist dieses Buch.“

Gleichzeitig beobachtet sie eine Veränderung. Männer würden sich zunehmend stärker an der Familienarbeit beteiligen. „Man sieht das ja auch in der Umgebung, ob es auf dem Spielplatz ist oder an der Kita. Also Männer beginnen ja, sich einzubringen.“

Lehfeldt will Männern deshalb nicht einfach vorwerfen, es sich zu leicht zu machen. Gesellschaftlicher Wandel brauche Zeit. „Veränderung braucht mindestens zehn bis 15 Jahre.“ Aber sie glaubt, dass diese Veränderung bereits begonnen hat.

Moderne Familie braucht geteilte Verantwortung

Die Generation ihrer Eltern habe Elternschaft noch anders gelebt, so Lehfeldt. Heute wachse das Bewusstsein dafür, dass Familie nicht automatisch bedeuten müsse, dass eine Person den größten Teil der Verantwortung übernimmt.

Deshalb richtet sich ihr Buch ausdrücklich nicht nur an Frauen. Es gehe nicht darum, dass sich die Mutter noch einmal selbst hinterfragt. „Dieses Buch, das ich geschrieben habe, ist ausdrücklich nicht für die Frau, die sich nochmal überdenken soll in ihrer Mutterschaft.“

Es gehe vielmehr darum, zu verstehen, wie moderne Familie funktionieren kann und welche gesellschaftlichen Bedingungen sie dafür braucht. Lehfeldt berichtet, dass sie bereits von Männern gehört habe, die das Buch gelesen hätten und anschließend sagten: „Mensch, einiges, vieles habe ich nicht gewusst.“

Vielleicht liegt genau darin der Kern ihrer Streitschrift: Die Frage nach Mutterschaft soll nicht länger allein eine Frage an Mütter sein. Wenn Kinder, Betreuung und Familie gesellschaftliche Aufgaben sind, dann muss auch die Verantwortung dafür auf mehrere Schultern verteilt werden.

Und damit wäre das „Dorf“ am Ende weniger ein nostalgischer Sehnsuchtsort als eine politische Forderung: Familie darf kein Einzelprojekt sein.

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Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Kerstin Bachtler
Interview mit
Franca Lehfeldt, Journalistin
Onlinefassung
Helen Roth