Fromental Halévys Oper „La Juive” war bis zu den Kulturverheerungen der Nationalsozialisten eine der meistaufgeführten Opern. Erst in jüngster Zeit ist das Werk über Liebe, Hass und Rache zwischen Juden und Christen während des Konzils von Konstanz wieder auf die Bühne gekommen.
Mit der politisch-historischen Aktualität der Oper setzt sich nun das Theater Ulm auseinander. Marco Štorman inszeniert die Neuproduktion, die musikalische Leitung hat Felix Bender.
Die Masse als Wand der Intoleranz
Das Volk begreift nichts vom Geschehen. Es steht da als uniforme Masse, wie eine abweisende Wand. Regisseur Marco Štorman zeigt den Chor als Kollektiv der Intoleranz: Feixend, grimassierend, fingerzeigend tritt er gegen die Außenseiter auf. Die manipulierte Menge wirkt ideologisiert, ohne individuelle Kontur.
Individualität besitzen nur die Hauptfiguren. Die Kostüme von Julia Radewald changieren dabei zwischen Historie und Gegenwart und geben den Figuren klare Profile.
Schwarzer Kasten, konzentriertes Kammerspiel
Bühnenbildnerin Theresa Isabella Malessa reduziert die Bühne auf einen schwarzen Kasten. Bewegliche Halfpipe‑Module stehen zeichenhaft für das städtische Ambiente des Stücks.
In Innenszenen dominieren übergroße Schnabelschuhe als Skulpturen der Hofgesellschaft. Vor dem Hintergrund der gemeinen Masse spielt sich dann die haarsträubende Geschichte des Juden Eléazar und seiner Ziehtochter Rachel als konzentriertes Kammerspiel wie in einem bürgerlichen Trauerspiel ab.
Überlagerung von Rache, Schuld und Identität
Rachel, die titelgebende Jüdin, ist eigentlich gar keine. Eléazar hat sie als Kind des Kardinals Brogni aus den Flammen gerettet, angenommen und im jüdischen Glauben erzogen. Brogni ließ zuvor Eléazars Söhne als Ketzer verbrennen. Die persönliche Vorgeschichte verschärft den religiösen Konflikt: Rache, Schuld und Identität überlagern sich.
Rachel verliebt sich in den Reichsgrafen Léopold, der sich zum Schein als Jude ausgibt. Joshua Spink gibt diesen in Silber Gepanzerten mit hellem Gold in der Kehle. Die eunuchenhafte Stimmlage wird zum gekonnten Ausdruck seiner feigen Falschheit, denn Léopold ist bereits mit der Christin Eudoxie verheiratet.
Als alles auffliegt, denunziert die gekränkte Rachel den Liebhaber. Aus privatem Verrat wird religiöse Verfolgung. Wegen der verbotenen Beziehung zu einem Christen werden Rachel und Eléazar zum Scheiterhaufen verurteilt. Eléazar versucht vergeblich, Rachel zur Taufe zu überreden, um sie zu retten. Beide erleiden ihr Martyrium.
So rächt sich Eléazar. Brogni, der Mörder seiner Söhne, hat mit seinem Urteil sein eigenes Kind töten lassen. Verständnislos blöd bejubelt der Chor an der Rampe die Vernichtung der Außenseiter.
Klang statt Effekte
Felix Bender verzichtet als musikalischer Leiter des bestens disponierten Orchesters auf die Effekte von Ballett und großen Massenszenen außerhalb der eigentlichen Tragödie. Die geschickte Einkürzung der epischen Partitur dient der klugen szenischen Entfaltung der dialektischen Spannung: hier die Infamie des Kollektivs, dort die Tragödie des Individuums.
Štormans optischer Minimalismus schafft Raum für die Präsenz der melodischen Fülle eines nach wie vor unterschätzten Meisterwerks.
Stimmlich entfaltet sich die Oper intensiv lyrisch. Iida Antola gestaltet Rachel trotz Bühnenunfall – sie agiert mit Krücken – darstellerisch reduziert, aber stimmlich souverän. Ihr Duett mit der Rivalin Eudoxie wird dank der erotischen Verführungskraft der grandiosen Maria Rosendorfsky zu einem abgründig sinnlichen Klangbad.
Christian Tschelebiew ist ein mächtiger Brogni. In der kraftzehrenden Partie des Eléazar schlägt sich Markus Francke heldenhaft. Sein Abschiedsgesang mit melancholisch jüdischer Terzenmelodik rührt zu Tränen und bündelt die Tragik dieser Figur.
Oper ohne erhobenen Zeigefinger
Für diese nachdenkliche Umsetzung einer großen historischen Oper an einem mutigen mittleren Haus gibt es zu Recht Standing Ovations.
Ohne politisch korrekt belehrenden Zeigefinger, aber mit klarer Haltung zeigt das Theater Ulm, wie eine Oper über Intoleranz, Schuld und Rache heute zu uns spricht. Den weiteren Aufführungen ist mehr Publikum zu wünschen als bei der Premiere. Das ist Oper, die alle angeht.
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