Ein Psychothriller im Kammeropernformat

Benjamin Brittens Oper „The Turn of the Screw“ am Theater Ulm

Benjamin Brittens „The Turn of the Screw“ ist von bedrängender Aktualität. Das Theater Ulm inszeniert die Oper als packendes Psychodrama neu.

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Von Autor/in Bernd Künzig

Wenn das Unheimliche real wird

Eine Gespenstergeschichte, Psychodrama, homosexuelles Begehren und sexueller Missbrauch – das sind die brisanten Themen von Benjamin Brittens Kammeroper „The Turn of the Screw“ nach einer Erzählung von Henry James.

Der Horror einer Gespenstergeschichte stellt sich ein, wenn das Unheimliche real wird. Die Geister Peter Quint und Miss Jessel werden Wirklichkeit, weil sie singen.

Am Theater Ulm ist Regisseur und Ausstatter Hinrich Horstkotte von der geisterhaften Realität überzeugt. Mit sehr physischer Präsenz tritt hier das verwesende Gewesene in Erscheinung und bemächtigt sich der Kinder.

The Turn of the Screw, Musik von Benjamin Britten, nach der Novelle von Henry James
Alyce Daubenspeck (Mrs. Grose), Sungeun Park (Flora), Jonas Dausend (Miles), Maria Rosendorfsky (The Governess). Pressestelle Theater Ulm | Kerstin Schomburg

Knabe Miles als Marionette

Den Knaben Miles führt Quint wie eine Marionette an unsichtbaren Fäden. Wenn er ihn als kleines, willenloses Tier reitet, ist andeutungsreich klar, welch perverse Geheimnisse die beiden miteinander teilen. Hier wird Brittens verborgenes Spannungsverhältnis klar: Er liebt diese Knaben und ihre Stimmen.

Wer Emanuel Dausend als Miles mit seiner geraden und klaren Sopranstimme hört, ihn so intensiv agieren sieht, weiß, woher die Faszination Brittens rührt. Im Schrecklichen wohnt eben auch das Schöne.

The Turn of the Screw, Musik von Benjamin Britten, nach der Novelle von Henry James
Maria Rosendorfsky (The Governess) und Emanuel Dausend (Miles). Pressestelle Theater Ulm | Kerstin Schomburg

Spiegeleffekte und surreales Puppentheater

Die Inszenierung ist erschreckend schön. Das Klaustrophobische des Horrors ist ein Raum zwischen den Zimmern, begrenzt von Türflügeln. Im Hintergrund ein Fenster, in dem ein erleuchtetes, nie genau fassbares Außen aufscheint.

Der Ausblick verwandelt sich in einen Fluchteffekt der Spiegel im Spiegel, in dessen unendlichen Gängen die beiden Gespenster ein surreales Puppentheater aufführen.

Doubles erzeugen Spiegeleffekte, wie in klassischen Horrorfilmen. Wie die Vampire haben diese Gespenster keine Spiegelbilder. Wenn sie in Erscheinung treten, flackert die Lampe und die Vorhänge beginnen zu wabern, Tisch und Stuhl bewegen sich von Geisterhand.

The Turn of the Screw, Musik von Benjamin Britten, nach der Novelle von Henry James
Maria Rosendorfsky (The Governess) und Markus Francke (Quint / The Prologue). Pressestelle Theater Ulm | Kerstin Schomburg

Die Governess und ihr dunkler Gegenspieler

Die Governess wird von Maria Rosendorfsky gesungen und ist eine ambivalente Figur. In rabenhaftes Schwarz gehüllt, wirkt sie wie ein düsterer Vogel, der sich der Rettung der kindlichen Unschuld verschrieben hat.

Doch ihre gut gemeinten Absichten führen oft zu ungewolltem Unheil; eine Ambivalenz, die Rosendorfsky mit beeindruckender stimmlicher Intensität verkörpert.

Ihr Gegenspieler ist Peter Quint, dargestellt von Markus Francke. Im Prolog tritt er zunächst als höflicher Gentleman auf, der sich umso grusliger in den lebenden Leichnam Quints verwandelt.

The Turn of the Screw, Musik von Benjamin Britten, nach der Novelle von Henry James
Maria Rosendorfsky (The Governess). Pressestelle Theater Ulm | Kerstin Schomburg

Schönheit im Schrecklichen

Panagiotis Papadopoulos hat das Philharmonische Orchester als fabelhaftes Solistenensemble geformt für die Sinnlichkeit all der Klangmalereien, die sich in wunderschönen Klarinettenkantilenen, den Hörnern der Bäume und dem Schlagzeug des Schreckens entfalten.

Wer die Schönheit des Schrecklichen erfahren will, muss nach Ulm fahren.

The Turn of the Screw, Musik von Benjamin Britten, nach der Novelle von Henry James
Markus Francke (Quint / The Prologue), Jonas Dausend (Miles). Pressestelle Theater Ulm | Kerstin Schomburg

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