Wenn das Unheimliche real wird
Eine Gespenstergeschichte, Psychodrama, homosexuelles Begehren und sexueller Missbrauch – das sind die brisanten Themen von Benjamin Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“ nach einer Erzählung von Henry James.
Der Horror einer Gespenstergeschichte stellt sich ein, wenn das Unheimliche real wird. Die Geister Peter Quint und Miss Jessel werden Wirklichkeit, weil sie singen.
Am Theater Ulm ist Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte von der geisterhaften Realität überzeugt. Mit sehr physischer Präsenz tritt hier das verwesende Gewesene in Erscheinung und bemächtigt sich der Kinder.
Knabe Miles als Marionette
Den Knaben Miles führt Quint wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden. Wenn er ihn als kleines, willenloses Tier reitet, ist andeutungsreich klar, welch perverse Geheimnisse die beiden miteinander teilen. Hier wird Brittens verborgenes Spannungsverhältnis klar: Er liebt diese Knaben und ihre Stimmen.
Wer Emanuel Dausend als Miles mit seiner geraden und klaren Sopranstimme hört, ihn so intensiv agieren sieht, weiß, woher die Faszination Brittens rührt. Im Schrecklichen wohnt eben auch das Schöne.
Spiegeleffekte und surreales Puppentheater
Die Inszenierung ist erschreckend schön. Das Klaustrophobische des Horrors ist ein Raum zwischen den Zimmern, begrenzt von Türflügeln. Im Hintergrund ein Fenster, in dem ein erleuchtetes, nie genau fassbares Außen aufscheint.
Der Ausblick verwandelt sich in einen Fluchteffekt der Spiegel im Spiegel, in dessen unendlichen Gängen die beiden Gespenster ein surreales Puppentheater aufführen.
Doubles erzeugen Spiegeleffekte, wie in klassischen Horrorfilmen. Wie die Vampire haben diese Gespenster keine Spiegelbilder. Wenn sie in Erscheinung treten, flackert die Lampe und die Vorhänge beginnen zu wabern, Tisch und Stuhl bewegen sich von Geisterhand.
Die Governess und ihr dunkler Gegenspieler
Die Governess wird von Maria Rosendorfsky gesungen und ist eine ambivalente Figur. In rabenhaftes Schwarz gehüllt, wirkt sie wie ein düsterer Vogel, der sich der Rettung der kindlichen Unschuld verschrieben hat.
Doch ihre gut gemeinten Absichten führen oft zu ungewolltem Unheil; eine Ambivalenz, die Rosendorfsky mit beeindruckender stimmlicher Intensität verkörpert.
Ihr Gegenspieler ist Peter Quint, dargestellt von Markus Francke. Im Prolog tritt er zunächst als höflicher Gentleman auf, der sich umso grusliger in den lebenden Leichnam Quints verwandelt.
Schönheit im Schrecklichen
Panagiotis Papadopoulos hat das Philharmonische Orchester als fabelhaftes Solistenensemble geformt für die Sinnlichkeit all der Klangmalereien, die sich in wunderschönen Klarinettenkantilenen, den Hörnern der Bäume und dem Schlagzeug des Schreckens entfalten.
Wer die Schönheit des Schrecklichen erfahren will, muss nach Ulm fahren.
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