In dieser Welt? Nein, in dieser Welt möchte man keinen Nachwuchs, findet Denise (Name von der Redaktion geändert): "Alles wird teurer. Man wird durch Abzüge bestraft, wenn man arbeiten geht." Denise fragt sich, wie man bei den teuren Mieten einem Kind etwas bieten soll. Und wie Eltern für das Kind da sein sollen, wenn der Arbeitgeber nicht mitmacht.
Zu anschaulich sind für sie auch die Beispiele aus ihrem Freundeskreis: Da ist die alleinerziehende Mutter eines Einjährigen, die wieder arbeiten gehen muss, weil das Geld sonst nicht reicht. Oder der getrennt lebende Vater, der seinen Job aufgeben musste, um sich um die Kinder zu kümmern.
Seit Jahren weniger Geburten in RLP
Wie Denise scheint es vielen in Rheinland-Pfalz zu gehen, denn die Geburtenrate ist hier 2025 im vierten Jahr in Folge gesunken, diesmal um 3,7 Prozent. Eine Studie des Statistischen Landesamts besagt, dass das von zwei Faktoren bestimmt wird: der Zahl der Frauen, die Kinder gebären können, und der Zahl der Kinder, die diese Frauen bekommen.
Beides sinkt zuletzt eher. Damit die Bevölkerungszahl stabil bleibt, müsste es mehr Frauen geben und sie müssten mehr Kinder bekommen. Gründe, Kinder später oder weniger zu bekommen als man eigentlich will, kann es laut Studie mehrere geben. Etwa, welche Rolle die Frau in der Gesellschaft spielt, ob es Kitas und Schulen gibt und ob sich Familie und Beruf auch finanziell vereinbaren lassen.
Keine Zukunftsperspektive für junge Eltern
Genau das sind auch Sorgen, die Helga Kudjer-Lauer oft von jungen Eltern hört. Beim Sozialdienst Katholischer Frauen in Trier berät sie ab dem Moment, in dem sich eine Frau für ein Kind entscheidet oder von ihrer Schwangerschaft erfährt bis zum dritten Lebensjahr dieses Kindes. Also auch in einer Zeit, in der die Entscheidung für ein zweites Kind fällt.
Interview zur sinkenden Geburtenrate Schwangerschaftsberatung Trier: "Es wird Angst geschürt, ein Baby zu bekommen"
Geldsorgen, keine Kinderbetreuung, Klimawandel: Es gibt viele Gründe für Paare in Trier, keine Kinder zu bekommen. Helga Kudjer-Lauer hört sie alle in der Beratung beim SKF.
Oder eben nicht. Denn: "Die Zukunftsperspektive ist infrage gestellt", sagt Kudjer-Lauer. Die Paare, die zu ihr kommen, würden sich Gedanken machen, wie sie mit einem Kind alles stemmen sollen: "Es ist ein riesiges Problem, eine adäquate Kinderbetreuung zu organisieren und gleichzeitig finanziell abgesichert zu sein."
Sie beobachtet, dass auch die aktuelle Reform zum Elterngeld Ängste schüre, ein Baby zu bekommen: "Das ist ja kein Luxusthema. Man möchte seinem Kind einen guten Start bieten. Aber die aktuellen Entwicklungen bremsen da eher aus."
Straßenumfrage in Kaiserslautern: Kinder – nein, danke?!
An Spielplätzen, in Cafés und Fußgängerzonen in Kaiserslautern gefragt, wird auch deutlich: Ein Kinderwunsch ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr. In einem Café sitzen zwei Frauen Anfang 20. Die eine kann sich Kinder vorstellen, aber erst einmal will sie ihre Ausbildung abschließen. Die andere sagt klar: "Definitiv nicht." Gründe sind unter anderem der Wunsch nach Freiheit und Flexibilität.
Zeit ist kostbar.
Andere wollen Kinder – aber zu einem späteren Zeitpunkt. Ein Paar (33 und 36) erzählt, dass es "irgendwann schon" Thema sei, zunächst müssten jedoch Wohnort und finanzielle Fragen geklärt sein. Das passt zu den Zahlen: Laut der Studie des Statistischen Landesamts verschiebt sich die Familiengründung seit Jahren nach hinten. Die meisten Kinder werden heute von Frauen um die 30 geboren.
Gleichzeitig entscheiden sich einige bewusst dagegen. "Zeit ist kostbar", sagt eine junge Frau in Kaiserslautern. Zwischen dem Leistungsdruck im Job und ihrem Anspruch, für ein Kind wirklich da zu sein, sehe sie dafür keinen Raum. Auch befreundete Paare würden stattdessen andere Prioritäten setzen, etwa Reisen oder mehr Zeit zu zweit – und nicht selten ersetze ein Haustier den Kinderwagen.
Forscher: Polykrise bremst Wunsch nach Familiengründung
Bernhard Köppen ist Professor für Humangeographie an der Uni Koblenz und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Demographie. Er sagt: "Die Rheinland-Pfälzerinnen und Rheinland-Pfälzer entscheiden sich gar nicht so sehr für weniger Kinder."
Vielmehr verharre die Geburtenrate seit den 1970er-Jahren "auf einem relativ niedrigen Niveau." Dennoch hat der Wissenschaftler mehrere Gründe identifiziert, die den Kinderwunsch junger Menschen aktuell beeinflussen.
Der Klimawandel und eine unfriedliche, unsichere Welt ermutigen nicht, sich für eine Familie zu entscheiden.
"Wir leben derzeit in einer Polykrise, die die Menschen natürlich auch belastet", sagt Köppen. "Da sind Umweltveränderungen wie der Klimawandel, gleichzeitig blicken wir in eine sehr unfriedliche und unsichere Welt. All das ermutigt natürlich nicht dazu, sich für eine Familie zu entscheiden. Und man geht eher in eine Abwartehaltung." Außerdem spiele das Streben nach Perfektionismus eine entscheidende Rolle bei der Frage: Familie, ja oder nein? Auch Social Media habe Anteil daran.
Mehr Kinder in optimistischer Gesellschaft
Äußere Zwänge, wie die der jungen Menschen in Kaiserslautern - der Wunsch nach einer guten Ausbildung, Erfolg im Job oder nach vielen Reisen im Jahr - beeinflussen auch: "Wenn ich glaube, all diesen Ansprüchen genügen zu müssen und dann kommen auch noch Kinder hinzu, wird es unter Umständen schwierig. Weil ich einfach die Zeit dazu nicht habe und auch das Geld nicht", so Köppen.
Jeder Pin zählt! ARD-Mitmachaktion #unsereKinder
Mehr Platz zum Spielen, sichere Schulwege oder kreative Projekte: Bei #unsereKinder zeigt die ARD, was Kinder stark macht – und welche Ideen Deutschland kinderfreundlicher machen können.
Der Wissenschaftler sagt, viele junge Menschen würden sich daher zunächst gegen ein Kind entscheiden. Er sieht die Einflussmöglichkeiten der Politik auf die Situation - beispielsweise durch eine Kindergeldreform - als relativ gering an. Aber: "Eine Politik, die von Bürgerinnen und Bürgern als gut empfunden wird, führt natürlich zu mehr Optimismus." Und eine optimistische Gesellschaft bekomme mehr Kinder.