Kinder, die auf einem Bauernhof aufwachsen, bekommen seltener Allergien, Heuschnupfen und Asthma als Stadtkinder. Dieser sogenannte "Bauernhofeffekt" ist höchstwahrscheinlich darauf zurückzuführen, dass Bakterien aus der Stallluft überschießende Entzündungsreaktionen des Immunsystems verhindern. Ein Forschungsteam aus München hat jetzt einen möglichen Mechanismus dafür gefunden.
Martin Gramlich im Gespräch mit Professor Markus Ege, LMU Klinikum München
Weniger Allergien auf dem Hof
"Bauernkinder erkranken weniger an Asthma, weniger an Heuschnupfen", sagt Prof. Markus Ege. Er forscht an der Kinderklinik des LMU-Klinikums München und dem Helmholtz-Zentrum München. Für Neurodermitis sei die Datenlage weniger klar - hier gebe es je nach Studie Hinweise auf sowohl häufigeres als auch selteneres Auftreten bei Bauernkindern. Ein internationales Forschungsteam um Ege hat nun im Fachjournal New England Journal of Medicine Evidence präzisiert, was hinter dem Effekt stecken könnte.
Schlüsselrolle für Stallbakterien
Bereits vor 15 Jahren zeigte das Team, dass die Vielfalt der Umweltkeime auf Bauernhöfen Kinder offenbar schützt. Jetzt sind die beteiligten Bakterien erstmals exakt beschrieben.
Die Forschenden identifizierten neun Arten sogenannter gram-positiver, anaerober Bakterien. Diese Keime leben ohne Sauerstoff und stammen aus dem Darm von Kühen. Dort produzieren sie Stoffwechselprodukte, die unter Sauerstoffeinfluss nicht entstehen würden: "Wir nehmen an, dass diese Substanzen eine Rolle spielen im schützenden Effekt", so Ege.
Schutz aus dem Staub
Wie gelangen die Bakterien zu den Kindern? Die Antwort liegt im Staub - im Stall und im Schlafzimmer. Wenn Futter verteilt wird, staubt es kräftig. Die Partikel werden aufgewirbelt und setzen sich auf Fensterbänken ab. "Das wird aufgewühlt in die Luft und die Kinder atmen das ein", erklärt Ege. Vielleicht verschlucken sie auch etwas, aber der wichtigste Kontakt sei über die Atemwege.
Den Beleg dafür fand das Team in Staubproben aus Kuhställen und aus Matratzen der Kinder. Die Forscher untersuchten zudem Rezeptoren auf den Atemwegzellen, an die die Stoffwechselprodukte binden können, und fanden dabei eindeutige Zusammenhänge mit dem Schutz vor Asthma.
Mehr als nur "zu sauber"
Lange galt die Hypothese, Kinder in modernen Haushalten wüchsen "zu hygienisch" auf und hätten deshalb mehr Allergien. Die neuen Daten präzisieren dieses Bild hinsichtlich der Ursachen von allergischem Asthma: Es geht womöglich nicht nur um generelle "Abhärtung", sondern um ganz bestimmte Mikroben aus dem Stall.
"Es wird wahrscheinlich schon bestimmte Bakterien betreffen", sagt Ege. Der technische Fortschritt habe die Analyse erst möglich gemacht: Mit modernen Hochdurchsatzverfahren konnten die Forschenden Daten von rund 1.000 Kindern auswerten.
Medikament aus dem Kuhstall?
Die Erkenntnisse könnten langfristig neue Präventionsstrategien ermöglichen. Denkbar wäre etwa ein Spray oder eine Art "Impfung", die zentrale Stoffwechselprodukte der schützenden Bakterien enthalten.
"Das langfristige Ziel wäre, das, was man im Kuhstall erfährt, als Medikament herzustellen", so Ege.
Noch sei das jedoch Zukunftsmusik: Die identifizierten Keime und ihre Substanzen müssen pharmakologisch weiter erforscht und so aufbereitet werden, dass sie sicher und wirksam eingesetzt werden können. Bis dahin bleibt der Bauernhof ein natürlicher Schutzraum - und ein Labor der Natur, das Medizinern zeigt, wie unser Immunsystem durch Bakterien geschützt kann.
Hinweis: In einer früheren Version des Artikels wurde an manchen Stellen nicht präzise genug zwischen allergischem Asthma und Allergien unterschieden. Wir haben diese Stellen korrigiert.
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