Buchkritik

Ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan: „Eddos goldenes Lächeln“

Wie sah das Leben im Sudan bis in die 1980er Jahre hinein aus? Stella Gaitano verbindet in ihrem klugen Roman „Eddos goldenes Lächeln“ Familien- mit Zeitgeschichte.

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Stand

Von Autor/in Sonja Hartl

Die 1960er Jahre im Süden des Sudan. Elf Kinder hatte Eddo geboren, zehn sind gestorben. Deshalb hat sie Angst, dass das noch überlebende kleine Mädchen auch sterben wird. 

Auf Anraten einer älteren Frau nennt sie es Irinu – die Vielscheißerin. Mit diesem Namen sollte selbst der Tod Abscheu vor ihr haben! Tatsächlich überlebt Irinu, wird von christlichen Missionaren in Lucy umbenannt und eine reizende junge Frau. 

Am Todestag ihrer Mutter macht ihr der junge Mann Marco einen Antrag. Sie nimmt ihn an – und wird fortan erfüllen, was ihre Mutter vor ihrem Tod von ihr verlangt hat: All die Kinder zu bekommen, die Eddo verloren hat.  

So wundersam beginnt Stella Gaitanos Roman „Eddos goldenes Lächeln“ – voller Mythen und Spiritualität, voller starker Frauen, die es mit dem Tod und gewalttätigen Männern aufnehmen. Doch die Kämpfe um die Unabhängigkeit des Südsudan rücken näher: 

„Dann breitete sich Bedrücktheit aus im Dorf, Kugeln zerteilten die Himmelskuppel in der tiefen Finsternis, sirrten eine Zeit lang in der Luft, bis ihr Licht schließlich erlosch wie verirrte Sterne. Menschen suchten Zuflucht in ihrem Dorf und brachten Nachrichten von Tod und Feuer mit, auf den Kleidern getrocknetes Blut von Opfern, die sie nicht hatten bestatten können.“ 

Neues Leben in Karthum 

Marco und Lucy fliehen in den Norden des Landes, in die Hauptstadt Karthum. Sie ziehen zu Marcos Studienfreund Peter und seiner Familie.  Das Urbane und das Arabische brechen in Lucys Leben ein – und der Tonfall des Romans verändert sich, der Personen- und Erzählstimmenkreis erweitert sich: 

Peter erzählt seine Geschichte. Er ist mittlerweile Offizier in der sudanesischen Armee. Auch er kommt aus dem Süden, ist aber bei einem arabischen Kaufmann aufgewachsen und anders als Lucy das Leben in der Stadt gewöhnt. 

Eine andere Perspektive gehört seiner beeindruckenden Ziehschwester – eine feministische Rechtsanwältin – in deren Leben nicht Mutterschaft im Zentrum steht. 

Die verschiedenen Stimmen lassen sich in der überzeugenden Übersetzung von Larissa Bender mühelos am Tonfall unterscheiden und im Zusammenspielt mit dem episodischen Erzählen entsteht ein vielschichtiges und lebendiges Bild des Sudan bis in die 1980er Jahre hinein. 

Die politischen Ereignisse – das Abkommen von Addis Abeba, der zweite Bürgerkrieg – schwelen lange im Hintergrund, dann erreichen bewaffnete Kämpfe auch Karthum.

Durch die Konzentration auf die Figuren wird deutlich, wie die Politik alle Lebenswege beeinflusst, wie das Misstrauen größer wird, die Gewalt allgegenwärtiger. Aber auch der Gedanke, dass das Zusammenleben verschiedener Religionen und Sprachen grundsätzlich möglich wäre.  

Fast schon prophetisch 

Stella Gaitano wurde 1979 in Karthum geboren, aber ihre Eltern stammen aus dem Süden des Sudans. Mit der Unabhängigkeit des Südsudans 2011 verloren ihre bisherigen Ausweispapiere ihre Gültigkeit und sie musste den Norden verlassen. Seit 2022 lebt sie in Deutschland.

Dieser Roman ist im arabischen Original bereits 2018 erschienen – und manche Passagen lesen sich angesichts der Gegenwart im Sudan fast prophetisch:  

Obwohl ich Offizier der bewaffneten Streitkräfte bin, bin ich gegen die Herrschaft des Militärs über einige der zivilen Institutionen. Das ist einer unserer historischen Fehler, der uns wie ein Fluch verfolgen wird.

„Das Fieber der Militärputsche, wenn sie von Parteien unterstützt werden, genau wie wir unsere Regierungszeit begonnen haben, wird leider nicht abnehmen, sondern sie werden sich vermehren wie Algen. Selbst der dümmste Soldat hat angefangen, von der Macht zu träumen.“ 

Der kluge und komplexe Roman spart Konflikte und Gewalt nicht aus, aber wie schon in ihrer Kurzgeschichtensammlung „Endlose Tage am Point Zero“ gibt es viel Wärme, Humor und sehr originelle Bilder.

Da erscheint Lucy der Himmel nackt, „weil er sich seine Wolken nicht übergezogen hatte“ oder brennt die mutige Sonne mit „Kühnheit auf die Köpfe“. Es ist ein einzigartiger Stil einer sehr talentierten Autorin. Hoffentlich wird es noch mehr von Stella Gaitano zu lesen geben!  

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Sonja Hartl