Aktualisierter Klassiker am Nationaltheater Mannheim

„Kasimir und Karoline“ – Horváths Volksstück im KI-Zeitalter

Wirtschaftskrise und Jobverlust damals und heute: Das Nationaltheater Mannheim verlegt Horváths „Kasimir und Karoline“ von 1932 in die Betriebsfeier eines Tech-Konzerns.

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Von Autor/in Marie-Dominique Wetzel

Der Job ist weg, die Liebe auch?

Zwei große, verschiebbare Wände mit jeweils sechs Türen stehen auf der Bühne. Eine Schauspielerin im Roboterkostüm läuft mit einem Staubsauger hin und her. Plötzlich bleibt sie stehen. Auftritt Kasimir und Karoline. Sie will feiern, doch ihm ist überhaupt nicht danach. Gerade hat er seine Anstellung als Chauffeur verloren.

Die beiden gehen wütend auseinander. Und dann tritt Eugen auf den Plan, ein Kollege von Karoline – eine willkommene Abwechslung für sie. Zumal er noch einen Job hat, sogar einen ziemlich guten, im Vorzimmer der Direktorin. Wie aus dem Nichts haut er eine Art „Prophezeiung“ raus: „Da lässt die Liebe nach und zwar automatisch.“

Kasimir und Karoline, Volksstück von Ödön von Horváth
Pessimist Kasimir (Paul Simon) ist gerade arbeitslos geworden, ersetzt durch eine KI. Seine Freundin Karoline (Rahel Weiss) aber glaubt an die Zukunft und will sich ihre Karrieremöglichkeiten in der Firma nicht nehmen lassen. So steht beider Liebe auf dem Prüfstand. Pressestelle NTM Mannheim | Natalie Grebe

Karoline streitet das zuerst ab, aber sie merkt im Verlauf des Abends immer mehr, dass Kasimir „zu schwer“ für sie wird, wie sie sagt. Und sie, sie möchte doch was erleben.

Horváths Stück ist überraschend aktuell

Außerdem muss sie nicht nur an ihre Zukunft denken, sondern auch an die ihres Kindes – denn in der Mannheimer Inszenierung ist Karoline schwanger, weil die Schauspielerin Rahel Weiss es ist. Und tatsächlich gibt das ihrer Figur eine zusätzliche Tiefe.

Auch das Setting hat Regisseurin Charlotte Sprenger verändert: Sie verlegt das Geschehen vom Münchner Oktoberfest auf die Betriebsfeier eines Technologie-Unternehmens, das Roboter produziert.

Außerdem wird Horváths „Volksstück“ vom Anfang der 1930er-Jahre in unsere Gegenwart gebeamt. Wenn der Geschäftsführer der Firma Rauch über die Herausforderungen seiner Zeit spricht, klingt das allerdings sehr bekannt.

Kasimir und Karoline, Volksstück von Ödön von Horváth
Vor dem Hintergrund multipler Krisen, verringerter Sozialleistungen und Aufrüstung, verändern KI und Robotik Arbeit und Leben nachhaltig. Was macht das mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen? Kasimir (Paul Simon) und Karoline (Rahel Weiss). Pressestelle NTM Mannheim | Natalie Grebe

Horváths Stück, das 1932 uraufgeführt wurde, ist überraschend aktuell und bietet viele Anknüpfungspunkte ans Heute. Die Angst der Menschen davor, von Maschinen ersetzt zu werden, dadurch den Job, das Auskommen, den Lebensinhalt zu verlieren – und eventuell eben auch die Achtung und Liebe der Lebenspartnerin oder des Partners.

Neben der Kritik am kompromisslosen Kapitalismus deutet das Stück an, dass solche Wirtschaftskrisen auch ein Nährboden für Extremisten sein können.

Kasimir fühlt sich fremdbestimmt wie ein Roboterhund

Zu den stärksten Momenten des Abends gehört eine Szene, in der der Geschäftsführer einen Roboterhund triezt: Immer und immer wieder muss er Männchen machen, sich hinlegen, Pfötchen geben. Aber nicht nur er, sondern auch Kasimir scheint vom Chef gesteuert zu werden und wetteifert mit dem künstlichen Hund.

Kasimir und Karoline, Volksstück von Ödön von Horváth
Kasimir (Paul Simon) wetteifert mit dem künstlichen Hund, da er sich auch in dieser unterkühlten Firmenwelt komplett fremdgesteuert und herabgesetzt fühlt. Pressestelle NTM Mannheim | Natalie Grebe

Kasimir und Karoline entfremden sich zusehends. Sie treffen zufällig immer wieder aufeinander, aber es kommt zu keiner Aussprache oder Versöhnung. Kasimir steigert sich in seinen Frust hinein und schließt sich dem kriminellen Merkl Franz an.

Toxische Männlichkeit auf der Bühne irritiert

Wie brutal und verachtend der mit seiner Freundin Erna umgeht, ist in der Mannheimer Inszenierung nur schwer zu ertragen. An anderen Stellen hat Regisseurin Charlotte Sprenger durchaus in Text und Handlung eingegriffen – warum sie Merkl Franz seine toxische Männlichkeit so unkommentiert ausagieren lässt und dessen Freundin Erna dazu nur blöd kichert, ist unverständlich und ärgerlich.

Am Ende taucht über dem Geschehen - statt eines Zeppelins - eine riesige Drohne auf; die Roboter scheinen die Macht übernommen zu haben.

Kasimir und Karoline, Volksstück von Ödön von Horváth
Eine riesige Drohne und die Roboter scheinen die Macht übernommen zu haben. v. li.: Ragna Pitoll (Rauch), Rahel Weiss (Karoline). Pressestelle NTM Mannheim | Natalie Grebe

Schade, dass die Inszenierung nach gut einer Stunde zerfasert. Charlotte Sprenger ist der Versuchung erlegen, alle Anknüpfungspunkte ans Heute zu nutzen - also mal da, mal dort an den verschiedenen Themensträngen „zu zupfen“, wodurch der Abend leider deutlich an Intensität verliert.

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Marie-Dominique Wetzel